„Sie leben das Leben“

Udo Krauss – Fotograf und Reiseführer aus Leidenschaft

Sonntag, 03. August 2014

Kohlenmeiler bei Deutsch-Weißkirch/Viscri

Misch-Onkel

Nicolae, Mihai und das Zicklein
Fotos: Udo Krauss

Udo Krauss stellt sich gewöhnlich hinter und nicht vor die Kamera. Foto: privat

Im Mai, manchmal bereits im April, beginnt für Udo Krauss die Reisesaison. Sie dauert bis Oktober und läuft in Siebenbürgen ab. Udo führt die Gruppen, die bei Villa Hermani eine 7-10 Tage lange Siebenbürgen-Tour gebucht haben. „Das ist ein Traumjob“, sagt er – ein Job auf den er nicht verzichten würde. So kann der gebürtige Agnethler fast das halbe Jahr in seiner Heimat verbringen und zwischendurch seiner Leidenschaft, dem Fotografieren, nachgehen.

„Vielen Dank, Bram Stoker!“

Als Reiseleiter sei man auch ein Botschafter, der den ausländischen Besuchern Land und Leute näher bringen will. Das allerdings nur, wenn man keine halben Sachen mache und auch viel Herz in diese Arbeit investiere, so Krauss. Was bringt Engländer, Skandinavier, Deutsche und andere, vor allem  westeuropäische Touristen, nach Rumänien? Die Antwort dürfte inzwischen bekannt sein: Dracula. „Mittlerweile sehe ich das Positive an dieser Tatsache.

Die Leute kommen deswegen ins Land und sehen dabei auch viele andere interessante Sachen. Also: vielen Dank, Bram Stoker!“ Udo gibt aber zu, dass Reisende, die die Natur und Kultur Transsilvaniens kennenlernen möchten, in der Regel zu den gebildeten und wohlhabenderen Kreisen gehören. Sie haben eine Menge Fragen, interessieren sich für Geschichte und soziale Lage, wollen mehr wissen und sich selber ein Bild über das Land machen. Engländer seien zum Beispiel anfangs etwas reserviert, wenn es um siebenbürgisch-sächsische Vergangenheit gehe. Nachdem sie aber Kirchenburgen besichtigt haben und dann, als Höhepunkt, auch in der Schwarzen Kirche waren, ist ihr Interesse viel größer geworden. Udo selber kann sich an diesem Kronstädter Wahrzeichen nicht satt sehen. „Das ist, was geblieben ist!“ stellt er fest und erweckt den Eindruck, als ob er dabei einen Seufzer hinunter schlucken müsse.

Ausgewandert nach Deutschland ist er als 17-jähriger Junge 1986 zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern. Bereits in Rumänien aber hatte er eine besondere Bindung zu Natur und Musik. Ausflüge in die Berge, auch im Winter, zusammen mit seinem Vater, sind ihm eine besonders liebe Erinnerung. Damals war dieses wohl, wie auch die Musik, eine Flucht aus dem grauen Alltag der Ceauşescu-Zeit, schlussfolgert Udo heute. Später in Deutschland, als für ihn die Grenzen offen waren, sollte er noch viel in der großen weiten Welt herumreisen.

Frankreich, Ägypten, Botswana, Namibien, die US-Westküste – in solche Touren habe er schon etwas Geld hineingesteckt. Sein Vater war darüber nicht gerade begeistert: „Spar dir was und bau dir ein Haus!“, lautete sein Ratschlag, dem Udo aber nicht folgte. Er hat andere Erwartungen von seinem Leben und will seinen eigenen Weg gehen. Dabei muss auch viel Freiheit vorhanden sein. Denn auf den gut bezahlten Job als Getriebemechaniker in der Entwicklungsabteilung hat er verzichtet. „Zu technisch, zu langweilig“, lautet die lakonische Erklärung. 2009 lernte er über seinen Bruder bei der Stuttgarter Tourismusmesse Hermann Kurmes kennen und so begann im nächsten Jahr eine gute Zusammenarbeit bei „Villa Hermani“, die auf gegenseitigem Vertrauen fußt und die Udo das bietet, was ihm viel bedeutet und auch gefällt: viel in den Bergen unterwegs sein, Menschen kennenlernen, Freiräume für seine Hobbys haben. Dass er unverheiratet ist – seine Freundin lebt in Berlin – macht alles leichter. „Sie leben das Leben“, sagte ihm unlängst eine Bekannte in Zărneşti, wobei wohl auch etwas Neid mitklang. Udo hat ihr nicht widersprochen. Aber gerade so einfach und schön, wie es auf den ersten Blick scheint, sei es dennoch nicht.

