Sinfonische Klanggebilde in romantischer Tradition

Der deutsche Komponist und Dirigent Peter Ruzicka im Bukarester Athenäum

Sonntag, 30. Juni 2013

Von Bukarester Musikliebhabern geschätzt: Peter Ruzicka Foto: uni-mainz.de

In der vergangenen Woche gastierte der deutsche Komponist und Dirigent Peter Ruzicka mit Werken aus drei Jahrhunderten im Bukarester Athenäum. Unter seiner Leitung interpretierte das Orchester der Philharmonie „George Enescu“ zunächst in einer rumänischen Erstaufführung eine Eigenkomposition des Dirigenten: das vor zwei Jahren entstandene und im Untertitel als „Übermalung für großes Orchester“ charakterisierte Werk „Über Unstern“. Daran schloss sich ein Werk des zwanzigjährigen George Enescu an: die 1901 komponierte „Symphonie Concertante h-Moll für Violoncello und Orchester“ (op. 8) mit Valentin R²du]iu als Solisten. Der zweite Teil des Abends war Richard Wagner gewidmet: Unter der Kuppel der Athenäumsrotunde erklangen sieben sinfonische Fragmente aus der Oper „Parsifal“ in der Zusammenstellung von Peter Ruzicka.

Dem Bukarester Publikum ist Peter Ruzicka kein Unbekannter: Im Rahmen der letzten beiden Folgen des Internationalen Musikfestivals „George Enescu“ war der 1948 in Düsseldorf geborene, vielfach ausgezeichnete und weltweit musikalisch aktive Komponist, Intendant, Professor und Orchesterleiter mit seiner Celan-Oper und seiner Hölderlin-Sinfonie in der rumänischen Hauptstadt zu hören gewesen. In der vergangenen Woche brachte er in Bukarest nun sein vor anderthalb Jahren in Leipzig uraufgeführtes Orchesterwerk „Über Unstern“ zu Gehör, das bereits im Titel auf ein Werk von Franz Liszt anspielt: auf dessen letzte Klaviersonate „Unstern! Sinistre, disastro“, mit der der ungarische Komponist seine romantisch-musikalische Herkunft in Richtung auf neue, moderne, atonale Klangwelten hin zu überschreiten unternahm.

Der Komponist selbst kommentiert sein Werk für großes Orchester (60 Streicher, 38 Bläser, zwölf Schlaginstrumente, Harfe, Klavier/Celesta) folgendermaßen: „Ich bin mit meinem heutigen musikalischen Material jener undogmatischen Rhetorik gefolgt: Bestimmte Gestalten werden aufgenommen, ‚angehalten’, vergrößert und dann überschrieben. Es ist ein Weiterdenken in einer kontra-subjektiven Sprache. Diese versucht gleichermaßen Identifikation und Entfernung, Annäherung und Widerspruch zu formulieren.“ Die von Peter Ruzicka in seinem Orchesterwerk „Über Unstern“ erzeugten Klanggebilde erinnern rein formal betrachtet an die Sinfonien Anton Bruckners. Das Anheben aus dem klanglichen Nichts, die Entstehung aus dem vierfachen Pianissimo, das allmähliche Anwachsen des Klanges, seine farblichen Mischungen, die allmähliche Steigerung bis zur Aufgipfelung im vollen Fortissimo, und dann wieder das Herabsinken in die bewegte Stille, das Zirpen der hohen Streicher, ihr gehauchtes Fageolett, bis zum erneuten Erwachen, Aufbäumen und Zurücksinken.

Trotz seiner nur zwölfminütigen Dauer schien sich das im Athenäum zu Gehör gebrachte Werk innerlich zu einer monumentalen Sinfonie auszudehnen, die im Gestus des immer wieder neu Einsetzenden verharrte und dabei zugleich fortschritt. Die ‚Übermalung’ wurde so zu einem Signum des Überschreitens, das den Dirigenten und Komponisten Peter Ruzicka selbst nicht loszulassen scheint: Vor einem Monat wurde seine 2012 entstandene und den selben Titel tragende Klaviersonate „Über Unstern. Späte Gedanken für Klavier“ im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr uraufgeführt.
Mit dem 1986 in München geborenen Solisten des Bukarester Konzertabends Valentin Răduţiu hatte Peter Ruzicka schon vorher verschiedentlich zusammengearbeitet, zuletzt vor einem Vierteljahr bei Aufführungen von Ruzickas Cellokonzert in Leverkusen und Regensburg unter Leitung des Komponisten. Auf dem Programm des Bukarester Konzertes stand George Enescus  „Symphonie Concertante h-Moll für Violoncello und Orchester“ (op. 8), die dem Solisten einiges an Virtuosität abverlangt, insbesondere in der Schlusskadenz des zweiteiligen Werkes (Assez lent – Majestueux).

Im Gegensatz zur klassischen Tradition der Solokonzerte übernimmt das Solocello in Enescus Werk von Beginn an die thematische und melodische Führungsrolle, indem es vor allem in den oberen Registern brilliert und, abgesehen von wenigen Tuttipassagen des Orchesters, kaum pausiert. Valentin Răduţiu ließ sein Francesco Rugieri-Cello (Cremona 1685) in wunderbaren Klangfarben schillern und brachte es in herrlichen Kantilenen zum Singen, einfühlsam und manchmal etwas zu lautstark begleitet vom Sinfonieorchester der Philharmonie „George Enescu“. Der talentierte und in seinen jungen Jahren bereits vielfach prämierte Geringas-Schüler – unter anderem gewann Valentin R²du]iu den zweiten Preis beim Internationalen Enescu-Wettbewerb 2011 in Bukarest – bedankte sich beim Publikum mit einer souverän und humorvoll vorgetragenen Zugabe: Sergej Prokofjews Marsch aus seiner „Musik für Kinder“ in einer Bearbeitung für Violoncello solo von Gregor Piatigorsky.

Im zweiten Teil des Bukarester Konzertabends schloss sich der Kreis des von Liszt als Inspirationsquelle ausgehenden und in umgekehrter Chronologie von der Gegenwart auf den Spuren der romantischen Tradition ins 19. Jahrhundert zurückkehrenden Werkfolge: mit Liszts Schwiegersohn, dem um zwei Jahre jüngeren und drei Jahre vor diesem verstorbenen Musikdramatiker Richard Wagner und seinem Bühnenweihfestspiel „Parsifal“, genauer gesagt mit sieben sinfonischen Fragmenten aus dieser letzten Oper des Bayreuther Meisters. Peter Ruzicka hatte verschiedene Orchesterstücke (Vor- und Zwischenspiele, Verwandlungsmusik, Karfreitagszauber) aus besagter Wagner-Oper ausgewählt und für eine von Pausen nicht unterbrochene Darbietung zusammengestellt. Mit großer Sensibilität und Behutsamkeit näherte er sich der Wagnerschen Partitur, indem er insbesondere in den Pianissimo-Passagen dem Orchester größtmögliche Intensität bei stärkster Verinnerlichung des Klanges abverlangte.

Eindrücklich war dabei auch seine Körperhaltung: den rechten Fuß nur auf einer Absatzkante aufgesetzt und die sonst kerzengerade Gestalt gebeugt und in sich gekrümmt, um das Pianissimo noch feiner und hauchender zu gestalten. Das Orchester der Philharmonie „George Enescu“ begleitete ihn, von einigen Intonationsschwierigkeiten der Blechbläser abgesehen, kongenial bei seiner Klangsuche und ließ den Konzertabend im leider nicht vollbesetzten Großen Saal des Athenäums zu einem musikalischen Erlebnis reinster Güte werden.

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