Sozialwaisen - weder des Staats, noch der Familie

Kinder aus Rumänien weiterhin auf Hilfe aus Österreich angewiesen

Mittwoch, 23. Dezember 2015

In Wetschehausen kam der Weihnachtsmann ein bisschen früher. Die Kinder führten für die Gäste aus Österreich rumänische Volkstänze vor.
Foto: Karl Pinter

Wie jedes Kind, wünschen auch sie sich zu Weihnachten Spielzeugautos, Puppen oder Teddybären. Doch das, was sie am nötigsten haben, kann ihnen der Weihnachtsmann nicht bringen. „Die Kinder von Wetschehaus brauchen eine Bezugsperson“, sagt Edith Pinter, die Caritas-Leiterin aus dem österreichischen Eisenstadt, die vor Kurzem das Kinderheim im rumänischen Wetschehausen/Pietroasa Mare bei Lugosch/Lugoj besucht hat. Seit 1993 betreut die Caritas Eisenstadt dieses Kinderheim in Westrumänien – das Projekt wird vor Ort von der Caritas der römisch-katholischen Diözese Temeswar/Timişoara betreut. 20 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 20 Jahren haben hier ein neues Zuhause gefunden. Kinder mit einer schwierigen Biographie, weiß Edith Pinter, denn es sind Sozialwaisen, die aus armen, zerrütteten Familien stammen und die „einfach nur Nähe brauchen“.

Das Kinderheim in Wetschehausen gehört zu den ersten Sozialeinrichtungen in Rumänien, die nach der Wende gegründet wurden. Der Bedarf an solchen Institutionen war damals groß. Als kurz nach 1989 die Österreicher Hilfstransporte in das osteuropäische Land brachten, stellten sie fest, dass in den Krankenhäusern gesunde Kinder abgegeben wurden, die dort einfach unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetierten. Im Krankenhaus Lugosch, aber auch in Temeswar, gab es viele solche Fälle. Die Caritas Eisenstadt gründete 1993 das Kinderheim in Wetschehausen. Elfriede Schweifer, die ehemalige Leiterin der Caritas Eisenstadt, fuhr damals mit dem Arzt Peter Wagentristl nach Wetschehausen und nahm zu Beginn neun obdachlose Kinder in die Sozialeinrichtung auf. Seitdem kümmern sich die Burgenländer um das Wohlergehen der Kinder aus Wetschehausen. Sie sammeln Spenden ein, besuchen die Kinder, nehmen sich Zeit für sie. Alle Kinder aus Wetschehausen haben Paten in Österreich, die sie regelmäßig besuchen. Es ist knapp drei Jahre her, seitdem mit Unterstützung von freiwilligen Handwerkern aus Österreich ein Niedrigenergiehaus im Hof des Kinderheims errichtet wurde, das den Kindern bessere Wohnbedingungen sichert.

 

EU-Land Rumänien: immer noch von Armut betroffen

„Die Kinder werden gefördert, aber auch gefordert. Mir ist es wichtig, dass die Kinder etwas mitnehmen, wenn sie die Institution verlassen: eine gute Ausbildung, eine Fremdsprache und einen Beruf“, sagt Edith Pinter. Im Burgenland ist „Wetschehaus“ ein Begriff. „Die Burgenländer sind stolz auf ihre Kinder von Wetschehaus“, fügt die Caritas-Direktorin hinzu. Die Kinder von Wetschehausen sollen Deutsch lernen. Das wünscht sich Edith Pinter, und ganz so schwer scheint das nicht zu sein. Lieder und Gedichte auf Deutsch können die Kinder bereits, und immer, wenn Helfer aus Österreich da sind, lernen die Kinder neue Wörter dazu.

20 Jahre nach der Wende gibt es immer noch Armut in Rumänien. Die Statistiken belegen: 40 Prozent der Bürger Rumäniens sind von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. „Es gibt nicht nur in Rumänien Armut, sondern überall auf der Welt. Wir hören aber oft die Frage: Rumänien liegt doch in der EU – ist es noch notwendig, dass wir spenden, dass wir unterstützen?“, sagt Edith Pinter. Dadurch, dass die Entfernung zwischen Österreich und Rumänien nicht so groß ist, kommen viele Burgenländern nach Rumänien und können sich selbst überzeugen, dass in Rumänien noch Hilfe notwendig ist. Das Einsammeln von Spenden erfolgt im Burgenland auf unterschiedlichste Art und Weise. Immer im Februar gibt es eine Kinderkampagne: In den römisch-katholischen Pfarren werden Gelder für Wetschehausen eingesammelt. Kleinere Aktionen wie „Coffee to help“ werden ebenfalls für Wohltätigkeitszwecke organisiert. Dabei wird Kaffee gekocht und Kuchen gebacken. Alles wird verkauft, wobei der Erlös den Kindern aus Wetschehausen zu Gute kommt.

 

Ein bisschen Anhalt

Die Wirtschaftskrise hat die Spendenfreudigkeit der Österreicher teilweise schon etwas beeinträchtigt. „Auch andere Institutionen haben gemerkt, dass die Spendengelder zurückgehen“, sagt Edith Pinter. „Wir müssen uns möglichst viele Aktionen einfallen lassen, damit wir diese Institution weiterhin finanzieren können. Es ist eine Herausforderung“, fügt die Caritas-Direktorin hinzu. Pro Jahr werden Spendengelder in Höhe von ungefähr 50.000 Euro eingesammelt. „Den Rest gibt unser Bischof aus der Fastenaktion, damit wir die Einrichtung in Wetschehausen durchfinanzieren können“, sagt Edith Pinter.

In zwei Tagen ist Weihnachten – ein Fest, bei dem man mit der ganzen Familie und voller Begeisterung Geschenke auspacken wird. Auch für die Kinder in Wetschehausen wird es Geschenke geben. Mutter und Vater werden jedoch auch in diesem Jahr fern bleiben. „Gerade das macht es für diese Kinder so schwierig – dass sie die Eltern für ein paar Tage mit nach Hause nehmen und dann wieder zurückbringen. Dieses ´Ich mag dich – ich mag dich doch wieder nicht´“, sagt Edith Pinter. „Das sind Kinder, die gehören nicht wirklich dem Staat und nicht wirklich in die eigene Familie. Sie brauchen uns, damit sie ein bisschen Anhalt finden“, schließt die Caritas-Leiterin.   

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