Der Reiseleiter-Beruf sei schön, doch „er saugt dich aus“ wenn man dafür, wie er es tut, auch sehr viel gibt. Nicht leicht seien auch die Abschiede von den Gruppen, vor allem, wenn man dabei auch neue Freunde gewonnen habe. Und an das Hin und Her zwischen Deutschland mit Eltern und Freunden und Rumänien als gefühlter Heimat mit Job und anderen Freunden müsse man sich auch gewöhnen. Deshalb ist es Udo auch wichtig, in der Freizeit, die ihm die Gruppenplanung erlaubt, für seine eigene Balance, wie er sagt, mal was ganz anderes zu unternehmen.

„Ich fotografiere nur was mich begeistert“

Zum Fotografieren ist Udo Krauss eigentlich via Jazz gelangt. Schon als Kind spielte er gerne Musik. „Nicht Blasmusik, eher rockig und ‚Rhythm and Blues‘“. Da war der Stuttgarter Jazzclub der passende Ort, wo er auch viele interessante Leute in dem bunten Publikum kennenlernte. Beeindruckt hat ihn ein Schwarz-Weiß-Porträt von Art Blakey, das er an der Wand sah. So was sei echte Kunst, daran wolle er sich auch heranwagen, sagte sich Udo. Durch Selbststudium und Fotokurse, von denen jene mit Jörg Becker und später, in Rumänien, mit Mihai Moiceanu die meisten Spuren hinterlassen haben dürften, perfektionierte der angehende Fotokünstler seine Kenntnisse und Fertigkeiten. Irgendwann merkte er, dass er mit der Musik nicht weiter kam, legte eine zweijährige Pause ein und widmete sich mehr der Fotografie. Aber auch heute würde Udo Krauss gern Partner aufsuchen, um für eventuelle Jazzauftritte zu proben.

Anfangs waren es Jazzfotos, manche mit bekannten Namen der deutschen Jazzszene, wie der Violinist Gregor Hübner oder Sebastian Studnitzky (Trompete); es folgten Mitarbeiten mit Pressefotos für die Peter-Maffay-Stiftung oder die Zeitschrift „Caravan“. Udo konnte seine Fotos im rumänischen Kulturinstitut in Berlin ausstellen, aber auch in Rumänien, in Klausenburg, an einem recht unkonventionellen Standort – einer „Kulturkneipe“.

Vor allem für Porträts hat Hobbyfotograf Udo Krauss eine besondere Vorliebe. Wer seine Webseite www.carpatianhike.com besucht, wird dort sehen, dass vor allem Leute vom Land, Zigeuner, Schafhirten, Bauern und Bäuerinnen, sich vor seine Canon 50 D Kamera stellten. Udos Rumänisch hat sicherlich bei diesen einprägsamen Aufnahmen geholfen, aber dazu gehört doch viel mehr als die Sprachverständigung. Jörg Becker bescheinigte seinem Freund viel Menschlichkeit, Respekt und Vertrauen, die das Entstehen und Gelingen dieser Bilder voraussetzt. Unter Zigeunern und Schafhirten habe er wirklich Freunde, erzählt Udo. Er besuche sie immer wieder, wie z.B. den alten Zigeuner in Mergeln/Merghindeal mit seinen wunderschönen Pferden. Der habe ihn sogar um seine Meinung in einer rein persönlichen Sache gebeten. Er solle sich den Bart abschneiden, habe man ihm geraten und nun wollte er wissen, wie Udo, der Fotograf und Freund, darüber denke. „Bleib wie du bist, wenn du dich so wohl fühlst“, lautete seine Antwort. Wohl fühlen im Sinne der Tradition und der eigenen Identität – auch das ist eine andere Art von „sein Leben leben“.

