Sich der Quellen vergewissern, aus denen die Kirche lebt

Pfarrerin Dr. Elfriede Dörr über das Reformationsjubiläum in der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien

Donnerstag, 26. Januar 2017

Mittelbild des Hermannstädter Reformationsaltares: 1545 wurden am Hauptaltar der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt die Heiligen der Kreuzigungsszene mit Sprüchen aus der Bibel übermalt.
Foto: Kilian Dörr

Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal der Anschlag von Martin Luthers 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg. Dieses Reformationsjubiläum wird weltweit gefeiert. „Während in früheren Jahrhunderten Reformationsjubiläen national und in konfessioneller Abgrenzung begangen wurden, soll das kommende Reformationsjubiläum von Offenheit, Freiheit und Ökumene geprägt sein. 2017 feiern wir nicht einfach nur 500 Jahre Reformation, sondern erinnern auch daran, welche Rolle die Reformation bei der Entstehung der Moderne gespielt hat. So werden jene Impulse der Reformation in den Fokus gerückt, deren Auswirkungen bis in unsere heutige Zeit reichen. Denn das, was von Wittenberg im 16. Jahrhundert ausging, veränderte Deutschland, Europa und die Welt“, heißt es von Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bevor am kommenden Samstag, dem 28. Januar, die erste große Veranstaltung des Jubiläumsjahres in Hermannstadt stattfindet, beantwortete Pfarrerin Dr. Elfriede Dörr, die Leiterin für Ökumene und Fortbildung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien und Beauftragte für das Reformationsjubiläum, ADZ-Redakteur Michael Mundt Fragen zu den geplanten Vorhaben.

Warum feiert die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien im Jahr 2017 das 500-jährige Reformationsjubiläum?

Unsere Kirche hat das Jahr 1517 als symbolisches Jahr für die Reformation angenommen, auch wenn die Siebenbürgische Reformation an anderen Jahreszahlen festgemacht werden müsste. Die Reformation fand in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts erste Anhänger in Siebenbürgen und fasste in den Städten Fuß. 1543 gab Johannes Honterus in Kronstadt ein „Reformationsbüchlein“ heraus und 1545 wurden am Hauptaltar der Stadtpfarrkirche in Hermannstadt die Heiligen der Kreuzigungsszene mit Sprüchen aus der Bibel übermalt. Mit der ersten evangelischen Kirchenordnung 1547 wurde der Anschluss an das Luthertum geregelt. Diese Kirchenordnung wurde schließlich 1550 von der Sächsischen Nationsuniversität, der obersten politischen Verwaltung der Siebenbürger Sachsen, in Hermannstadt zum Gesetz erhoben.
Unsere Kirche hat sich entschieden, im Jahr 2017 das Jubiläum der Reformation zu feiern. Sie folgt damit der Einladung des Lutherischen Weltbundes, dieses vielschichtigen Prozesses der Reformation gemeinsam mit der lutherischen Weltchristenheit, 500 Jahre nachdem Martin Luther die 95 Thesen mit lauten Hammerschlägen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben soll, zu gedenken.
Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien begreift dieses Jubiläum als Chance, sich der Quellen zu vergewissern, aus denen sie lebt, sich als Teil der weltweiten Christenheit neu mit evangelischen Kirchen zu vernetzen und gesellschaftliche Sichtbarkeit zu beanspruchen.

Wie hat sich die Kirche auf dieses Jubiläum vorbereitet?

Die Vorbereitungen begannen sehr früh, nämlich mit dem breit angelegten Diskussionsprozess „Zukunft Kirche“. Hier fanden über viele Monate Gespräche statt: zu geistlich-theologischen Fragen, Ordnungs- und Strukturfragen, Fragen der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, Fragen des Kulturgutes, den Finanzen, der Verwaltung und dem Management. In vielen Gruppen unserer Kirche sprach man darüber, was Evangelisch-Sein heute bedeutet. Man bezog sich auf grundlegende reformatorische Glaubenssätze, wie zum Beispiel die Rechtfertigungslehre, und versuchte, sie für die heutige Zeit zu erläutern.
Ich finde es bemerkenswert, was zu geistlich-theologischen Fragen zusammengetragen wurde. Das sagt aus, wie sich evangelische Christen und Christinnen in unserer Kirche verstehen und was sie von der evangelischen Kirche der Reformation – ihrer Kirche – heute erwarten. Und sie erwarten viel, zu viel meine ich.

Was war der nächste Schritt?

Die Diskussion fokussierte sich auf zentrale Themen evangelischer Identität. Einige wurden dann als Jahresthemen zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum ausgerufen: 2012 war das Jahr der Bibel; 2013 das Jahr des Gottesdienstes; 2014 das Jahr der Bildung; 2015 das Jahr der Diakonie; 2016 das Jahr der Reformatoren. Diese Jahresthemen boten für die Menschen unserer Kirche einen guten Rahmen, sich wieder, neu oder gemeinsam mit diesen Themen zu beschäftigen. Man dachte darüber nach, wie 2017 angemessen das Reformationsjubiläum gefeiert werden soll und entschied sich für folgenden Rahmen: die Feiern werden lokal, regional/national und international ausgerichtet sein; ihre Ausrichtung ist selbstvergewissernd und seelsorgerlich sowie evangelisch und/oder ökumenisch. Das trug unter anderem dazu bei, dass die Beziehungen zu den anderen protestantischen Kirchen unseres Landes in den Blick genommen wurden.

