Sonntag stehe ich früh auf

Freitag, 14. November 2014

Symbolfoto: freeimages.com

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Auf die rumänischen Bürger im Ausland traf das beim Wahlgang am 2. November leider ganz konkret zu. Seither ist die katastrophale Organisation der Auslandswahlen in aller Munde – doch überzeugende Maßnahmen werden für die Stichwahl am 16. November kaum getroffen. Es ist also Absicht.
Oft ist in Medien, Politik und Forschung von der Politikverdrossenheit und  schwachen Wahlbeteiligung in den mittel- und osteuropäischen Ländern die Rede. Es soll ein Zeichen dafür sein, dass die Zivilgesellschaft unterentwickelt ist – ein Überbleibsel aus der kommunistischen Ära. Das mag sein. Doch dass man Hunderte Kilometer zurücklegt, mehrere Stunden Schlange steht oder sogar ein Botschaftsgebäude stürmt, um seine Stimme bei der Präsidentenwahl abgeben zu dürfen, zeugt nicht gerade von politischer Apathie. Im Gegenteil: Gerade jetzt besteht bei vielen Menschen brennendes Interesse an der politischen Entwicklung Rumäniens, denn das Land steht am Scheideweg. Eher die Tatsache, dass die zuständigen Behörden nichts tun, um die Lage in den ausländischen Wahllokalen am kommenden Sonntag zu verbessern, zeugt von einer Mentalität, die an die Zeit vor 1989 erinnert.

Meine Stimme habe ich am 2. November nicht in einer der großen europäischen Haupt- oder Großstädte abgegeben, in denen es um 21 Uhr zu Protesten vor geschlossenen Türen gekommen ist, und trotzdem musste ich zwei Stunden anstehen, um an einen Stempel und einen Wahlzettel zu gelangen. Die Menschen, die um mich herum im herbstkalten Nieselregen warteten, hatten zum Teil erstaunlich lange Wege hinter sich und diskutierten engagiert über die Missstände am Wahltag und  die Politik im Land, die sie en détail kannten. Manche waren mit Kleinkindern gekommen, die nach und nach ihr Repertoire an Spielen erschöpft hatten und nun langsam unruhig wurden. Niemand hatte mit mehrstündigem Warten vor dem Botschaftssitz gerechnet. Und das Schöne war, dass kein einziger die Geduld verlor, das Warten abbrach und nach Hause ging. Die „Auslandsrumänen“ wollen mitreden, liebe Regierung!

Ein politischer Diskurs, in dem es um Nationalstolz, ethnische Zugehörigkeit und religiöse Orthodoxie geht, ist auch deshalb längst passé. Dies sind Argumente von vorvorgestern, denn wer in Rumänien heutzutage die „Auslandsrumänen“ und die Minderheiten verachtet, der verachtet nicht nur zahlenmäßig eine beachtliche Gruppe von Menschen, sondern gleichzeitig einen großen Teil der Leistungen dieses Landes. Schaut man sich beispielsweise die Liste der Nobelpreisträger an, die aus Rumänien stammen, so entdeckt man fünf Namen: George Emil Palade (1974), Ioan Moraru (1985), Elie Wiesel (1986), Herta Müller (2009) und Stefan W. Hell (2014). Zwei sind Banater Schwaben, einer ist Jude, zwei sind Rumänen – wobei vier von fünf ihre Karriere größtenteils im Ausland aufgebaut haben. Natürlich sind Nobelpreise, die von Einzelnen gewonnen werden, kein Kriterium, um Verdienste einer Gruppe zu bewerten. Aber Minderheiten und „Auslandsrumänen“ gestalten das Land mit und wollen nicht vor geschlossenen Türen Schlange stehen.

Auch abgesehen davon bringen leere Versprechen oder populistische Parolen über die ethnische und religiöse Zugehörigkeit genau genommen gar nichts. Viele sind heutzutage weder stolz, noch sind sie nicht stolz, Rumänen zu sein – sie wollen ein funktionierendes Land. Man könnte auch sagen: gut gemachte Dinge. Aufgabe einer europäischen Regierung ist es nicht, die ethnische und religiöse Reinheit der Bürger zu behüten, sondern funktionierende Institutionen, Verlässlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und zeitgemäße politische Haltungen zu gewährleisten. Dazu gehören Lüge und Plagiat gewiss nicht. Am kommenden Sonntag stelle ich mich ganz früh an, denn es geht um alles oder nichts.

Kommentare zu diesem Artikel

norbert, 16.11 2014, 00:53
Frau CHIRIAC. Träumen sie weiter. Rumänien wird am Sonntag Herrn ponta wählen. Und nicht Einen deutschen. Johannis. .er kann. Und wenn er könnte wird er es nicht angehen. Rumänien hat eine ganz eigene koruption. Die unterscheidet sich von denen anderer Länder. Sie ist tief in der rumänischen Kultur verankert. Sie war und ist Bestandteil von Problemlösungen. Sie hat nur eine neue Dimension bekommen.. rumänien bekommt viel Geld aus der EU. Und die dortigen menschen wollen wissen. was wird mit unserem Geld gemacht. Jetzt steht rumänien im Fokus. .und muss juristisch im Land vorgehen. .sonst werden die Gelder gestrichen. Das kriegen sie nicht hin. .weil es juristisch alleine nicht geht. Rumänien brauch eine lange Diskussion im Land. Woher ihre Alltags koruption her gründet. Über Historiker Schulen Universitäten. Über neue politische Bewegungen. Geschieht dies. Nein. Woran kann man das messen. Das messen sie daran das die rumänische Bevölkerung ab wandert. Erst wenn die Rumänen sich zu ihrer Alltags koruption stellen wird ein Wandel eingeleitet. Das ist der Gradmesser für Rumänien
Manfred, 14.11 2014, 22:20
Sehr guter Beitrag,Frau Chiriac!Nur noch zur Ergänzung:Wenn nicht die Auslandsrumänen die Daheimgebliebenen finanziell unterstützen würden,sähe es in RO noch viel schlimmer aus.Auch nicht vergessen:Nicht alle Auslandsrumänen leben im Luxus,viele wohnen in WG-s,in überbelegten WG-s und kommen mit Hilfsarbeiterjobs über die Runden.Kein Traum,aber alles ist besser als in RO,das habe ich nicht selten gehört.Es wird höchste Zeit,das die Briefwahl eingeführt wird.
Tourist, 14.11 2014, 12:54
Ponta wäre dumm, wenn er nicht alles versuchen würde, den Auslandsrumänen das Wählen so kompliziert wie möglich zu machen. Er weiß ja ganz genau, dass er von der Diaspora nicht viel Zustimmung zu erwarten hat.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*