Spielen, toben, lernen – Hauptsache auf Deutsch

Private deutsche Kindergärten werden immer beliebter

Sonntag, 06. April 2014

Der Evangelische Kindergarten Martin Luther verfügt über großzügige Räumlichkeiten.

Frau de Turzansky ist nicht nur eine beliebte Lehrerin, sondern auch eine geschickte Zahnzieherin.

Heuer wurde die erste Nullklasse bei Fridolin gegründet.
Fotos: Aida Ivan

Es ist ein kühler, angenehmer Frühlingsvormittag. In einem modernen Hochhaus auf der Bukarester Făgăraş-Straße laufen Kinder in Uniformen auf dem Flur des zweiten Stockes hin und her. Eine blonde, kurzhaarige Dame mit selbsbewusstem Auftreten lässt die Kleinen wissen, dass ihre Pause vorbei ist. Ein Junge kommt zu ihr, öffnet den Mund, zeigt ihr seine Zähne und sagt: „Er wackelt“. Die Frau empfiehlt ihm, noch ein paar Tage zu warten und immer wieder den Zahn hin und her zu bewegen. Der Junge will aber nicht mehr warten. Ohne viel Aufwand zieht die Dame blitzschnell den wackelnden Milchzahn. Das zufriedene Kind zeigt einem Spielkameraden sein neues Lächeln. Die Frau geht mit ihm ins Badezimmer, wo er sich den Mund ausspült, und gibt ihm ein Taschentuch. Falls Blut fließt. Ungefähr 20 Kleine versammeln sich danach in dem Raum, auf dessen Tür mit bunten Großbuchstaben steht: Vorschule. Die Frau legt den Zahn auf den Lehrerschreibtisch. Einen Zahn weniger im Mund, setzt sich Luca in die letzte Bank. Jetzt kann die Lektion beginnen.

Wir befinden uns im Gebäude des deutschen Fridolin-Kindergartens, in dem neuerdings auch die Fridolin-Schule gegründet wurde: Es ist die erste Nullklasse überhaupt. Die Kinder, die Deutsch auf muttersprachlichem Niveau beherrschen, erzählen zusammen mit der Lehrerin die Geschichte, die sie letztes Mal begonnen haben. Die Lehrerin stellt ständig Fragen: „Und was hat das Monster gemacht“? „Das Monster hat ihm die Has...“, beginnt ein Mädchen. „Nicht die Hasen, die Hausaufgaben gemacht,“ kommt ihr die Lehrerin entgegen. Das zusammengesetzte Wort sprechen die Kinder wiederholt im Chor aus. „Der Junge und das Monster wollten Schiffe versenken spielen“, erklärt ein anderes Mädchen. Die Geschichte geht weiter...

Die Suche nach Alternativen

Jede Familie hat ihre eigenen Prioritäten. Die Suche nach einem Kindergarten in Bukarest kann deshalb für Eltern schwierig sein. Manche wollen, dass der Kindergarten in der Nähe des Hauses liegt, andere legen Wert auf die gesunde Ernährung, andere möchten, dass ihre Kinder möglichst viel lernen. Die deutsche Sprache scheint im Trend zu sein. Trotzdem gibt es allerlei Fragen: Ist es wichtiger, dass die Kinder mit Liebe umsorgt werden oder dass sie an möglichst vielen Kursen teilnehmen? Ist das Treppenhaus gefährlich für das Kind? Wie sehen die Toiletten aus? Wird das Essen angeliefert? Sind die Räume groß, werden sie ausreichend gelüftet? Immer wieder werden diese Fragen in Internetforen gestellt, wo Eltern sich über Kindergartenangebote austauschen.

Die Erwachsenen besuchen verschiedene Kindergärten in Bukarest und besprechen mit den anderen Interessierten die Vor- und Nachteile, die sie bemerkt haben. Das Ziel der Eltern ist meistens, dass ihre Kinder später vom Goethe-Kolleg aufgenommen werden. Die hohe Anzahl der privaten Kindergärten kann nur eines bedeuten: Das Angebot der staatlichen deutschen Kindergärten in Bukarest reicht nicht aus. Hier nur ein paar deutsche Kindergärten in  der Hauptstadt, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit in den Diskussionen der Eltern stehen.