Auf Einladung unserer Kirche fand ein Treffen von Kirchenleitenden aller protestantischen Kirchen aus Rumänien statt, bei dem man über die Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum sprach und prüfte, welche Feiern gemeinsam gestaltet werden können. Zu allen Pfarrversammlungen luden wir Vertreter der protestantischen Schwesterkirchen ein. In der Folge wurde das Reformationsjubiläum Thema von Gesprächen in offiziellen Kirchendelegationen, mit der Delegation der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Evangelischen Kirche in Österreich, der Evangelischen Kirche in Bayern und der Evangelischen Kirche im Rheinland, um nur einige zu nennen. Das wiederum trug dazu bei, dass bei wichtigen nationalen und regionalen Feiern Kirchenvertreter aller Kirchen aus Rumänien eingeladen werden. Die ungarisch-lutherische Schwesterkirche ist sogar Mitorganisatorin des Evangelischen Kirchentages zum Reformationsjubiläum im September 2017 in Kronstadt.

Es gibt viele nennenswerte Details aus der Vorbereitung auf das Jubiläum. Gibt es einen Höhepunkt, den Sie besonders hervorheben möchten?

Ein Höhepunkt war für mich im Oktober 2014 die öffentliche Debatte zum Thema „Reformation und Politik“, an der sich auch orthodoxe Vertreter beteiligten. Anlass für das Rundtischgespräch war der Besuch der Luther-Botschafterin der Evangelischen Kirche Deutschlands, Prof. Dr. Dr. Margot Käßmann. Schon am Tag ihrer Ankunft diskutierte die Luther-Botschafterin gemeinsam mit den orthodoxen Dozenten Sebastian Moldovan und Ciprian Toroczkai zum Thema „Kirche und Politik“, dann auch mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wie Prof. Dr. Hans Klein, dem Vorsitzenden des Deutschen Demokratischen Forums Hermannstadt, und R²zvan Pop, dem damaligen Direktor für Kultur des Kreisrates. Im Gespräch wurde sehr schnell deutlich, welch große Unterschiede es zwischen den beiden Kirchen gibt. In meiner Wahrnehmung war es eine höchst beachtliche ökumenische Diskussion, auch weil die Orthodoxen selbstkritisch auf das Statement von Käßmann reagierten.

Es war ein brisantes Thema, so kurz vor der Präsidentschaftswahl in unserem Land, denn es zeichnete sich bereits ab, dass die Entscheidung zwischen einem Orthodoxen und einem Lutheraner fallen wird. Die Kirchenzugehörigkeit war im Wahlkampf ein großes Thema. Kirchliche Hierarchen haben ihren Gläubigen abverlangt, einen Orthodoxen zu wählen. Die „unmündigen“ Christen, wie sie von einem der Dozenten beschrieben wurden, die Gehorsam auszuüben hätten, haben jedoch ihre Mündigkeit als Bürger reklamiert sowie ihr Recht auf Demokratie und Freiheit in Anspruch genommen und mehrheitlich anders gewählt.

Jenseits dieser Veranstaltung hat Margot Käßmann vielen Menschen in Hermannstadt Mut gemacht. Das wissen wir aus den vielen Rückmeldungen. Sie hat das im Gottesdienst und auch mit kleinen, aber symbolstarken Akzenten getan. Die Reihe der evangelischen Persönlichkeiten im Museum der Evangelischen Kirche „Friedrich Teutsch“ umfasste ausschließlich Männer. Der Besuch von Margot Käßmann war der willkommene Anlass, die Lücken zu schließen. Ihrer Rede zu Frauen der Reformation fügte sich die Würdigung bedeutender evangelischer Frauen aus Siebenbürgen nahezu feierlich an. Diese Aktion hatte etwas von einem historischen Moment. Leider, so hörte ich, fielen diese Ergänzungen dem Eifer der Putzfrau zum Opfer, sodass ausnahmslos alle Frauen wieder aus der Reihe evangelischer Persönlichkeiten verschwunden sind.
In der Kirchenburg Hammersdorf besuchte Käßmann die von Kindern vorgetragene Schwarz-lichtheatervorstellung. Sie würdigte die pädagogische Aufbauarbeit an diesem Ort und unterstrich mit einem Statement zu Kindern den besonderen Akzent kirchlicher Bildungsarbeit, der von der Rechtfertigung her kommende Freiheit und Verantwortung stärkt.

Wie feiert die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien das Reformationsjubiläum?

