Sisyphos als Dog-Walker

Rumänischer Tierschutz bleibt oftmals ein Kampf gegen Windmühlen

Donnerstag, 23. Januar 2014

Mehr als 600 Hunde beherbergt die Auffangstation von „Millionen Freunde“. Da ist es Luxus für jeden einzelnen, wenn er ein paar Minuten frei laufen und Ball spielen darf.

Hoffnungsvolle Knopfaugen verfolgen gespannt jeden Besucher. Nach der neuen Gesetzgebung dürfen nicht vermittelte Hunde nach einer Frist von 14 Tagen eingeschläfert werden.

Für die besonders empfindlichen Welpen wird derzeit eine geschützte Unterkunft gebaut. Noch dringender brauchen sie liebevolle Menschen, die ihnen ein richtiges Zuhause geben.

Kurz vor der Abfahrt steigt der Stresspegel: Geimpft, gechipt und aufgeregt tritt Mischling Vlad die Fahrt nach Bayern an, wo ihn sein neues Frauchen schon sehnsuchtsvoll erwartet.
Fotos: Anna Brixa

Streunende Hunde auf den Straßen von Großstädten und Dörfern, meist harmlos um Futter bettelnd, doch in Einzelfällen gefährlich wie wilde Raubtiere: das ist in Rumänien wahrlich kein neues Phänomen. Neu ist das internationale Interesse daran, wie das mittlerweile zur EU gehörende Land mit dem Thema umgeht. Nicht nur war der Fall des kleinen Ionuţ, der Anfang September 2013 von Straßenhunden zu Tode gebissen worden war, auf ein großes Medieninteresse gestoßen – genauso auch die darauffolgenden Maßnahmen der Regierung, dieses Problem „aus der Welt zu schaffen“.

Neben großformatigen Einfangaktionen, die streunende Hunde zumindest vorübergehend aus dem Straßenbild und in Auffangstationen verbannen sollten, war die Regelung beschlossen worden, nicht vermittelte Tiere nach einer Frist von 14 Tagen einschläfern zu dürfen. Seitdem waren viele Medienberichte geprägt von der Klage über hoffnungslos überfüllte Hunde-Asyle. Wie aber sieht der Alltag in solch einem Tierheim wirklich aus, was kann man tun, um den betroffenen Tieren zu helfen, und welche Maßnahmen könnten die Lage langfristig verbessern? – Eine Reportage aus der Hunde-Auffangstation in Triaj am Rande von Kronstadt/Braşov.
 

Millionen Freunde warten auf Vermittlung

Im Büro von „Milioane de prieteni“ herrscht schon am frühen Morgen tierisch gute Stimmung: Eine flauschige Katze belegt dekorativ das Fensterbrett, dann trudeln langsam die Mitarbeiter ein – darunter auch eine kleine weiße Hündin, die gleich umhertobt und die Katze begrüßt. Als die ersten Telefonanrufe eingehen, will die Hündin nicht von ihrem Stammplatz weichen – dem Schoß von Besitzerin Ileana. Also rollen beide geschäftig auf dem Drehstuhl hin und her; das Telefonkabel wird um den halben Hund gewickelt. Aber Hauptsache, Ema ist immer dabei! Die Katze springt in hohem Bogen über die beiden hinweg und stolziert zu einem alternativen Schlafplatz – mitten durch das Büro, sodass der eben eintretende Tierarzt ins Stolpern gerät, der wiederum einen Käfig mit sechs kleinen Kätzchen balanciert... ein ganz normaler Arbeitstag, scheint es, in diesem Büro der „Millionen Freunde“.
 

Ileana erzählt, dass auch die weiße Hündin aus dem Heim stammt. Erst war die kleine Bichon-Dame mit einwandfreiem Stammbaum nur zur Pflege bei ihr. Die ehemaligen Besitzer hatten sie noch zurückhaben wollen – doch als sie erfuhren, dass das Tier zwischenzeit-lich sterilisiert und somit zu Zuchtzwecken ungeeignet war, ließ ihr Interesse schlagartig wieder nach. Zum Glück, denn Ileana und Ema hatten sich bereits gefunden. So ging es schon einigen Tiere, die über die Organisation ein neues Zuhause bekommen haben – die meisten aber von ihnen warten noch sehnsüchtig darauf.

