Sergio Morariu macht die Stadt bunt

Gespräch mit dem Initiator des Internationalen Streetart-Festivals in Temeswar

Mittwoch, 10. Januar 2018

Streetart auf Mauern alter Fabriken und Werke sorgen in Temeswar durch Sergio Morarius Initiative für eine buntere Stadtlandschaft.
Foto: privat

Graffiti, Porträts und Stencils – alte graue Gebäude, Werke und Mauern ändern seit mehreren Jahren ihr herabgekommenes Aussehen. Künstler aus aller Welt kommen nach Temeswar und beleben durch Straßenkunst eine Stadt neu. Der Temeswarer Wasserbauingenieur und Wirtschaftsförderer Sergio Morariu hatte eine Vision, die sich rasch in ein Großraumevent umwandelte. Das ursprüngliche Internationale Graffiti-Festival wandelte sich zu einem Internationalen Streetart-Festival (FISART) und dieses umfasst derzeit Arbeiten in ganz Temeswar und bringt neues Leben in alte Bauten.

Sergio Morariu ist 73 Jahre alt, er wurde in Budapest geboren und hat in Temeswar bis zum Alter von 26 Jahren gelebt. Dann ist er nach Deutschland ausgewandert und hat anschließend 15 Jahre in Peru gelebt. Nach der Wende kehrte Morariu in die Stadt seiner Jugend zurück und macht sich seitdem für die touristische Förderung der Stadt sowie des Banats stark. Eines seiner zahlreichen Projekte ist FISART, das in diesem Jahr zum siebten Mal in der Bega-Stadt veranstaltet wurde. Wie sich alles im Laufe der Jahre entwickelte und wie es damit weiter gehen soll, erfahren Sie aus einem Gespräch, das die ADZ-Redakteurin Andreea Oance mit Sergio Morariu führte.
 

Wie hat sich FISART in den sieben Jahren seit der ersten Auflage entwickelt?

FISART ist eigentlich durch einen Zufall entstanden. Alles basiert auf meinem Hobby zur Fotografie. Ich habe sehr viele Freunde in der Temeswarer Kunstfakultät, denen ich von einer solchen Initiative erzählt habe. Die Idee ist so gut angekommen, dass wir gleich ein Festival organisiert haben. Corina Nani hat alles entstehen lassen. Ich muss zugeben, ich habe nie gedacht, dass etwas draus wird. 2011 haben wir ein reines Graffiti-Festival organisiert. Ich wusste damals noch gar nicht, was Graffiti ist und welches der Unterschied zwischen Schmiererei, Tagging oder Writing ist. Ich habe aber nach der ersten Auflage bemerkt, dass dies nicht unbedingt die Richtung war, die mich interessiert hat, sodass wir dann gemeinsam beschlossen haben, auf Streetart umzuschalten. Das hieß also: keine Unterschriften, keine Schreibereien und Vandalismus, sondern einfach Kunst in irgendeiner Form, die den Leuten gefallen soll, die aber nicht unbedingt allen gefallen muss. Diese soll aber einen Beitrag leisten und eine kunsterzieherische Wirkung zur Folge haben.

FISART ist ein gutes Beispiel für ein Projekt, das ohne viel Planung aber mit viel Einsatz und viel Enthusiasmus, das gebracht hat, was wir jetzt haben: viele hunderte Werke von groß bis zu ultragroß, die den Zuschauern Freude bereiten… an Gebäuden und Wänden sowie an Straßenbahnen und im industriellen Bereich. Dieses letztere nennen wir Industrie-Streetart. Es gibt mehrere Richtungen dabei. Ich habe neulich auch einen passenden Begriff dafür in Halle an der Saale in Deutschland gefunden, wo ich zuletzt bei einem Treffen war: Neomuralism.
 

In der Zwischenzeit ist FISART nicht mehr ein Festival, das in einer bestimmten Zeitspanne stattfindet. Die Künstler kommen das ganze Jahr über nach Temeswar und hinterlassen ihre Werke.
Das haben wir deswegen entschieden, da es ein riesiger Stress war, alles in wenigen Tagen zu organisieren. Das letzte Mal hatten wir über 70 Künstler – die meisten kamen aus Rumänien, aber auch u. a. aus Deutschland, aus der Schweiz und Frankreich. Wir machen das in der Art wie es in London passiert: Dort gibt es ein sogenanntes „Streetart Project“, wobei die Stadt über bestimmte Wände entscheidet, die bemalt werden sollen, dann gibt es eine Ausschreibung, wo sich Künstler bewerben können; nach der Auswahl kommen dann mehrere Künstler über mehrere Wochen bzw. Monate und setzen ihr Projekt um. So sind wir eigentlich zu einem Ereignis gekommen, das gar nicht mehr den Namen „Festival“ verdient. Die Stadt bemerkt gar nicht, dass hier was los ist. Die Bürger können eben nur am Ende die Ergebnisse entdecken.
 

