Soziale Standards europaweit eingefordert

Menschenwürdige Arbeit Hauptthema einer Tagung in Konstanza

Samstag, 28. November 2015

Die Tagungsteilnehmer besuchten auch die Kindersozialstation einer orthodoxen Pfarrei in Konstanza.

Unter dem Motto „Menschen. Würdig. Arbeiten. Globalhistorische und aktuelle Perspektiven zur Arbeit“ fand kürzlich wieder eine internationale Konferenz des sozialen europäischen Netzwerks „SoCareNet“ statt, dieses Mal in Rumänien, in Konstanza. Der ADZ-Autor und frühere Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen, Pfarrer Dr. Jürgen Henkel, derzeit Gemeindepfarrer in Selb in Oberfranken und Herausgeber der Deutsch-Rumänischen Theologischen Bibliothek/DRThB, war an der Organisation und Durchführung der internationalen Tagung beteiligt und hielt auch eines der drei Hauptreferate. Er informiert über das internationale Sozialforum „SoCareNet“ und blickt für unsere Zeitung auf die Sozialkonferenz zurück.

Das Forum „SoCareNet“ ist ein von der Diakonie Neuendettelsau ins Leben gerufenes Forum vor allem kirchlicher Sozialeinrichtungen aus ganz Europa. Auch rumänische Einrichtungen sind Mitglied, zum Beispiel das Sozialdepartement des rumänischen orthodoxen Erzbistums von Temeswar. Bei den Jahreskonferenzen gibt es jeweils ein besonderes Jahresthema sowie Länderberichte. Die Einrichtungen wiederum tauschen sich über aktuelle sozialpolitische Fragen und auch über Fördermittel auf europäischer Ebene aus und berichten von ihrer Arbeit. In diesem Jahr fand die Jahreskonferenz in Konstanza/Constanţa statt. Die Diakonie Neuendettelsau hat 2005 eine Sozialpartnerschaft mit dem dortigen Erzbistum Tomis abgeschlossen. Seither unterhalten das Diakoniewerk und das Erzbistum und auch die Orthodoxe Fakultät der Ovidius-Universität enge und regelmäßige Kontakte. Die rund 35 Teilnehmer der diesjährigen Tagung aus Deutschland, Österreich, Rumänien, Bulgarien, Spanien und der Schweiz beschäftigten sich mit dem Thema Arbeit und Arbeitsbedingungen in Geschichte und Gegenwart und den Arbeitnehmerrechten in den verschiedenen Ländern. Für die meisten Teilnehmer aus dem Ausland war es die erste Begegnung mit Rumänien. So standen auch touristische Sehenswürdigkeiten auf dem Programm, wie das Kloster Cernica und die Weinkellerei Murfatlar. Auch ein Schiffsausflug auf dem Schwarzen Meer durfte nicht fehlen. Die Tagung selbst fand in Räumlichkeiten der Ovidius-Universität statt.

Die bekannte Arbeits- und Wirtschaftshistorikerin Dr. Andrea Komlosy aus Wien bot einen vertieften Einblick in die Geschichte und Soziologie der Arbeit auf der Basis ihres Standardwerks zum Thema. Die Universitätsprofessorin machte deutlich, dass Arbeit schon vom Begriff her vielschichtig sei und von mühevoller und schwerer Arbeit bis zu kreativer künstlerischer und handwerklicher Arbeit alles umfasse. Sie plädierte aus feministischer Sicht auch für eine Berücksichtigung der Hausfrauenarbeit gegen eine Engführung des Begriffs auf die reine Erwerbsarbeit. Das zweite Hauptreferat zum Thema „Wenn der Job krank macht. Arbeitsverdichtung, Stress und Burnout als Herausforderung für die heutige Arbeitswelt“ steuerte der Psychotherapeut Dr. Hans-Peter Unger bei, Chefarzt am Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios-Klinik Hamburg-Harburg. Er ging ausführlich auf das Phänomen des Burnouts ein und thematisierte den Zusammenhang von Erschöpfung, Burnout und Depression. Dabei thematisierte er auch betriebliche und persönliche Risikofaktoren und schilderte Möglichkeiten persönlicher und betrieblicher Prävention. Auch verdeutlichte er die Gesundheitsfürsorge als Führungsaufgabe von Unternehmen, Arbeitgebern und Vorgesetzten. Auch Dr. Unger hat Standardwerke zum Thema geschrieben. Bei den verschiedenen Länderdarstellungen informierten Vertreter aus Deutschland, der Schweiz, Spanien und Rumänien über die soziale Lage in den jeweiligen Staaten und ihre Projekte und Einrichtungen. Zur Lage in Bulgarien referierte die frühere Außenministerin und ehemalige Europaabgeordnete Rumiana Jeleva.