Der Fridolin-Kindergarten

„Ich bin die Zahnzieherin“. Nur die Lehrerin zieht hier die Zähne der Kinder, nicht ihre Eltern, nicht andere Verwandte, erklärt Simone de Turzansky das Ritual, das bei den Kindern so beliebt ist. Den Zahn wird sie schön einpacken, sie schreibt den Namen darauf und präsentiert ihn den Eltern mit dem Datum, an dem er entfernt wurde. Auf die Packung schreibt sie, was für ein Zahn das war. Es ist eine gute Gelegenheit, die Kinder zu fragen, was für Sorten von Zähnen sie kennen. Dauerzähne, Milchzähne, Backenzähne, Eckzähne, Schneidezähne – alle diese Wörter sind den Kinder bekannt: Die Diskussion begeistert die Kleinen, die immer lauter werden. „Ist das eine Zahnrevolution?“ fragt die geschickte Lehrerin und wechselt das Thema. Neue Wörter werden entdeckt, die Kinder erheben ihre kleinen Hände und winken heftig. Sie wollen ausgewählt werden, um die Geschichte mit dem Monster und dem Jungen weiterzuerzählen. Als die Lehrerin später fragt, ob sie eine Pause machen wollen, kommt die Antwort im Nu: „Neeein!“

Insgesamt kommen mehr als 100 Kinder in den Kindergarten und in die Schule. Früher gab es wenigere: „Es gibt eine große Nachfrage. Ich habe den Eindruck, es kommen immer mehr Leute. Sie wissen, dass die Kinder bei uns wirklich Deutsch lernen. Das ist die Bedingung. Sie können spielen, wir reden über allerlei, aber sie müssen Deutsch reden“, erklärt Frau De Turzansky die Regeln des Hauses. Im Kindergarten gibt es vier Gruppen, eine kleine, eine mittlere und zwei große. Für die Einschreibung gibt es keine begrenzte Periode. Gerne erzählt die Lehrerin über die besonderen Aktivitäten der Kinder in der Einrichtung: Abgesehen von den Besuchen im Museum, Theater oder Zirkus gibt es auch Ferienlager, die beispielsweise in Wolkendorf/ Vulcan im Erholungsheim der Evangelischen Kirche organisiert werden. „Wir besichtigen die Kirche in Wolkendorf oder in Neustadt. Wir sind oft nach Rosenau gefahren und haben die Burg besichtigt.

Aber auch die Kirchenburg in Tartlau ist schön. Wir sind immer mit der Kirche in Verbindung“, erklärt Frau De Turzansky. Auch Michelsberg/ Cisnădioara ist ein beliebtes Reiseziel: „Wir machen Spaziergänge, besuchen das Freilichtmuseum nahe Michelsberg, manchmal fahren wir nach Hermannstadt oder nach Kronstadt, in die Schwarze Kirche. Man kann eine Fahrt mit Pferden unternehmen oder einfach Ausflüge auf die Wiese und die Kirchenburg besichtigen. Auch Honigberg ist eine Variante – da gibt es eine Orgel-Werkstatt, wo man Orgeln baut oder restauriert“, erklärt sie weiter. Wichtig ist für die Lehrerin, dass die Kinder draußen in der Natur spielen. In der Stadt sitzen sie immer im Auto, werden immer herumkutschiert. Doch sie brauchen auch ihre Freiheit. „Außerdem lesen, diskutieren oder basteln wir viel“, fügt De Turzansky hinzu.

Die Kosten für den Fridolin-Kindergarten betragen weniger als 400 Euro pro Monat. Das lange Programm in der Schule kostet hingegen 500 Euro (8.30 bis 18 Uhr).

Der Evangelische Kindergarten

Zu den am meisten nachgefragten Kindergärten in der Hauptstadt zählt auch der Evangelische Kindergarten Martin Luther (Kiga), der sich gegenüber dem Luigi-Cazzavillan-Park auf der Temi{ana-Straße befindet. Leiterin Cristina Călinescu erklärt, dass Bewerbungen oft schon einen Monat vor der offiziellen Periode für die Einschreibung eingereicht werden. Die Eltern haben schon angefangen, den Kindergarten zu besichtigen. Speziell für die 85 Kinder zwischen drei und sechs Jahren, die in den evangelischen Kindergarten kommen, wurde vor sieben Jahren ein modernes Gebäude errichtet. Priorität bei der Aufnahme haben Geschwister der schon registrierten Kinder, die Kinder der evangelischen Gemeindemitglieder und Kinder, die schon Deutsch sprechen. „Die meisten aber kommen ohne Deutschkenntnisse und in drei Jahren können sie vom Goethe-Kolleg aufgenommen werden“, verdeutlicht Frau Călinescu die Leistungen der Kleinen.