Wie hat sich die Gesellschaft in den letzten Jahren an Straßenkunst gewöhnt? Wie reagieren die Leute, wenn sie eine riesige bunte Wandmalerei plötzlich in ihrem Alltag bemerken?
Ich kann fast nur von positiven Reaktionen sprechen. Zum Beispiel bei Pasmatex kam eine Mitarbeiterin der Fabrik mit Tränen in den Augen und sagte uns, sie arbeite seit 40 Jahren im Werk und habe noch nie so was Schönes gesehen. Die Leute mögen es nicht mehr, das Grau in Grau oder das Grün in Grün, so wie es bei Pasmatex der Fall ist, zu sehen. Momentan gibt es noch die Absicht der Behörden, dass man nur Ruinen bemalen soll. In Halle z. B. werden Häuser renoviert und das Gerüst wird dazu genutzt, um Streetart zu schaffen. Wir haben bemerkt, dass die Industrieanlagen richtig schäbig aussehen und da haben wir uns konzentriert, sie zu verschönern: So ist Kunst an der Mauer bei Colterm, Pasmatex und Aquatim entstanden. Derzeit wird auch im Innern eines Hostels gemalt. Wir gehen auch internationalen Trends nach. In Berlin gibt es seit Kurzem auch ein Streetart-Museum, das wurde mit 2,5 Millionen Euro eingerichtet. Wir haben in Temeswar fünf solche Museen im Freien, ohne zusätzliche Kosten, eingerichtet.
 

Straßenkunst bedeutet nicht nur etwas bemalen – Streetart kann viel mehr sein. Welches sind die internationalen Trends in diesem Bereich und wie kommen Sie mit ihnen in Kontakt?
Streetart kann auch eine Installation oder so wie auf der Hinterwand des Capitol-Freilichtkinos eine Gravur im Beton sein. Von einer Mauer des Capitol-Sommergartens blickt seit einem Jahr ein Auge auf die Passanten. Das haben wir dem portugiesischen Straßenkünstler Alexandre Farto, unter dem Künstlernamen Vhils bekannt, zu verdanken. Er kam 2016 zum ersten Mal nach Rumänien. Vhils zählt zu den bedeutendsten Vertretern der aktuellen Streetart-Szene weltweit, nachdem er diese Kunstgattung auf spektakuläre Weise bekannt gemacht hat. Er greift nämlich nicht zur traditionellen Sprühdose und zu Farbstoffen, sondern zaubert mit der Schlagbohrmaschine großflächige Reliefarbeiten in die Hauswände. Die Ergebnisse sind so atemberaubend schön, dass seine Werke in London, Paris, Rio de Janeiro, Las Vegas oder Shanghai zu sehen sind und inzwischen auch in Temeswar. Im Bereich der Straßenkunst gibt es keine Limits – man muss bloß Fantasie haben.

Wir versuchen immer wieder, auf dem Laufenden mit den Trends in diesem Bereich zu bleiben, und beteiligen uns bei verschiedenen diesbezüglichen Konferenzen. Dieses Jahr waren wir unter anderem in Kassel bei der Veranstaltung „Stadt der Documenta“ und waren bei gleich mehreren internationalen Konferenzen als exklusive Sprecher dabei. Corina Nani hat beim „Public Art Conference“ über die künstlerische Komponente gesprochen, Lili Harding hat über das Projekt „Street-art und Economy“ vorgetragen und ich habe unser FISART-Projekt in Temeswar vorgestellt. Auch in Toulouse waren wir bei einem großen Streetart-Event anwesend und in Halle beteiligten wir uns ebenfalls an einer riesigen Weltkonferenz zum Thema Streetart. Wir haben Kontakte geknüpft, uns die neusten Trends angeschaut und haben uns mit dem Management der Straßenkunst in der Stadtentwicklung auseinandergesetzt.
 

Welche Richtung soll Ihr Projekt demnächst einschlagen?

In Temeswar möchten wir weiterhin auf Streetart im industriellen Bereich gehen. Wenn wir über Pläne reden, dann möchten wir zwei existierende Projekte zusammenbringen: Das Projekt Radweg entlang der Bega-Ufer kann man mit unserem Projekt verknüpfen. Die meisten unserer Arbeiten sind entlang der Bega. So kann man unser sogenanntes „Streetart-Museum im Freien“ mit dem Fahrrad besichtigen.

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