So klingt die Karottenflöte

Kürbisposaune und Endivien-Musik: Der Künstler Eric van Osselaer rockt vegetarisch

Montag, 07. Mai 2012

Eric van Osselaer spielt die Karottenflöte.

Eric van Osselaer: „Alles ist Musik und kann Musik werden.“

Der Künstler hat ein Workshop in der Cărtureşti-Buchhandlung in der Iulius Mall geleitet. Weitere Infos über den Künstler auf www.evolplay.org.
Fotos: Zoltán Pázmány

Die Gurken-Trompete spielen, eine Kürbis-Trommel schlagen oder einfach mit zwei Endivienblättern musizieren. Tatsächlich, Grünzeug ist gesund. Dass man es nicht nur essen, sondern auch Musik damit machen kann – das zeigte der Künstler Eric van Osselaer (44) in einem Workshop in der Cărtureşti-Buchhandlung in Temeswar/Timişoara  im Rahmen der Veranstaltungsreihe „CaféKultour“.

Seit Jahren baut der dänische Künstler Instrumente aus Obst und Gemüse und macht damit Musik. Angefangen hat es eigentlich mit einem Malereiprojekt: Zuerst hat van Osselaer mit Gemüse gemalt, danach hat er Skulpturen daraus gemacht. Warum dann auch nicht „gemüsizieren“, so die Idee eines Tages. Er begann, sich Flöten und Trompeten aus Karotten, Paprika und Sellerie zu schnitzen und verschiedene Gemüsesorten nach ihrer Musikalität und ihrem Klangstil zu testen.

Wie musikalisch ist der Lauch? Ein bisschen gequält klingt er schon, wenn der Musiker Eric van Osselaer seine Finger auf der weißen Knolle rauf und runter bewegt. Er fiept, wimmert und quietscht. Ähnlich wie eine Geige. Gleich schlägt auch das Publikum in der Cărtureşti-Buchhandlung in Temeswar den Rhythmus. Mal mit dem Fuß, mal mit der Hand. Es scheint leicht zu sein, sogar banal. Doch ein Geheimnis gibt es schon, van Osseler verrät es flüsternd: Die Knolle muss nass sein, um den Lauch richtig erklingen zu lassen. Und: Statt Finger kann man darauf eine Banane gleiten lassen. So wird der Sound noch prägnanter und klarer. „Für diese Entdeckung, eine Banane über einen nassen Lauch rutschen zu lassen, habe ich etwa zwei Jahre gebraucht“, so van Osselaer.

Bei dem Workshop in der Cărtureşti-Buchhandlung ging es ums Improvisieren, ums Gemüse schnitzen und ums Musizieren der ganz besonderen Art. Tatsächlich heißt es bei dieser Art von Musikinstrumenten vor allem: ständig Neues probieren. „Und immer wieder improvisieren“, so der Künstler, der den Teilnehmern – meist Jugendliche – zeigte, wie man aus Obst und Gemüse ein Instrument bauen kann.

Riesige Auswahl an Gemüseinstrumenten

Anfangs musste der 44-Jährige viel ausprobieren, denn es gab schließlich keine Bücher, in denen Basteltipps für „Gurkophone“, „Karottenflöten“ oder „Lauchgeigen“ standen. „Nach zwei Jahren dachte ich, ich bin ans Ende gekommen, ich kann nichts mehr entdecken. Es sind mir dann aber immer wieder neue Ideen eingefallen. Da wurde mir klar: Ich werde ein Leben lang neue Instrumente entdecken“, so der Musiker. Mit der Zeit hat  er eine riesige Auswahl an verschiedenen Instrumenten entwickelt. „Ich habe alles probiert, was mir in die Hände fiel. Egal, wo ich war. Das tue ich immer noch“, sagt der Däne.

Dass Gemüse und Obst so musikalisch klingen können, hat er Ende der 80er Jahre in Irland entdeckt. Damals arbeitete er an einem Projekt, wo er die Kraft des Windes und die Geräusche des Regens erforschte. Zudem hat er mit Gemüse gemalt und Skulpturen daraus gemacht. Seitdem gibt er jährlich mehrere Konzerte in seinem Heimatland Dänemark, aber auch in anderen Ländern. „Ich wurde in die ungewöhnlichsten Örtlichkeiten eingeladen. Ein Angebot war zum Beispiel, in einer Haftanstalt zu spielen und ein Workshop zu leiten. Leider musste ich dies wegen eines anderen Projekts absagen“, so der Musiker, der auch im Temeswarer Café „Al-kimia“ Ende April für Stimmung sorgte.

Zugleich leitet van Osselaer auch zahlreiche Workshops, wo er Tipps gibt und Tricks verrät, wie man ein Gemüseinstrument am besten schaffen kann. Zu seinem Lieblingsgemüse ernennt er die Karotte, daraus können unzählige Töne und mehrere Instrumente entstehen: „Verschiedene Flöten, Trompeten aber auch Schlagzeug“, so van Osselaer, der ein Stück Karotte auch als Ohrring trägt.

