Siebenbürgisches Gemeindeleben

Ein Buch über das von Bedeutungslosigkeit bedrohte Arkeden

Freitag, 27. Juni 2014

„Das wiedererwachte Interesse an dem vom Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit bedrohten Dorf“ war eines der Motive für die Heimatortsgemeinschaft (HOG) Arkeden und seine Vorsitzende, Dipl.-Bibliothekarin Brigitte Depner, ein Buch über den Heimatort zusammenzustellen.
Eine erste Ortsmonografie über Arkeden hatte vor 150 Jahren der damalige Pfarrer Franz Friedrich Fronius verfasst, 1996 veröffentlichte der nach Deutschland ausgereiste Arkedener Volkswirt Georg Binder ein 900 Seiten umfassendes Werk im Selbstverlag. Dieses wurde zum Standard- und Nachschlagewerk für die Arkedener, ihm folgten 1997 ein Bilderalbum sowie 2004 eine Ergänzung der Chronik der Arkedener. Bieten wollte man nun aber den neuen Bewohnern, politischen Akteuren, Stiftungen und Touristen Informationen über das Dorf, die weniger ins Detail gehen und die gegenwärtige Lage berücksichtigen. Selbst wenn die Geschichte der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft weiterhin im Mittelpunkt steht, so erfährt man aus dem soeben im Schiller Verlag erschienenen Buch sehr viel auch über die anderen im Ort lebenden Gemeinschaften. Die „Spiegelbilder siebenbürgischen Gemeindelebens früher und heute“ – so der Untertitel – wurden von Brigitte Depner bearbeitet und unter Mitarbeit von Anselm Roth herausgegeben, der das Buch illustrierte und gestaltete. Weitere Fotos stammen von Martin Depner und die Luftaufnahmen von Ovidiu Sopa.

Interesse an dem einst stattlichen Dorf mit der immer noch doppelten Ringmauer haben in den letzten Jahren insbesondere Vertreter ausländischer Stiftungen gehabt. Nachdem die Sachsen bis auf ganz wenige nach Deutschland ausgereist waren und die meisten anderen arbeitsfähigen Bewohner außerhalb des nicht an der Landstraße gelegenen und demnach zum Pendeln ungeeigneten Dorf Arbeit gesucht hatten, ist das Dorf in „Arbeits- und Hoffnungslosigkeit“ versunken. Arkeden verdankt seine Wiederentdeckung ebenfalls Prinz Charles und weiteren an herkömmlichem Leben sowie am Kulturerbe Interessierten. Unter dem Titel „Quo vadis, Arkeden?“ werden alle seit Anfang der 1990er Jahre im Dorf unternommenen Vorhaben aufgezählt und die dennoch recht trostlose gegenwärtige Lage geschildert. Die HOG möchte das Dorf in seiner Entwicklung begleiten und unterstützen, welches die sein wird, ist so klar jedoch (noch?) nicht. Es ist die Wahrnehmung der vielartigen Bemühen und die nüchterne Darstellung der Gegenwartssituation, die diesem „Heimatbuch“ jenseits der historischen Darstellungen auch aktuell Glaubwürdigkeit verleihen. „Im Gespräch mit den Dorfbewohnern hört man selten Stolz oder Freude über die vielen Initiativen und Förderungen von außen, sie setzen keine Hoffnung in den Tourismus und scheinen nicht das Gefühl zu haben, dass dies mit ihnen etwas zu tun hätte“ (S.22). Diese Feststellung trifft leider für die meisten einst siebenbürgisch-sächsischen Dörfer zu.

Aufgrund der „von Details strotzenden Ortsmonografie“ (S. 25) von Georg Binder hat Anselm Roth eine Schilderung über Arkeden im 20. Jahrhundert verfasst. Er erwähnt, dass es noch ein weiteres Arkeden im Reener Ländchen gibt, schreibt über die sozialen Strukturen (Nachbarschaften, Bruder- und Schwesterschaften) und zu den historischen Eckdaten (Nationalsozialismus, Deportation, Kollektivierung). In dem 150 Seiten umfassenden Buch ist sodann die „Ur-Ortsmonografie“ von Franz Friedrich Fronius mit dem Titel „Beiträge zur Entwicklungs-Geschichte der evangelisch-sächsischen Gemeinde Arkeden“ abgedruckt, die 1866 erschienen war und längst nicht mehr zu finden ist. Es handelt sich um die „Festgabe zur Erinnerung an die vierte Jahresversammlung des Schäßburger Zweigvereins der Gustav-Adolf-Stiftung für Siebenbürgen; in Arkeden am Feste Pauli und Petri 1866“, die in Originalsprache und -orthografie wiedergegeben wurde. Statt zahlreicher Fußnoten hat Brigitte Depner eine gut dokumentierte Einleitung zum Text verfasst, in einem Glossar am Ende des Bandes werden heute nicht mehr geläufige Begriffe erklärt. Fronius, selbst Sohn eines Pfarrers, war Gründer oder Vorsitzender mehrerer Vereine, Verfasser von 33 Schriften (aus Naturwissenschaften, Heimatkunde und Geschichte) und zuletzt Dechant des Schenker Kapitels. In Arkeden wirkte er von 1860 bis 1868 als Pfarrer, es muss bedeutend gewesen sein, wenn es sich einen solchen Hirten leisten konnte. 

Die „Entwicklungs-Geschichte“ von Fronius umfasst die Zeit von der Gemeindegründung Arkedens bis zur Auflösung des Königsbodens. Einer seiner Nachfolger im Amt des evangelischen Pfarrers, Johann Ziegler, hielt 1900 einen Vortrag in der Schäßburger landwirtschaftlichen Bezirksversammlung, in dem er einen „Rückblick auf 25 Jahre in Arkeden“ warf. Anhand seiner Unterlagen wurde die Geschichte vom Anschluss Siebenbürgens an das Königreich Ungarn bis zu dem Beitritt zum Königreich Rumänien nachgezeichnet. Ziegler wirkte von 1878 bis 1919 als Pfarrer in Arkeden, nachdem er zuvor Rektor des Gymnasiums in Schäßburg gewesen war. Ein letzter Teil des Buches ist der Kirchenburg gewidmet. Mehrere Glossare und eine bis 2013 geführte Zeittafel bieten Aufschluss zum Inhalt. Arkeden war eine bedeutungsvolle Gemeinde, die Trauer über das Absinken in die Bedeutungslosigkeit ist verständlich.

(Arkeden – Archita – Erked. Spiegelbilder siebenbürgischen Gemeindelebens  früher und heute. ISBN 9783944529257. Das Buch ist für 79 Lei in den deutschsprachigen Buchhandlungen erhältlich.)

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