Spaziergang durch das jüdische Bukarest

Vom prächtigen Choral-Tempel bis zum schlichten Holocaust-Mahnmal

Montag, 12. November 2018

Der Choral-Tempel: architektonisches Spektakel. Fotos: George Dumitriu

Heiliger Schrein im Unirea-Tempel

Explosion an Farben und Formen: Deckenornamente der Großen Synagoge

Holocaust-Mahnmahl

„Zusammengedrängt in kleinen Gassen scheinen sie ohne Raum und Luft zu leben. Im Licht einer rauchenden Lampe arbeiten sie, bemüht, ein bisschen Wohlstand in ihre kleine Welt zu bringen. Doch abends, wenn die Büros und Läden schließen, wird ihr Viertel auf einmal sehr lebhaft. Das ganze Volk ergießt sich in die Straßen, Frauen, Kinder, Alte,  sie leben miteinander, teilen dasselbe Schicksal, alle kennen sich, was ihnen eine spezielle Art von Vertrautheit verleiht... Wen zufällig spät nachts der Weg durch diese Viertel führt, der wird sehr überrascht sein über das immer noch intensive Leben, während der Rest der Stadt bereits einschläft.“


Selber Ort, andere Zeit: Infernaler Verkehr lähmt die Innenstadt. Gläserne Hochhausfassaden, Fußgängerauflauf vor Mc Donalds. Ein Pizzabote schlängelt sich mit dem Rad durch die Blechlawine. Der U-Bahn-Ausgang vor dem Kaufhaus Unirea spuckt unaufhörlich Menschen in die Straße. „Taxi?“ ruft der Mann vor der Reihe gelber Autos den vorbeihastenden Passanten zu. Bukarest ist Metropole geworden: eine parallele Welt zu jener Zeit, die der 1872 bis 1907 in der Hauptstadt lebende französische Journalist Frédéric Damé eingangs so pittoresk beschreibt. Das jüdische Viertel, das sich damals bis auf den Unirea Platz erstreckte; die Teestuben, die sich ab sechs Uhr abends füllten, wo religiöse Lieder aus knarzenden Grammophonen dröhnten; die Milchsammelstellen und koscheren Schlachtereien; die fliegenden Händler, die nach und nach die Straßen der Altstadt eroberten – erst Gabroveni und Lipscani, dann Carol, Șelari und Smârdan, zuerst mieteten sie die Läden, dann kauften sie sie von bulgarischen, griechischen und rumänischen Händlern. Nichts scheint heute davon übrig zu sein. Bukarest hat sein Gesicht einer anderen Zeitdimension zugekehrt: jener der Malls, Straßencafés und Nachtclubs. Doch eine Stadt gehört niemals nur einer Zeit... 

Tore zu einer anderen Welt

Immer gibt es Tore, die wie Hawkings Wurmlöcher zu parallelen Dimensionen führen. Hier und dort durchbohren sie das Zeitgewebe des modernen Bukarest, Nadeln aus der Vergangenheit, die von unten die Gegenwart anpieksen: der Choral-Tempel in der Sfânta Vineri Straße 9, größte Synagoge des Landes, 1864 nach dem Modell des großen Tempels in Wien errichtet; die davor größte „Große Synagoge“ der aus Polen eingewanderten Aschkenasen, 1847 in der Strada Vasile Adamachi 11 erbaut, heute zwischen hohen Wohnblocks eingepfercht; der Unirea-Tempel in der Strada Mămulari 3, 1836 von der Schneiderzunft errichtet, er beherbergt das Museum für jüdische Geschichte; nicht zu vergessen das jüdische Staatstheater, ein imposantes gelbes Gebäude in der Strada Iuliu Barasch 15, heute wichtigste Einrichtungen für die Bewahrung der jiddischen Sprache. Ein Meilenstein dort ist die weltbekannte Schauspielerin Maia Morgenstern. Konzentriert ist die Bukarester jüdische Gemeinschaft mit ihren kulturellen Aktivitäten auf dem ProEtnica Festival vertreten, das jährlich in Schäßburg/Sighișoara stattfindet: Konzerte der Bukarester Klezmer Band, Theater, Ausstellungen, Vorträge, Buchvorstellungen. Wie die jüdische Bevölkerung Rumäniens früher auf dem Land lebte, erfährt man im Bukarester Dorfmuseum „Dimitrie Gusti“: Auf der Allee der Minderheiten steht in der nach dem jüdischen Mediziner und Staatsmann Nicolae Cajal benannten Gasse ein bescheidenes Holzhaus aus der Maramuresch. Unser Spaziergang endet in der Strada Anghel Saligny 1: Wie eine rostige Schmerzensnadel sticht die Säule des von Peter Jacobi entworfenen Holocaust-Mahnmals in die Wunde des rumänischen Kollektivbewusstseins - als materialisiertes Eingeständnis, dass der Holocaust auch hierzulande stattgefunden hat. 280.000 rumänische und ukrainische Juden und 25.000 Roma wurden zwischen 1940-44 nach Transnistrien deportiert, wo viele in den Lagern starben. Aus Siebenbürgen schickte die ungarische Armee 135.000 Juden nach Auschwitz.

