Sport in der Luft treiben

Aerial Yoga: bessere Muskelkraft und mehr Flexibilität

Sonntag, 29. September 2013

Nach aktiven Trainingsphasen Entspannung total in der Hängematte....

Das Kopfstehen erfordert in erster Linie Konzentration.

„Auf keinen Fall geht es um Hochleistungssport. Es ist nicht, was man im Zirkus sieht oder bei anderen Aufführungen!“, erklärt Trainerin Alexandra Ghezea.
Fotos: Aida Ivan

Im Tanzraum wartet schon eine Handvoll Frauen verschiedenen Alters. Sie stehen an ihrem Platz, symmetrisch positioniert. Die Trainerin kommt, geht der Reihe nach zu jeder Frau hin und springt, um etwas, das einem  roten Schal ähnelt, von der Zimmerdecke herunterzubringen. Das macht die Trainerin Alexandra Ghezea im Saal des Bukarester Sportklubs Body Exprim für jede Teilnehmerin am Kurs für Aerial Yoga. Im Nu ist der Saal, dessen Wände mit Spiegeln bedeckt sind, voll von solch riesigen Schals, die wie Schaukeln aussehen.

Der Kurs beginnt. Sanft ist die Stimme, die die Bewegungen der Kursteilnehmerinnen leitet, genau wie die Musik im Hintergrund. Alle bewegen sich rhythmisch und langsam. Jede Teilnehmerin am Kurs fasst den roten Schal an und beugt den Oberkörper nach unten, dann nach rechts und nach links. Der Schwierigkeitsgrad steigt, von leichten Übungen geht man allmählich zu den schwierigeren über. Der gehobene Fuß stützt sich an der roten Hängematte, die noch nicht entfaltet wurde, die Kursteilnehmerinnen scheinen sich auf diese Weise in Bewegungskünstlerinnen umzuwandeln. Mit großer Konzentration wird diese Aktivität durchgeführt, denn jeder Körperteil muss eine bestimmte Position haben.

Bald unterstützt der Schal die Last des ganzen Körpers: Nach den schwierigeren Übungen legen sich die Kursteilnehmerinnen kurz in die Hängematte. Jetzt hängen sie alle in der Luft, jede in ihrem eigenen, langsam schaukelnden Kokon. Dann diktiert die sanfte Stimme weitere Anweisungen. Wenn man in der Luft hängt und Sport treibt, ist das nicht so anstrengend für den Rücken. Die Kursteilnehmerinnen nehmen die Anweisungen wahr: In den kleinen roten Kokons schlängelt man sich plötzlich Eine kleine Pause in der die Frauen in der Hängematte völlig entspannt schweben: Erst jetzt kann man ihre Arme und Beine sehen. Mit geschlossenen Augen liegen sie einfach da, mit hängenden Köpfen, Armen und Beinen, die langsam und wie unbeseelt schaukeln.

Die Stunde ist aber noch nicht vorbei: Es folgen Übungen zur Verbesserung der Mobilität. Abgeschlossen wird der Kurs mit den Yoga-Positionen, bei denen man auf dem Kopf steht. Viele Beinpaare recken sich auf dem Schal empor und die konzentrierten kopfstehenden Frauen wiegen sich vorwärts und rückwärts in einem selbstkontrollierten Schaukeln. Belohnt werden die Kursteilnehmerinnen für die Durchführung dieser Übung  durch eine endgültige Erholungspause: Das Licht wird abgeschaltet, die Musik wird sanfter  und die Frauen liegen in den Hängematten, die sie von Kopf bis Fuß einhüllen. Sie genießen die luftige Atmosphäre zwischen den Spiegelwänden bis zum Ende der Aerial-Yoga-Stunde.

Was ist Aerial Yoga?

Aerial Yoga ist in Rumänien relativ neu, eingeführt in Bukarest wurde der Kurs vor ungefähr zweieinhalb Jahren vom Sportklub BodyExprim. Die Idee einer sportlichen Aktivität, die mit Hilfe einer Hängematte durchgeführt wird, ist vor ein paar Jahren in den USA erschienen, aber Aerial Yoga wurde hier in Bukarest entwickelt.