Eine After-School Einrichtung ist ebenfalls vorhanden, eine Before-School soll ab nächstem Jahr ins Leben gerufen werden. Das Progamm beginnt um 7.30 Uhr, Kinder müssen um 18 Uhr abgeholt werden. Um 9 Uhr frühstücken die Kleinen, danach werden verschiedene Aktivitäten durchgeführt – sie gehen in den Park, danach essen sie zu Mittag und schlafen. Zwischen 14 und 16 Uhr werden die freiwilligen Aktivitäten abgehalten, zum Beispiel Ballett oder Sport. Oft gehen die Erzieherinnen mit den Kindern in den Cişmigiu-Park, ins Theater oder besuchen verschiedene Orte, die Schokoladefabrik, den Zoo. Ab April soll im Rahmen eines Kurses ein deutsches Theaterstück vorbereitet werden. Es ist nicht die erste Erfahrung dieser Art: Die Kinder vom Kiga haben auch an dem Festival für Kindertheater in Hermannstadt teilgenommen. Im Gong-Theater haben sie zweimal ein Theaterstück auf Deutsch vorgestellt. Diese Erfahrung hätten sie gerne wieder gemacht, aber das Festival wurde nicht mehr abgehalten, bedauert Frau Călinescu.

Der evangelische Kindergarten gehört zur evangelischen Kirchengemeinde Bukarest. Zu Weihnachten und Ostern gehen ungefähr 40 Kinder in die Kirche, wo sie eine Darbietung mit Liedern und Gedichten den Gemeindemitgliedern vorstellen. Die Angestellten, darunter sieben Lehrkräfte, die Pflegerinnen und Assistenten stammen vorwiegend aus Siebenbürgen. Hautpsache man spricht Deutsch. Organisiert werden jedes Jahr verschiedene thematische Sommerlager in Hermannstadt/ Sibiu, Michelsberg/ Cisnădioara oder Techirghiol. Weiterführende Informationen kann man durch eine E-Mail an info@kiga.ro abrufen. Eingeschrieben werden können die Kinder vom 22. April bis 15. Mai.

Der Kindergarten der DSBU

Die Deutsche Schule Bukarest in der Aron-Cotruş-Straße hat einen Kindergarten mit ungefähr 60 Kindern. Übrigens gibt es auch eine Krippe mit zwölf Babys. Der Kindergarten verfügt noch über freie Plätze für Kinder vom 3. Lebensjahr bis zum Schuleinstieg. Angeboten werden u. a. musikalische Früherziehung, Sport, Sprachförderung, ein Vorschulprogramm, Projektwochen und gemeinsame Ausflüge. „Wir bieten drei Wochen im Juli ein spezielles Sommerprogramm von 8.30 bis 15 Uhr an“, erklärt Kindergartenleiterin Alina Nicolae. Der Aufnahmebeitrag liegt in Höhe von 400 Euro und wird nicht zurückerstattet. Die Kosten schwanken zwischen 4000 Euro und 7000 Euro im Jahr, je nach Programm.

Kommentare zu diesem Artikel

Sebastian, 14.04 2014, 20:31
Viele Kindergärten sehen zwar schön aus, aber was in der Umsetzung stattfindet ist oft fragwürdig. Habe schon einige Kindergärten erleben dürfen, die diese Einrichtungen nicht Erfahrungs - und Lerneinrichtung für Kinder sehen, sonder möchten möglichst viel Profit erwirtschaften. Die Erzieher sind oft im pädagogischem Wissen, nicht auf dem neuesten Stand, was sich dann heufig im Konzept der Einrichtung wiederspiegelt. Die weiter Entwicklung der Hirnforschung (Manfred Spitzer) und das neue Bild vom Kind ist leider nur in geringem Maß in Rumänien angekommen, Kreativangebote erinnerten mich an die DDR Zeit, wo alle Bilder aussehen musste wie das andere.
Karl, 07.04 2014, 17:20
Warum stellen Sie den Kosten der Kindergärten nicht z.B. das Gehalt eines rumänischen Grundschul- und/oder Mittelschullehrers - im Alter in dem Mittelschullehrer normaler Weise Kinder haben - gegenüber?

So ein Vergleich wird doch die meisten Leser dieser Geschichte gewiss interessieren ...

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*