Das jüdische Bukarest

In Bukarest leben heute nach Angaben der Föderation der jüdischen Gemeinschaften in Rumänien (FCER) noch an die 3500 Bürger mosaischen Glaubens. Die meisten sind Nachfahren der Aschkenasen, Einwanderer aus dem deutschsprachigen europäischen Raum, Polen und Russland, bedingt durch verschiedene Wellen der Verfolgung. Die ersten Juden, die sich Ende des 15. Jahrhunderts in Bukarest niederließen, waren jedoch die aus Spanien vertriebenen jüdischen Sepharden. Weil die Aschkenasen zahlenmäßig dominierten, wurde in Bukarest vor allem Jiddisch gesprochen, eine Art deutscher Dialekt, doch mit hebräischen Schriftzeichen geschrieben. Die Sprache der Sepharden nennt sich Ladino. Typische Berufe der Bukarester Juden waren Arzt und Händler, ab dem 19. Jahrhundert auch Schneider, Schuster, Zinngießer und Getränkefabrikant. Erst mit dem Aufkommen der antisemitischen Politik wurden ihre Dienstleistungen geächtet.

Keine andere ethnische Gruppe erlebte einen so starken demographischen Niedergang in so kurzer Zeit wie die jüdische Gemeinschaft Rumäniens: Wurden 1930 landesweit 728.115 Juden gezählt - in Bukarest stellten sie zur Zwischenkriegszeit sogar elf Prozent der Bevölkerung dar - waren es nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch einige Tausend. Viele wanderten später nach Israel aus.

Auch vom jüdischen Viertel in Bukarest ist nicht viel übrig geblieben: die kompakte Siedlung, die sich am linken Dâmbovița-Ufer von der Calea Văcărești bis zur Calea Dudești hinzog, war in den 80er Jahren eine der am stärksten von den Demolierungen Ceaușescus betroffenen Zonen. Zwischen 1977 und 1989 wurden über 60 jüdische Tempel und Synagogen zerstört. Ein Ort, wo sich Geschichte und Gegenwart treffen, ist das jüdische Staatstheater: Hier hatte sich 1877 Avram Goldfaden mit seiner Theatergruppe niedergelassen. Der Schriftsteller aus Jassy/Iași gilt als Begründer des heute weltweit verbreiteten jüdischen Theaters. Mit seinem Ensemble tourte er damals durch die Städte, bis sie 1876 mit großem Erfolg in Bukarest spielten – und blieben. Einer der Zuschauer der ersten Aufführung in der Hauptstadt war kein geringerer als Mihai Eminescu. Nach dem Zweiten Weltkrieg durften eine zeitlang nur rumänische Stücke aufgeführt werden, 1949 wurde das Theater Kulturinstitution des Staats. Seither wurden dort über 200 Stücke gespielt, sowohl auf Rumänisch als auch auf Jiddisch. Das Esemble nimmt häufig an internationalen Festivals und Tourneen teil. Das Theater und seine Vertreter wurden in diesem Jahr von Staatspräsident Klaus Johannis mit hohen Kulturorden ausgezeichnet.