Begonnen haben die Feierlichkeiten am 31. Oktober 2016 in den Gemeinden. In unserer Kirche hat man mit kleinen lokalen Feiern begonnen. Ich finde diesen in der Gemeinde verankerten Rahmen sehr schön. Für das Jubiläumsjahr selbst erwähne ich zwei herausragende Ereignisse:

1. Hermannstadt – Reformationsstadt Europas
Unsere Kirche nimmt am „Europäischen Stationenweg zum Reformationsjubiläum 2017“ teil, welcher knapp 70 Stätten der Reformation in allen Teilen des Kontinentes verbindet. Ein Geschichtenmobil fährt quer durch Europa, von Reformationsstätte zu Reformationsstätte, und verweilt jeweils einen Tag lang an jedem Ort. In Hermannstadt macht der begehbare Truck am 28. Januar halt. In unserem Land ist das die einzige Station. So beteiligt sich unsere Kirche an der Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Evangelischen Kirchentages, welche die Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit der Reformation abbilden will.
Dieser Truck steht auf dem Huetplatz und ist begehbar. Von Station zu Station werden Geschichten zur Reformation aufgenommen und mitgenommen. Hier können die Besucherinnen und Besucher Geschichten aus Genf, Dublin, Turku und eben auch aus Hermannstadt hören. Die Ankunft des Trucks ist Anlass für ein vielschichtiges Programm, welches ausleuchten möchte, was es heute bedeutet, evangelisch zu sein.

2. Das Erbe der Reformation
Am Samstag, den 30. September, findet der Evangelische Kirchentag zum Jubiläum in Kronstadt statt. Hier geht es um die innere Vergewisserung: Wer sind wir als Evangelische? Welches sind die Quellen, aus denen wir leben? Wie wollen wir die Gegenwart gestalten? Wie sehen wir unsere Zukunft als Evangelische in Rumänien? Das betrifft nicht nur unsere Kirche, sondern auch die anderen evangelischen Kirchen in Rumänien. Diese Kirchen kooperieren gut auf dem internationalen Parkett des Lutherischen Weltbundes und der Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa. Auf nationaler Ebene beschränkt sich die Zusammenarbeit leider auf formelle Zusammenschlüsse wie dem Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes in Rumänien (Zusammenschluss der beiden lutherischen Kirchen in Rumänien) und dem GAW-RO (Zusammenschluss der Reformierten Kirche Siebenbürger Distrikt, der Reformierten Kirche Westlicher Distrikt, der Evangelisch-lutherischen Kirche und der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien). Erfreulich ist darum die Zusage der ungarisch-lutherischen Schwesterkirche, den Evangelischen Kirchentag im Jubiläumsjahr mitzuverantworten. Das ist ein Schritt, der Mut macht, auch die anderen evangelischen Kirchen, also die Reformierten (GEKE –  Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa), mit einzubeziehen.

Was findet im Rahmen des Europäischen Stationenweges in Hermannstadt statt?

Hermannstadt ist die einzige Station in Rumänien, einem orthodoxen Land. Das heißt, die evangelische Kirche kann hier die Reformation und die Kirche, die sie hervorgebracht hat, thematisieren, mit dem theologischen Schatz, den sie über Jahrhunderte gepflegt hat und jetzt in die Ökumene einbringt. Zum Thema der Reformation schreiben Schüler Aufsätze, Jugendliche produzieren Videos und Gymnasiasten erstellen Radiofeatures. Sie werden dem Geschichtenmobil mit auf den Weg gegeben. Die Resultate können dann in Wittenberg während des Reformationssommers bestaunt werden. Man darf gespannt sein auf die Art, wie orthodoxe Jugendliche die evangelische Kirche wahrnehmen und auf welche Weise die Fragen nach den gültigen Werten heute bearbeitet werden.

Am kommenden Samstag feiern wir in Hermannstadt. Wir tun das mit einem Reformationskonzert und einem Reformationsjugendtag, aber nicht nur. Wir laden unsere Gäste zu Stadtspaziergängen ein. Hier werden sowohl Stätten der Reformationsgeschichte begangen, als auch Stätten heutiger Reformation. Wir laden ein in die Kirchenburg Hammersdorf, die nach einer „Reform“ eine neue Bestimmung erhalten hat: die der Stätte für Umwelt und Bildung und schließ-lich die eines Kompetenzzentrums der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien für die Bewahrung der Schöpfung. Auch laden wir zu inhaltlicher Auseinandersetzung zum Thema „Reformation – Reform“ ein. Vielleicht spielt hier noch ein anderes Jubiläum eine Rolle: Vor 10 Jahren fand in Hermannstadt die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung statt, nach 1989 in Basel und 1997 in Graz. Viele erinnern sich noch an den Anspruch, die Zusammenarbeit der Kirchen unterschiedlicher Traditionen zu fördern, an die Ernüchterung eines steten Auf-der-Stelle-Tretens und an die einzige gemeinsame ökumenische Aktion, einem Hoffnungszeichen: das Pflanzen einer Linde auf dem Großen Ring.

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