Kleine rumänische Vampire – auf dem Weg nach Pforzheim

Und die wollen wir uns jetzt einmal ansehen. Die Kätzchen werden mit Schwung auf die Rückbank befördert, Tierarzt Ciprian Cocianu gibt Gas – und los geht die wilde Jagd. Denn es ist keine Zeit zu verlieren, dazu gibt es einfach zu viel zu tun. Auf dem Weg werden schnell noch ein paar Fabrikshunde gefüttert. Der Tierarzt spendiert eine Runde Kringel, denn es wird ein langer Tag werden. Und draußen in Triaj, wo das Tierheim liegt, gibt es keine Kioske.

Im dortigen Hunde-Asyl stehen heute nicht nur die üblichen Operationen und Behandlungen an, sondern es muss auch ein Transport nach Deutschland abgefertigt werden, samt dem dazugehörigen Papierkram. Auch die Kätzchen stehen mit auf der Passagierliste und scheinen schon dementsprechend nervös zu sein: Als Tierpflegerin Carmen eines von ihnen beruhigend streicheln will, beißt es beherzt zu. Ein dicker Blutstropfen zeigt sich auf Carmens Finger. „Au, du hast mich gebissen, du kleiner rumänischer Vampir!“, schreit sie auf. „Die Leute in Deutschland werden dich nicht mögen, wenn du dich so benimmst!“. Die Augen des Kätzchens leuchten frech und ungerührt aus dem Inneren des Käfigs. Am nächsten Tag schon wird es in Pforzheim sein und dort von seinen neuen Besitzern in Empfang genommen.

Acht Katzen und 18 Hunde sind es, die heute noch einmal durchgecheckt, zum Abschied fotografiert und in sichere Transportboxen gepackt werden. Unter ihnen wird sich noch ein weiterer rumänischer „Vampir“ befinden: Der wuschelige graue Mischlingsrüde Vlad, der von einer deutschen Touristin während des Urlaubs gefunden worden war und den sie unbedingt in ihren Heimatort nachkommen lassen wollte.

Der tägliche Kampf gegen Windmühlen

Im absoluten ländlichen Nichts von Triaj wohnen also die „Millionen Freunde“. Und in etwa so viele scheinen es auch zu sein, die bei unserer Ankunft eine wahnsinnige Bell- und Heulorgie veranstalten. Jeder der ca. 600 Hunde in der seit 1997 existierenden Auffangstation, die mit vielen internationalen Tierschutzorganisationen wie WSPA, der Welttierschutzgesellschaft e.V. und der Brigitte-Bardot-Stiftung zusammenarbeitet, kämpft so um ein kleines bisschen Aufmerksamkeit.

Auffällig ist, wie wenig diese Tiere dem Bild des abgemagerten, aggressiv die Zähne fletschenden Straßenhundes entsprechen, den Medienvertreter gern zur Illustrierung entsprechender Artikel heranziehen. Die lieben Hunde in Triaj freuen sich aufgeregt-schwanzwedelnd über jede streichelnde Hand, wie kurz sie auch immer auf Kopf oder Rücken verweilt. Und das ist in der Regel sehr kurz, denn alle Mitarbeiter haben rund um die Uhr alle Hände voll zu tun. Hunderte von Knopfaugen hinter Metallstäben, ebenso viele Schicksale. Und so wenig, was man für sie tun kann. Oder? Natürlich ist eine spätere Vermittlung das hauptsächlich angestrebte Ziel. Hier aber kann man immerhin für ein Mindestmaß an Lebensqualität sorgen: einen ruhigen Schlafplatz, regelmäßige Fütterungen und tierärztliche Versorgung.

Cocianu schlüpft in seinen weißen Kittel und verschwindet in der Praxis, während die Hilfskräfte säubern, füttern und mit vereinten Kräften an der Welpen-Unterkunft bauen, mit der die kleinsten ihrer Schützlinge gut durch den Winter kommen. Nun beginnt auch mein Arbeitstag: Das große Fotoshooting aller Hunde, die über die Homepage vermittelt werden. Natürlich haben diese in den fünf Minuten, die sie aus ihren Käfigen heraus in den Auslauf geführt werden, alles andere zu tun, als stillzuhalten. In alle Richtungen springen sie aus dem Bild, und mir schwirrt schnell der Kopf von so vielen Nasen, Augen und Fellvariationen, Namen, Geschichten und Schicksalen.