Verborgene Pracht

Wir beginnen unseren Spaziergang beim Choral-Tempel, dem wohl imposantesten Teil des Bukarester jüdischen Kulturerbes, 2007-2015 umfassend restauriert. Errichtet wurde er zwischen 1864 und 1866 nach den Plänen des Wiener Architekten Ludwig von Forster als Replika der Synagoge in der Wiener Tempelgasse. Mehrmals von Erdbeben beschädigt oder zerstört, zuletzt von der Legionärsbewegung im Januar 1941, wurde er 1945 wieder instandgesetzt und gilt als Denkmal nationalen Rangs. Bis heute ist der Tempel spirituelles Zentrum der jüdischen Gemeinschaft, der Sitz des FCER liegt auf dem Gelände.

Das Innere des Tempels wirkt monumental: Zwei Etagen Balkone im neogotischen und maurischen Stil dienten früher den Frauen als Betraum. Heute wird wegen der geringen Anzahl der verbliebenen Gläubigen während des Gottesdienstes einfach ein transparenter Vorhang zwischen der Seite der Männer und der Frauen aufgezogen. Wände und Decke sind mit Ornamenten in eklektischem Stil mit maurischem Einfluss in warmen Orangetönen reich bemalt. Das Herzstück jeder Synagoge, der heilige Schrein oder Aron Kodesh, in dem die Tora-Rollen aufbewahrt werden, ist ein wahres Schmuckstück.

Weiter geht es zur Großen Synagoge, deren Pracht sich nur von innen erschließt. Bemerkenswert auch hier: Balkone, ornamentale Deckenbemalung, verzierte Leuchter und bunte Glasfenster. Ihr Bau wurde 1846 von den aus Polen eingewanderten Aschkenasen beantragt, als Komplex mit Tempel, Schule und Spital, wegen Reklamationen christlicher Nachbarn vorübergehend eingestellt und 1847 mit Genehmigung von Gheorghe Bibescu mit Ausnahme des Spitals fortgesetzt. Seit 1992 befindet sich in dem denkmalgeschützten Gebäude das Holocaust-Museum.
Der Unirea-Tempel, 2014-2016 umfassend restauriert, beherbergt das Museum der jüdischen Geschichte, benannt nach dessen Gründer, Oberrabbiner Dr. Moses Rosen. Für Gruppen können Führungen beantragt werden. Über Einwanderungsgeschichte, Bräuche, Religion, Feste, Speisen und andere Belange des jüdischen Lebens von einst und heute erzählt Direktorin Carmen Iovițu lebhaft und beantwortet bereitwillig Fragen.

Die Synagogen werden heute auch als interkulturelle Begegnungsorte genutzt, Besucher sind auf den Konzerten, Buchpräsentationen oder Konferenzen stets willkommen. Bewusst wird eine Kultur der Offenheit gepflegt: Angesichts der schwindenden jüdischen Gemeinschaft soll zumindest ihr Kulturerbe als Erinnerung erhalten bleiben.

Ausklang

Im Kontrast zu den prächtigen Gotteshäusern steht das Holocaust-Mahnmal. Rostiger Stahl, klare Formen, Monumentalität und Symbolismus bestimmen das 2009 eröffnete Ensemble, wo am 9. Oktober, dem nationalen Holocaust-Gedenktag, Staatsmänner Kränze niederlegen. Neben der Gedenksäule umfasst der Komplex weitere fünf Skulpturen: die Via Dolorosa, eine aus rosa Granit realisierte Wagenspur, sie steht für die Schienen, auf denen die Waggons mit den Deportierten nach Transnistrien oder Au-schwitz entschwanden. Das liegende Wagenrad, Symbol der Roma, erinnert an die Opfer aus ihren Reihen. Ein Sarg mit rohen Bruchsteinen, der Epitaph, steht für namenlose Massengräber. Der gebrochene Davidstern aus zwei verkeilten Dreiecken wirft genau am 9. Oktober einen ganzen, sternförmigen Schatten. Über unregelmäßige Stufen in Serpentinen steigt man vorsichtig in die Gedenkhalle hinunter, vorbei an dem Fenster mit Grabstelen aus dem zerstörten Friedhof in der Bukarester Sevastopol-Straße. An den Wänden in der Halle lesen wir die Namen der Opfer...
Stellen uns vor, wie sie einst aus den Läden, den Teestuben, den Werkstätten und Büros auf die bereits belebte Straße des nächtlichen Viertels strömten. Und ihr Bukarest wird wieder lebendig, zumindest für einen geträumten Augenblick.


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