So standfest können kulturjournalistische Herzstücke sein

Die Richtbilder des ADZ-Korrespondenten Markus Fischer

Freitag, 22. März 2013

Dr. Markus Fischer und seine Bücherwelt

Will einer wissen, was sich im Bukarester Athenäum oder etwa im Bukarester Opernhaus so alles tut, blättert er die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ auf. Will einer hören, wie sich sämtliche Farbtöne sämtlicher Sinfonien in Worte bannen lassen, so hält er die Zeitung fest in der Hand und gibt sie nie wieder her. Und eine Bildbeschreibung steht auch immer gerne im Angebot. Dürfen’s mal ganze Galerien sein, dann umso besser.

Markus Fischers Berichterstattung ist unterhaltsam, lehrreich und klangvoll. Seine Artikel greifen durch die Akustik der Säle, durchs Zeitungspapier, durch das, was das Auge, was das Herz, was der Verstand wahrnimmt oder wahrhaben will, durch die innere Räsonanz der Welten, aus deren Geist sie schöpfen. Die Sünden des Autors: das Mehr-Wollen, das In-die-weite-Welt-Gehen, die Gier, Neues zu wissen, Spracherlebnisse in Erfahrung zu bringen, sein eigen zu nennen, die Anmaßung, Worten Wirklichkeit verleihen zu vollen. Und Wirkung. Und Urtümlichkeit. Und Schlagfertigkeit.

Aus der Perspektive des gebildeten Durchschnittslesers alles gerade noch überschaubar. Wer Deutsch kann und sich in Bukarest aufhält, hat diese Seiten stets zur Hand, wenn es darum geht, sich in schöngeistigen Gefilden zu orientieren. Durchaus verwendbares Zeug, wie Heidegger angesichts der von der Verweisung bestimmten Struktur der Zuhandenheit der ADZ ganz bestimmt sagen würde. Oder vielleicht würde Heidegger einfach Bravo sagen.

Ein kultureller Seitensprung nach Stuttgart? Kein Problem für Markus Fischer. Denn da kommt er her. Ein Raubzug durch die deutschsprachige Literatur? Mit links geschafft – denn da ist er zu Hause. Und jetzt mal einen kurzen Blick auf die Wände seiner Wohnung wagen. Alles gelb: wie ein Sonnenblumenfeld. Hunderte, nein, Tausende Reclam-Bändchen als Projektionsfläche eines unentwegten Dialogs mit der deutschsprachigen Literatur, über die Literaturgeschichte, im Bann ihrer Schwerkraft, als innere Struktur eines größeren Gebäudes, des Gebäudes der Sprache, der deutschen Sprache. Immerfort alles in Reichweite. Immerfort alles zuhanden. In diesen Artikeln führt jedes Wort wo hin. Hut ab, denn das ist nicht jedermanns Sache.

Tell a simple story. Dies wird wohl der zugrundeliegende Leitgedanke einer derartig in die Tiefe gehenden, einnehmenden Berichterstattung sein. Von Anfang an rein ins Zeitgeschehen! Nein, nicht ins Zeitgeschehen. In den Zeitgeist. In die Kulturgüter, die dieser Tage noch so um Bukarest herum gezeitigt werden – in das Sein, in das tiefere Sein, ja in die im Aufgehobensein einer sinnvollen Perspektive verstaute geistige Schmuggelware eines gleichsam zum Fuhrunternehmer mutierten Germanisten mit unbeschränkter Haftung und Geltung und ... also von Anfang an nichts wie rein in die Zeitung!
Das heißt, nicht von Anfang an. Denn angefangen hat das Ganze ja viel früher.

Promotion in Tübingen, ein Ritt über den Ärmelkanal, nach Cambridge, um auch die britische Seite des Lebens kennenzulernen, Radiomensch in deutschen Landen, Lehraufträge an den Universitäten Tübingen und Heidelberg, DAAD-Dozentur in Bukarest, DAAD-Dozentur in Kairo (literarischer Niederschlag: der 2012 in der ADZ rezensierte Roman „Untergang in Kairo“), der gute Ruf als ausgezeichneter Hochschullehrer, als wissenschaftlicher Betreuer von Diplomarbeiten und Dissertationen, der Drang, sich immer wieder auch selber weiterzubilden, seine ansteckende Freude an der Debatte, seine Schlagfertigkeit, seine Hilfsbereitschaft, ja seine schier unglaubliche Fähigkeit, sich in fremden Kontexten zurechtzufinden, ob es sich nun um einen längeren Ausflug in die rumänische Literatur handelt oder etwa darum, die arabische Wüste mit den Hufen seines Kamels abzustauben und darin zu lesen, wie aus Stamm Volk, aus Volk Nation, aus Nation Staat und aus Staat Konglomerat wird.

Was für Richtbilder müssen in Kauf genommen werden, wenn man die ADZ-Seite, die ADZ-Seiten dieses vorzüglichen Germanisten und Autors vor Augen hat, der sich weit über seine DAAD-Dozentur hinaus so sehr um die Germanistik in Rumänien, um den interkulturellen Dialog, um die Pflege der deutschen Sprache in Bukarest verdient gemacht hat? Was für ewige Wahrheiten, die weder ewig noch wahr sind (um mit Roberts Musil zu sprechen, über den Markus Fischers Alter Ego in „Untergang in Kairo“, German Roman, promovierte)?

Tatsache ist: Schon in den frühen Neunzigern merkte das Studentenvolk der Bukarester Germanistik, dass ein frischer Wind aus schwarzen Wäldern her wehte. Ein Mann war aus dem Ländle gekommen, ein Mann, der nicht nur durch sein kolossales Wissen imponierte, sondern vor allem auch durch seine dynamische Erkundung von Ideenwelten, durch seine Begeisterung für Sprache, Literatur und Kultur im weitesten Sinne, durch seinen Stil, durch seinen Witz, durch sein Entgegenkommen. Wer früher im Seminar immer mal gern einnickte, wachte jetzt auf, wer bereits vorher aufgewacht war, machte sich daran, eigene Wege durch diese ungeahnten Welten der Dialogik ausfindig zu machen. Kurzum, in Markus Fischers Seminaren regte sich jenes gewisse Etwas, aus dem sich dann später sinnvolle, in sich zusammenhängende Konstrukte des Intellekts, des Gemüts, des irrenden, des findenden, des fragenden Geistes ergeben: Ich hab’s!

Wenn sich was lohnt, dann lohnt es sich. Zum Beispiel ein Blick in die Zeitung. Denn da steht ja alles drin: auf gut Deutsch. Und weil es schon mal eine Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien ist, eine Handvoll geröstete Sonnenblumenkerne dazu, die ganze Reclam-Welt einer gleichsam zum rückblickenden Erwartungshorizont vergilbten Literaturgeschichte in jedem Kern. Tell a simple story. Erzähl was. Zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, den es von Stuttgart nach Bukarest verschlagen hat. Zum Beispiel eine Kulturgeschichte.

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