Siebenbürgisch-sächsisches Kulturerbe

Auszüge aus dem Festvortrag von Frank-Thomas Ziegler am 23. Sachsentreffen in Schäßburg

Donnerstag, 26. September 2013

Der Festredner beim Sachsentreffen Frank-Thomas Ziegler
Foto: Hannelore Baier

Das siebenbürgisch-sächsische Kulturerbe stand im Mittelpunkt des 23. Sachsentreffens, das am 21. September in Schäßburg/Sighişoara stattgefunden hat. Die Festrede hielt der Kunsthistoriker Frank-Thomas Ziegler, der Kustos der Brukenthalsammlungen der evangelischen Kirchengemeinde A.B. Hermannstadt/Sibiu. Geehrt mit der Honterusmedaille des Siebenbürgenforums wurde Dr. Karl Scheerer, der sich als Mitarbeiter der gemeinnützigen Hermann-Niermann-Stiftung um den Erhalt des Kulturgutes besonders verdient gemacht hat. In der heutigen Ausgabe drucken wir Auszüge aus dem Festvortrag ab, dessen gesamter Wortlaut mit Illustrationen im „Deutschen Jahrbuch 2014“ erscheinen wird. In der morgigen Ausgabe der ADZ werden Auszüge aus der von D. Dr. Christoph Klein, Bischof emeritus, gehaltenen Laudatio auf Dr. Karl Scheerer erscheinen.

Obschon zum Kulturerbe auch das immaterielle Denkmalerbe dazu gehört, meinen wir damit zumeist ausschließlich das materielle, und es ist eben dieses, dem ich mich heute mit widmen will. Ich möchte heute aber keinen Rückblick auf die Erfolge oder Misserfolge der sächsischen Denkmalpflege versuchen. Und bitte erlauben Sie mir, heute der Frage, wie wir unser Kulturerbe erhalten sollen, nicht nachzugehen. Lassen Sie mich dazu nur eine kurze Aussage machen: Meiner Ansicht nach können wir sehr viel mehr erhalten, als uns heute generell möglich scheint – besonders im Bereich der mobilen Kulturgüter. Ich glaube, dass es sich lohnt, heute einen Schritt zurückzutreten und eine andere Frage zu stellen: Was sollen wir erhalten? Was ist für uns heute „sächsisches Kulturerbe“? Und wenn wir diese Frage stellen, so müssen wir auch fragen: Wodurch wurde diese Vorstellung geformt? Auf Grundlage welcher Kenntnisse und Vorstellungen entscheiden wir, was für uns Denkmalerbe ist und was nicht, was erhaltens- und schützenswert ist, und was nicht? Hinter unseren Entscheidungen stehen Wertvorstellungen, die reflektiert werden wollen.

Versuchen wir, uns einen Eindruck von unserem materiellen Denkmalerbe zu verschaffen, so wird uns bald bewusst, dass unsere Aufmerksamkeit vor allem auf einem engen Kreis von Denkmalgütern ruht. Es sind dies einerseits Denkmäler, die im Zentrum des Gemeinschaftslebens standen: Kirchenburgen, Altäre, Orgeln und Abendmahlskelche. Die Bedeutung der Kirchenarchive ist ebenfalls im Bewusstsein der Menschen geblieben. Andererseits ist es die als autochthone Schöpfung geltende Volkskunst, vor allem in Gestalt der Heimatkunst: Volkstrachten und Stickereien, farbig gefasstes Mobiliar und Keramik. Wer aber den Blick hebt, dem wird schlagartig bewusst, dass diese Denkmaltypen höchstens stellvertretend für ein breites Spektrum von Objekttypen stehen können, die sehr wohl als ein bedeutender Teil des sächsischen Kulturerbes gelten müssen. Dazu gehört nicht nur die ländliche  oder die mittelalterliche und frühneuzeitliche Architektur, sondern auch die städtische Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die Bauten des Historismus, des Jugendstil, schließlich auch Teile der Industriearchitektur und nicht zuletzt die dazugehörigen Baupläne und Architekturzeichnungen. (…) Einen nicht zu verachtenden Teil des Kulturerbes stellen allerdings exotische Kleingattungen dar. Als Beispiel führe ich hier die so genannten Tanzordnungen an. Sie wurden jenen Damen, die einen Tanzball zu besuchen gedachten, gemeinsam mit der Eintrittskarte übergeben und listeten die bevorstehenden Tänze in chronologischer Abfolge auf. (...)