Die Endivie – ein anspruchsvolles Instrument

Ein weiteres spezielles Instrument ist die „Endivie“ – die mag er vor allem deswegen, da sie so „überheblich und anspruchsvoll“ ist. Damit die Endivie richtig musikalisch klingt, muss man zwei Blätter zusammenlegen und sie auf die Lippen pressen: „Speziell ist dabei vor allem die Tatsache, dass man nicht hinein blasen muss, wie es bei vielen Instrumenten der Fall ist, sondern umgekehrt. Mann muss zwischen den zwei Endivienblättern einatmen“, so van Osselaer, der fast eine Woche gebraucht hat, um den Klangstil der Endivie zu erforschen.

Mit Bohrer und Messer entsteht das Instrument

Der Sound seiner Gemüseinstrumente ist einzigartig. „Wie ein Formel 1-Konzert“, wie der Künstler scherzend zu sagen pflegt. Einen Haken hat es aber schon: Die Haltbarkeit der Instrumente ist streng begrenzt. „Ich kann sie maximal eine Woche behalten“, sagt er. Und so baut sich der Musiker seine Instrumente vor jedem Auftritt neu – hauptsächlich mit Bohrer und Schälmesser. Dabei verwendet er beim Bohrer verschiedene Spitzen unterschiedlicher Breite und Größe.

Eine Karotte braucht eine dünnere Spitze, ein Kürbis eine breitere. Wenn man sie zusammentun will, um eine zusammengesetzte Trompete zu schaffen, muss man noch schnitzen, feilen und bohren. Die weggeschnittenen Innereien der Gemüse isst van Osselaer manchmal nebenher oder zwischendurch. Manchmal spendet er die Reste an Tierzüchter oder Farmen. Den Klang der Möhren schätzt van Osselaer am meisten,  doch auch „Zwiebelschale, Lauch und Kürbisse sind nicht zu verachten, die spiele ich regelmäßig“, sagt er.

Den Apfel im Supermarkt spielen

Früher musste sich Erich van Osselaer sogar zwei bis drei Instrumente der gleichen Art anfertigen - „Ich wollte auf Nummer sicher gehen, dass zumindest eines der drei richtig gut klingt“, so Osselaer. „Es kann passieren, dass es überhaupt nicht klingt. Es hängt auch vom einzelnen Gemüse ab. Ich muss da aufpassen, dass die Oberfläche glatt ist oder dass sie breit genug ist, um damit richtig arbeiten zu können“, fügt er hinzu.

Vor dem Konzert sucht sich der Musiker auf dem Markt oder im Supermarkt möglichst knackiges, frisches Gemüse aus, das sich besonders gut zum Schnitzen von Instrumenten eignet. Richtig testen kann er sie aber erst zu Hause, vor Ort würde das ziemlich komisch aussehen, so der Künstler lächelnd. Es würde heißen, jedes Mal beim Einkaufen ein richtiges Konzert geben zu müssen. „Nicht, dass es mir keinen Spaß machen würde, den Apfel im Supermarkt zu spielen, es fehlt mir aber die Zeit dazu.“

„Alles kann Musik werden“

Die selbst entworfenen Instrumente müssen vor jedem Konzert frisch hergestellt werden. Das Stimmen ist dann echte Handarbeit. Klingt das Gemüse zu tief, kommt ein Stück ab. Klingt es zu hoch, muss etwas Größeres her. Und der Musikstil? „Jedwelche Art von Musik kann daraus entstehen: elektronische, Rock’n Roll, Blues, Weltmusik usw.

Du kannst so viel Musik schaffen, unzählige Jumpsessions, das ist das Wunderbare an dieser Art von Musik“, sagt der Musiker. „Es gibt so viel Klangreichtum bei Gemüse. Es entsteht ein eigenständiger Klangstil, der mit herkömmlichen Musikinstrumenten nicht zu erzielen ist. Dabei ist es großartig, dass eigentlich jeder in seiner Küche Musik schaffen kann. Und noch wichtiger: Alles um uns herum ist Musik und kann Musik werden. Es gibt keine Grenzen“, sagt van Osselaer.

So simpel, so genial kann der Musiker die Menschen zusammenbringen. Aus dem Publikum greift einer nach der Karottenflöte. Ein Kind versucht, eine Melonen-Trommel mit einer Gurke zu schlagen. Ein Jugendlicher probiert die Kürbis-Trompete, ursprünglich ganz schüchtern, dann doch mit Enthusiasmus, während er mit dem Fuß den Rhythmus vorgibt.

Vielleicht sind ja jetzt die anderen neugierig geworden und werden sich beim nächsten Gemüsekochen auch mal eine Kürbisposaune oder eine Karottenflöte anfertigen.

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