Aus Rumänien nahmen unter anderem Vertreter der orthodoxen Erzbistümer von Hermannstadt/Sibiu, Jassy/Iaşi und Temeswar/Timişoara teil, als Länderreferent berichtete der Sozialexperte Levente Gyulai vom Institut für wirtschaftliche und soziale Bildung/IFES aus Klausenburg/Cluj. Er informierte über das rumänische Arbeitsrecht, Arbeitnehmerschutzbestimmungen und EU-Sozialprojekte, die sein Institut betreut. Dabei wurde rasch deutlich: Die Gesetzeslage ist in Rumänien durchaus auf EU-Niveau und setzt formell sehr hohe Standards. Es fehlt aber meist die konsequente und auch strafbewehrte Überwachung der praktischen Umsetzung durch Unternehmen und Arbeitgeber. Im Moment steht die Korruptionsbekämpfung mehr auf dem Schirm der Staatsanwaltschaften als der Arbeitsschutz.
Der mittlerweile von der Wirtschaft selbst in Rumänien gerne beklagte Fachkräftemangel mag auch daran liegen, dass hier nach wie vor im Blick auf die hohen Lebenshaltungskosten viel zu niedrige Löhne bezahlt werden und es nach wie vor einen spürbaren „Braindrain“ gibt, also einen Talentschwund durch arbeitsbedingte Emigration ins Ausland. Heute leben rund eine Million Rumänen jeweils in Spanien und in Italien, Hunderttausende Kinder wachsen ohne Eltern bei Großeltern und Verwandten auf. Die Kirchen sind sozial zur Stellungnahme und zum Handeln gefordert. Längst stellen sich viele Probleme europaweit: Minijobs und Niedriglöhne, Alltagsarmut trotz Rekordgewinnen bei vielen Unternehmen, Niedrigrenten und Altersarmut, gleichzeitig Millionenabfindungen für Manager, wachsende Kinderarmut, Aushöhlung des Sonntags- und Feiertagsschutzes oder auch die Verweigerung von Rehamaßnahmen bei älteren Menschen.

Hier ist die kritische Stimme der Kirchen und der Christlichen Soziallehre in der Tradition der biblischen Sozialkritik nach wie vor bitter nötig, um die Menschenwürde zu verteidigen. Die Sozialverkündigung und das sozial-diakonische Engagement der Kirche sind ebenso wesentlich und wichtig wie die Verkündigung der Botschaft von der Auferstehung und ewigem Leben. Die Kirche darf nie schweigen zu sozialer Ungerechtigkeit. Zum Rahmenprogramm der Tagung zählte auch der Besuch bei der Kindersozialstation einer orthodoxen Kirchengemeinde von Konstanza. Erzbischof Teodosie von Tomis und Bischof Visarion von Tulcea begrüßten als Vertreter der Rumänischen Orthodoxen Kirche, dass diese Tagung in Rumänien stattfand. Erzbischof Teodosie hielt fest: „Bei der Sozialarbeit gibt es keine Konfessionen mehr. Der Dienst am Nächsten verbindet unsere Kirchen.“ Bischof Visarion unterstrich: „Wenn wir die Gottesebenbildlichkeit des Menschen betonen, dann ist das eine theologische Aussage zum Menschen, aber auch ein Anspruch an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.“ Der neue Rektor der Diakonie Neuendettelsau, Pfarrer Dr. Mathias Hartmann, machte deutlich, dass er die substanziellen Kontakte des Diakoniewerks zur Rumänischen Orthodoxen Kirche beibehalten wolle.

Kommentare zu diesem Artikel

Ottmar, 29.11 2015, 23:28
Schorsch ja die orthodoxe Kirche war die am besten vernetzte Institution mit dem Ceauscescu-Regime. Nach der Wende liessen diese orthodoxen schergen zu dass behinderte Kinder gefoltert wurden. Schau bei der Barbara Stamm Stiftung nach.
Schorsch, 29.11 2015, 22:05
O wie schön wäre es, wenn sich im Internet nur Leute äußerten, die zu den Themen, zu denen sie sich äußern, auch Ahnung hätten. Die kirchlichen Sozialdienste sind in Deutschland die größten Arbeitgeber überhaupt, mehr als die Automobilindustrie z.B. Und wer hier nur dumme Vorurteile weitergibt im Blick auf orthodoxe Sozialarbeit, sollte sich erst mal per Recherche auf den Homepages der orthodoxen Bistümer und des Patriarchats schlau machen, wie viele Einrichtungen es dort seit vielen Jahren schon gibt.
Tourist, 29.11 2015, 18:08
die Kirchen machen schon einige gute Projekte und unterhalten auch so manche sehr gute soziale Institution, aber sie könnten mehr machen, da bin ich ganz Ihrer Meinung, weil arm sind sie nicht mehr. Grad die orthodoxe Kirche sollte lieber ein paar Kindergärten, Waisenheime, Altersheime und ähnliches errichten, statt protzige Kathedralen. Auch gibt es zu viele Pfarrer, weil das ein attraktiver Beruf für viele junge Studenten ist. Lieber ein paar Sozialarbeiter mehr und ein paar Pfarrer weniger.
Ottmar, 29.11 2015, 17:22
TOURIST, die katholische Kirche koennte, sollte sie auf Projekte a la Tebartz van Elst verzichten Millionen fuer soziale Belange beitragen. Selbiges gilt fuer die Orthodoxe rumaenische Kirche die meines Erachten immens reich an teilweise gestohlenen Laendereien ist aber kein einziges soziales Werk wie zum Beispiel die Betreung von Kindern im Sinne von SOS Kinderdoerfer unterhaelt. Ich verweise hier nur auf die Barbara Stamm Stiftung
Tourist, 29.11 2015, 15:20
das Sozialsystem muss in jedem europäischen Land noch immer vom Steuerzahler des jeweiligen Landes finanziert werden. Die Steuerleistung hängt natürlich hochgradig mit der Wirtschaftsleistung zusammen. Einfach mehr Ausgaben zu fordern, ohne zu sagen, woher die notwendigen Einnahmen kommen sollen, ist unredlich. Welche neuen Steuern wollen denn die Herren Pfarrer einführen? Erbschaftssteuer, Steuer auf Mieten, höhere Umsatzsteuer, höhere Lohnsteuer, was?

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