Zum sächsischen Denkmalerbe gehören aber auch Objekte, die nicht in den Gemeinschaften der Sachsen entstanden sind. Erinnert sei an den „Mann mit der blauen Sendelbinde“ von Jan van Eyck, der durch Samuel von Brukenthal zum sächsischen Kulturerbe geworden ist. Er sei stellvertretend genannt für den immensen Objektbestand in unseren Gemeinden und den Museumseinrichtungen des Landes, der durch Sammler und Forscher aus aller Herren Länder in die sächsische Kulturgemeinschaft gelangt ist und hier zum Ziel der Kuriosität, zum Gegenstand der Freude und Reflexion wurde. Er reicht von weltberühmten Gemälden über spektakuläre Goldschmiede- und Webarbeiten, über Münzen, Kupferstiche und Holzschnitte, über Postkarten und Fotografien, über Janitscharenschwerter und eine ägyptische Mumie bis hin zu historischen Streichholzschachteln. Ich bin folglich der Meinung, dass der Herstellungsort eines Objektes nicht über die Zugehörigkeit eines Kulturgutes zu einem bestimmten Denkmalbestand gehört. Zum sächsischen Kulturerbe können nicht allein Denkmäler gezählt werden, von denen wir wissen oder annehmen, dass sie von sächsischen Meistern geschaffen wurden. Zahlreiche Kulturgüter und Kunstwerke, die nicht in Siebenbürgen entstanden, geschweige denn im siebenbürgisch-sächsischen Milieu, sind aufgrund der besonderen Wertschätzung und aufgrund ihres Nutzens in die sächsischen Lebenswelten aufgenommen worden und haben hier ihre Wirkung entfaltet.

Es kann dabei nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne „sächsische“ Denkmäler deshalb auch Bedeutung innerhalb anderer Denkmalbestände, z. B. innerhalb des ungarischen oder des rumänischen Denkmalerbes besitzen; jedoch darf der Überlieferungsverdienst, also das kulturelle Milieu, in dem es erhalten geblieben ist, nicht unterschlagen werden.
Woher kommt aber die noch heute bestehende Ausrichtung des Blickes auf die wenigen, eingangs genannten Objekttypen, auf einige wenige Kategorien des kirchlichen Denkmalbestandes einerseits, und auf Heimatkunst andererseits? Sie liegt in der spezifischen Kunsterziehung begründet, die Generationen von Sachsen genossen haben. Beinahe während des gesamten 20. Jahrhunderts waren die Überblickswerke des Mühlbacher Pfarrers und Kunsthistorikers Victor Roth die einzigen ernstzunehmenden Repertorien zum siebenbürgisch-sächsischen Kunstbestand. (…) Da nach Victor Roth keine vergleichbar konsistenten Darstellungen mehr erschienen, schöpfte beinahe das gesamte 20. Jahrhundert aus ihnen und übernahm Victor Roths Urteile. (...) Es wäre aber sicher überzogen, Victor Roth oder die Heimatkunstbewegung für alle Neigungen des sächsischen Kunstgeschmackes verantwortlich zu machen. Das ausgesprochene Interesse der Sachsen an dem Künstler selbst kann manchmal größer sein als das an seiner Kunst. Es hat seine Wurzeln nicht bei Roth und wurde auch nicht durch ihn vermittelt, sondern nahm seinen Anfang im Geniekult des 18. und 19. Jahrhunderts. Es feierte, befeuert durch die patriotische Suche nach „Nationalkünstlern“, um 1900 seine größten Triumphe und äußerte sich schließlich bei uns Sachsen in der Begründung des siebenbürgisch-sächsischen Künstlerarchivs sowie in dem Bestreben, dieses durch möglichst viele Namen bereichern zu wollen.

Bräuche und Mentalitäten

Außerhalb des genannten Kreises der Kirchenburgen und Abendmahlskelche, Stickereien und Töpferwaren existiert insgeheim ein Bestand von Denkmälern, die zwar hochkarätig sind, von denen wir uns aber entfremdet haben.
Die Bräuche und Mentalitäten, deren Teil sie ursprünglich waren, sind erloschen. Wir sind deshalb weder mit dem materiellen Wert dieser Güter vertraut, noch mit ihrem historischen. Deshalb behandeln wir sie mit einer gewissen Sorglosigkeit oder suchen nach neuen Anwendungsmöglichkeiten. Beides birgt große Risiken, wie ich im Folgenden zeigen möchte. (…) Ein bezeichnendes Beispiel sind die anatolischen Teppiche in unseren Kirchenräumen. Nirgendwo auf der Welt, abgesehen von der Türkei selbst, sind so viele osmanische Teppiche erhalten wie in den sächsischen Kirchen. (…) Wir nehmen an, dass diese Teppiche bereits vor Jahrhunderten in unseren Kirchenräumen zu jeder Tages- und Jahreszeit hingen, um ihr Schmuck zu verleihen. Die historischen Tatsachen sind aber andere. Neueste Forschungen ergaben, dass die Teppiche während der Frühen Neuzeit nicht permanent in den Kirchenschiffen hingen. Sie wurden ausschließlich – zeitlich begrenzt – im Rahmen von Feierlichkeiten verwendet und gelangten auf zwei Wegen in den Besitz der Gemeinde: Einerseits als Objekte der korporativen Repräsentation der Zünfte, die ihren wirtschaftlichen Status mit ihrer Hilfe untermauerten. Andererseits gelangten sie anlässlich von Bestattungen in die Kirchen. Eine solche Nutzung ist nicht nur für Siebenbürgen, sondern auch für andere Regionen des frühneuzeitlichen Europa nachweisbar