Manche der Tiere wurden von der Straße aufgesammelt, manche abgegeben und einige sogar hier geboren. Die Knopfaugen der kleinen Welpen, ihre tapsigen Bewegungen auf viel zu großen Pfoten – niedlich wie überall auf der Welt, und doch will sie keiner. Zu viele sind es einfach, viel zu viele. Die wenigsten der Hunde haben eine reelle Vermittlungschance. Nur ca. einmal pro Monat kommt es vor, dass ein Hund hier vor Ort aufgenommen wird; ca. einmal im Monat, manchmal öfter, geht ein Transport nach Europa ab. Und viel mehr neue Hunde kommen tagtäglich dazu. Ein aussichtsloser Kampf also?
 

Tierisches Engagement ohne Grenzen

Das fragen sich vielleicht auch die Mitarbeiter der Organisation. Doch sie verstecken es gut. Wie auch sonst könnten sie Tag für Tag hier ihre Arbeit machen, fast Übermenschliches leisten? Woher nur nehmen sie die Kraft? Tierheim-Leiterin Oana David sagt, sie arbeite für die Tage, an denen ein Transport abgeht – so wie heute. Dann weiß sie, die viele Arbeit hat sich zumindest für ein paar der Tiere gelohnt. Zusammengesunken sitzt sie auf einem Stein und raucht gedankenverloren. Atmet einmal tief durch. Und legt wieder los.

Heute scheint ein besonders verrückter Tag zu sein – das ist zumindest den Flüchen des Tierarztes zu entnehmen. Mehr Operationen als normal, der komplizierte Transport, und dann wurden auch noch aus dem staatlichen Tierheim Hunde mit Staupe-Infektion eingeliefert. Über eine Stunde lang halte ich eine völlig apathische schwarze Hündin, bis deren Infusionen durchgelaufen sind. Neben ihr hustet ein winziger Welpe. Da fliegt die Tür auf, und ein frisch operierter Riesenmischling wird hereingeschleppt. Auch draußen ist wieder einmal der Teufel los – bzw. eine gut gelaunte Dobermannhündin, die sich von ihrer Kette losgerissen hat und unter hysterischem Bellen der verbliebenen Hundertschaften mit den Tierpflegern Fangen spielt.

Das ausbruchssichere Halsband, das ihr daraufhin angepasst wird, stammt aus einer Spende. Denn die öffentlich geführte Diskussion, was mit den rumänischen Straßenhunden geschehen soll, hat auch deutsche Tierschützer in Alarmbereitschaft versetzt: Tonnen von Hundefutter wurden von dort aus nach Rumänien geschickt, und in großem Umfang dafür geworben, Hunde bei sich aufzunehmen.
 

Ein besseres Hundeleben in Westeuropa?

Doch ist es wirklich sinnvoll, rumänische Hunde auf die lange Reise in den Westen zu senden, obwohl auch deutsche Tierheime aus allen Nähten platzen? Nein, auf keinen Fall, dachte ich vor meinem Besuch bei „Milioane de prieteni“. Ja, auf jeden Fall! fordere ich danach. Denn auch hier muss man differenzieren: manches Mal ist es eine falsch verstandene Tierliebe, die etwa mitleidige Touristen dazu bewegt, Hunde aus Urlaubsorten kurzerhand im Flugzeug mit nach Hause zu nehmen – obwohl dort z.B. aus Zeitgründen keine guten Bedingungen für die Tierhaltung gegeben sind.