Misch-Onkel, „der letzte Sachse in Braller/Bruiu“, wie ihn Krauss vorstellt, lebt von der Tierzucht: Nach einer Woche in Deutschland und nachdem die Schafe Lämmer hatten, war er sich bewusst, wo und wie er sein Leben zu leben hat.

Nicolae und sein Bruder Ion stammen aus Râul Sadului. „Sie sind die besten Schafhirten, die ich kenne“, beschreibt sie Udo, der sie in Agnetheln kennenlernte. Dort entstand 2012 auch das Foto mit dem Zicklein und Mihai. „Ich pfiff, damit das Zicklein nach vorne schaut, es machte klick und es schaut aus, als würde das Zicklein lächeln.“ Feuer, Hunde, Pferdereiten bei Mondschein, Sennhütte, Schafherde – dieses archaische Leben verdiene es auch, in einem Buch geschildert zu werden, glaubt Udo.

Geschichten und Bilder dazu hätte er genügend.Obwohl das Schwarz-Weiß das Nonplusultra der Porträtfotografie sei, greift Udo manchmal auch auf Farbporträts zurück, wenn es zum Beispiel um Details wie die bunte Kleidung der Zigeuner geht. Landschaften, Kirchenburgen, alte Häuser sind weitere Themenfelder, die Udo Krauss auswählt und die auf seiner Webseite auch bestellt und gekauft werden können. „Ich verdiene nicht schlecht dabei“, gibt er zu. Es sei auch eine besondere Genugtuung, wenn er nach Jahren z.B. aus dem Ausland einen Anruf erhält und ihm mitgeteilt wird, das sein Foto nun nach einem Umzug wieder ein Zimmer schmückt. Genauso wie im Falle des Zigeuners, der Udos Foto mit ihm schön einrahmen ließ und an die Wand in der besten Stube, der vordersten, stellte. Das seien die schönsten Komplimente für ihn und seine Fotos, vielleicht wertvoller als Preise bei Ausstellungen.

Rumänien könnte ein Geheimtipp sein

Udo plant für dieses Jahr eine Fahrt ins Donaudelta zusammen mit rumänischen Freunden. Dort war er seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch diese Gegend bereichert unser Land. Die Karpaten, die Schwarzmeerküste, das Delta, die Kirchenburgen und Klöster, die ländlichen Gegenden mit der traditionellen Agrarwirtschaft, all das sei ein Reichtum, der bewahrt werden muss.

Im internationalen Reisegeschäft könnte Rumänien als Geheimtipp gelten, sagt Reiseführer Krauss. Aber die wunderbare Naturlandschaft sei auch Gefahren ausgesetzt, die die rumänischen Politiker, von denen Udo eher enttäuscht ist, nicht wahrnehmen wollen. Einige Beispiele hat er gleich auf der Hand: Jenseits von Plaiul Foii im Königstein, in Richtung Rudăriţa, werden die Wälder in fast jedem Tal einfach niedergerissen. Das Abholzen geschieht auch im Strâmba-Tal bei Şinca, „ein Kleinod“, und das während die Vögel ihre Brutzeit haben. Das Gas-Fracking scheint auch in Rumänien seine starken Lobbyisten zu haben, da müsse man Leute wie Willi Tartler unbedingt unterstützen. Bei Victoria soll zwar kein Kernkraftwerk mehr entstehen, dafür aber gibt es in vielen Tälern im Fogarascher Gebirge Kleinwasserkraftwerke, die das natürliche Gleichgewicht in diesen Lebensräumen mit schwerwiegenden Folgen zerstören. Das alles werde sich einmal rächen, mahnt Udo Krauss.

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