Die Teppiche wurden von Mitgliedern der sächsischen Gemeinden gestiftet, damit ein Verstorbener auf das wertvolle Textil gebettet werden konnte. Auf dem Katafalk fungierte der Teppich als zusätzliches Würdemotiv. Es war Brauch, dass der Teppich nach Abschluss der Beerdigung in das Eigentum der Kirchengemeinde überging, oder dass die Hinterbliebenen dessen Gegenwert an die Kirchengemeinde ausbezahlten und den Teppich dadurch wieder „auslösten“. Verfügten die Hinterbliebenen nicht über einen eigenen Teppich, so konnten sie einen aus dem Kirchenbestand leihen. Üblicherweise wurden die kirchlichen Teppichbestände in den Sakristeien aufbewahrt und durch einen zuständigen Geistlichen betreut, der sich über den Wert und die Bedeutung der einzelnen Stücke im Klaren war. Als die Bestattung in Kirchen und auf Friedhöfen in den Stadtzentren im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert allmählich unterblieb und sich die Zünfte in Genossenschaften wandelten, verloren auch die Teppiche ihre Funktion und gerieten in den Sakristeien zu unbenutzten Relikten der Vergangenheit. Die Kirchenschiffe waren zu diesem Zeitpunkt überwiegend teppichfrei.

Ihre Wiederentdeckung verdankt sich dem Umstand, dass der Kronstädter Lehrer Ernst Kühlbrandt vor etwas mehr als hundert Jahren durch den berühmten Wiener Kunsthistoriker Alois Riegl auf den Kunstreichtum der anatolischen Teppiche aufmerksam gemacht wurde. Als Reaktion auf diesen Fingerzeig organisierte Kühlbrandt zu Beginn des 20. Jahrhunderts die erste Ausstellung solcher Teppiche im Chor der Schwarzen Kirche. Mehr als ein halbes Jahrhundert später inspirierte diese Ausstellung dann Era Nussbächer, die mit der Erhaltung der Teppiche betraut worden war, das Kronstädter Modell einer permanenten Hängung auch in anderen sächsischen Kirchen zur Anwendung zu bringen. Die meisten Teppiche der sächsischen Kirchengemeinden sind seitdem permanent im Kirchenraum ausgehängt und deshalb auch andauernd schädlichen Umwelteinflüssen ausgesetzt. In den Jahren 2009 - 2010 wurde unter der Federführung der Kronstädter Kirchengemeinde eine Zustandsaufnahme aller Teppiche in sächsischen Gemeinden durchgeführt. Anhand der Ergebnisse wurden bereits Strategien für einen besseren Erhalt dieser Objektgruppe erarbeitet. Dabei wurde die Feststellung gemacht, dass sich der Verfall der Teppiche innerhalb der letzten 30 Jahre beschleunigt hat. Die robust wirkenden Gewebe leiden unter Ungezieferbefall, Klimaschwankungen, Licht und Staub. Die Kirchengemeinde in Kronstadt hat auf dieses Ergebnis bereits reagiert. Besonders vom Verfall bedrohte und besonders wertvolle Teppiche wurden aus der Schwarzen Kirche entfernt und werden zukünftig nur noch temporär im Rahmen von Sonderausstellungen zu sehen sein.

Richtig ist also, dass die osmanischen Teppiche zu den wertvollsten Ausstattungsgegenständen unserer Kirchen gehören. Falsch ist aber die verbreitete Meinung, dass die permanente Ausstellung eine althergebrachte sächsische Tradition darstelle, und dass die Teppiche unter diesen Bedingungen noch weitere zwei- bis dreihundert Jahre überleben würden. Eine falsche Vorstellung von der historischen Nutzung der Teppiche haben uns dazu verleitet, die permanente Ausstellung der Teppiche in den Kirchenräumen als altsächsisch zu empfinden und die Robustheit der Gewebe höher einzuschätzen, als sie tatsächlich sind. Deshalb handelt es sich bei unseren Teppichen um eine akut gefährdete Denkmalgruppe.
Für uns alle schließlich ist es lohnend, unseren Gesichtskreis auf die zitierten Denkmalgruppen auszuweiten und sie nach ihrer Geschichte zu befragen, nach ihrer einstigen Rolle in unserer Gemeinschaft, und sie zu erhalten. Sie erweitern unsere Erkenntnisse über die sächsische Vergangenheit auf überraschende Weise und fügen unserer Identität neue Farben hinzu.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 27.09 2013, 01:58
einen Vorteil hat es aber: wenn die Teppiche permanent in der Kirche hängen, sind sie sichtbar, werden beinahe täglich von Touristen fotografiert und man merkt gleich, wenn einer gestohlen wird. Liegen sie schön gestapelt in einem Depot, merkt man erst Jahre später, falls einer "abhanden" kommt. Da wird es dann mit polizeilichen Nachforschungen schwierig. Wenn dann müssten sie in ein hoch gesichertes Zentraldepot, aber dann wären sie aus der Kirchengemeinde zu der sie gehören, weg.

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