In solchen Fällen wird die Betreuung oft durch Außenstehende geleistet, denn in vielen europäischen Ländern hat sich längst ein finanzstarker Markt rund um die Dienstleistungen für den besten Freund des Menschen entwickelt. Sogenannte „Dogwalker“, professionelle Hunde-Ausführer also, gehören in deutschen Großstädten schon lange zum Stadtbild. Besonders verwöhnte Tiere bekommen ihr Lieblingsessen morgens in einer Tupper-Dose mit in die HuTa (Hunde-Tagesstätte) gebracht und absolvieren nachmittags Termine bei Tierpsychologen, Schwimmkurse oder Beauty-Stylings. Was davon noch als angemessen und was als reine Geldschneiderei empfunden wird, bleibt jedem Tierhalter selbst überlassen. Wer aber wirklich genug Zeit und Platz für einen rumänischen Straßenhund zur Verfügung hat und seine Entscheidung gut abwägt, wird mit einem überaus dankbaren Freund fürs Leben belohnt – und kann außerdem mithelfen, die Auffangstationen ein wenig zu entlasten.
 

Zentral auch in punkto Tierschutz: Nachhaltigkeit

Doch viel wichtiger ist natürlich das Bekämpfen der Problemursachen, und auch diesbezüglich engagieren sich die Mitarbeiter von „Millionen Freunde“. Bis Ende des Vorjahres lief eine Aktion, bei der man sein Tier kostenlos sterilisieren oder kastrieren lassen konnte – mit einem Termin vor Ort in Triaj, oder sogar zu Hause. Leider machen längst nicht alle Tierhalter von diesem großzügigen Angebot Gebrauch, und nach wie vor sieht man in den Straßen, an Fabriken und auf privaten Höfen viel zu viele ungewollte Welpen. Ein kleiner Trost: Dennoch ist das Problem, zumindest in Kronstadt, nicht mehr so akut wie noch vor einigen Jahren.

Die neue 14 Tage-Regelung wird übrigens in Triaj nicht angewendet. Seit Beginn der Medienhetze stellen die Tierschützer jedoch an neu eingelieferten Tieren verstärkt Misshandlungen fest. Eingeschläfert werden verletzte Hunde nur im Notfall. Cocianu versteht nicht, wie man hoffnungslose Fälle oder sehr alte Hunde in unzähligen Operationen künstlich am Leben erhalten kann. Er erlöst zum Beispiel Tiere, die mit Brüchen in der Wirbelsäule eingeliefert werden. Hunde mit gelähmten Hinterläufen auf Bretter mit Rollen zu schnallen, in tierische Rollstühle sozusagen, wie man es von Zeit zu Zeit in Deutschland sieht, käme für ihn nicht in Frage – das sei kein Hundeleben.

Eines jedenfalls steht ungeachtet aller kulturellen Unterschiede fest: ohne eine Mentalitätsänderung und langfristige Maßnahmen, die von den hiesigen Tierbesitzern auch in Anspruch genommen werden, können noch so viele Transporte ins Ausland abgefertigt werden – und doch wird sich die Situation langfristig nicht ändern. Daher stehen Prävention und Aufklärung ganz oben auf der überfüllten Prioritätenliste von „Millionen Freunde“.

Jeder kann helfen

Die Hunde-Auffangstation in Triaj freut sich über jede Form von Unterstützung: Sach-, Futter- und finanzielle Spenden sind ebenso willkommen wie ehrenamtliche Mitarbeit. Es können Patenschaften auf Distanz übernommen werden, womit insbesondere die medizinische Versorgung von Notfällen sichergestellt wird. Besonders freuen sich die Mitarbeiter des Projekts natürlich, wenn Sie einem der dortigen Tiere die Chance auf ein glückliches Hundeleben mit Familienanschluss ermöglichen. Weitere Infos unter Tel: 0040.268-471.202.

Kommentare zu diesem Artikel

Joachim, 24.01 2014, 22:06
Es liegt nicht an den Tieren (Hunde,Katzen).
Es liegt an den Menschen, die müssen lernen und umdenken.Bei den freilaufenden Hunden, gibt es im Winter eine zwangsläufige, natürliche Auslese. Genau wie bei den Wildtieren auch. Man muss die Menschen dort sensibilisieren, ihre Tiere kastrieren/sterilisieren zu lassen.
Alle lassen ihre Tiere abends raus, ohne sich Gedanken darüber zu machen. Tiere, die an der Kette liegen, können sich nicht wehren. Wenn eine Hündin Nachwuchs bekommt, wird sie, oder die Jungen vertrieben. Da muss man das Bewusstsein der Bevölkerung sensibilisieren und das nicht nur in Rumänien. Ich könnte darüber viel berichten.

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