Dabei geht es um mehr als den visuellen Reiz. Die Hängematte wirkt zwar anziehend, es ist alles sehr neu, aber die Aktivität hat auch eine theoretische Basis. Entwickelt wurde diese von rumänischen Professoren von der Sportakademie und von Trainern des Sportklubs Body Exprim. „Die Lektionen werden gemäß einer bestimmten Struktur durchgeführt. Es gibt ein Aufwärmentraining und die Anstrengung ist nicht zu intensiv“, verdeutlicht Alexandra Ghezea. Der Kurs ist einzigartig durch die Kombination von mehreren Sportarten. Der Aktivität liegen Prinzipien aus Pilates (Training zur Kräftigung der Muskulatur) und Yoga zugrunde,  kombiniert mit Gymnastik, Ballett und  verwandten Aktivitäten, erklärt die Trainerin. Vom Yoga wurden die klassischen Positionen geliehen, die angepasst und mit Hilfe der Hängematte durchgeführt  werden. „Die Bewegungen sind kontrolliert und eine wichtige Rolle spielt die Atmung. Man wird der Bewegung bewusst und entspannt sich gleichzeitig“, informiert die Trainerin. Dabei geht es nicht um ein intensives Training, etwa wie beim Aerobic-Kurs. Es ist ein Sport, der viele Varianten erlaubt.

„In der letzten Zeit hat sich der Bereich des Sports sehr dynamisch entwickelt. Immer wieder erscheint eine neue Aktivität, etwas wird ständig verändert oder verbessert“, erklärt die Trainerin die Bedingungen, unter denen Aerial Yoga zustande kam. Professoren und Trainer nehmen deshalb ständig an Fortbildungsseminaren und Konferenzen teil.

„Man muss nur offen sein“

Auch wenn es nicht unbedingt so scheint, wendet sich der Kurs an alle Menschen, mit Ausnahme von Kindern, für die das erforderliche Konzentrationsniveau zu hoch sein kann. Das Problem ist dabei nicht die Bewegung, die ihnen sowieso nicht schaden kann. Es ist jedoch unerlässlich, dass man den eigenen Körper gut kennt. Ansonsten braucht man keine Vorbereitung,  der Trainer passt die Übungen an die Teilnehmer an – die Bewegungen können vereinfacht oder erschwert werden, je nach den Fähigkeiten der Kursbesucher. „Ist die Hängematte resistent?“– Das ist eine Frage, die oft gestellt wird. Wichtig ist, dass die Teilnehmer  Vertrauen haben. „Man muss nur offen sein. Das ist allles, was man braucht“, sagt die Trainerin.

Als Aerial Yoga im Programm des Bukarester Sportklubs eingeführt wurde, haben die Trainer versucht, eine kleine Veranstaltung zu organisieren, um den Menschen zu erklären, worum es sich handelt. Die damaligen Teilnehmer waren sehr aufgeschlossen, sie haben verstanden, dass jede  Körperaktivität  effizient ist, wenn man sich entspannt. Verschiedene Trainingsansätze sollen kombiniert werden: Nicht nur sehr intensives Ausdauertraining, sondern auch isometrische Muskelkontraktion, bei der sich nur die Spannung der Muskeln ändert, zeigt große Wirkung. Beim Aerial Yoga werden Muskelkraft und Flexibilität verbessert, da die Kontraktion kurz und sehr intensiv ist. „Aerial Yoga ergänzt sehr gut jedes andere Trainingsprogramm“, meint Frau Ghezea.

Aerial Yoga dient der Gesundheit, so wie jede andere Körperaktivität: Das Immunsystem, das Herz- und Kreislaufsystem, die Atemfähigkeit werden verbessert. Vorteilhaft dabei ist, dass der Druck auf  die Gelenke reduziert ist, denn es gibt viele Übungen, die in der Hängematte durchgeführt werden. Außerdem gelingen mit Hilfe der Hängematte Übungen, die auf dem Boden nicht durchgeführt werden können.

Sie werden viel schneller gemacht und die Mobilität entfaltet sich rascher als bei anderen Kursen. Das Schlüsselelement  von Aerial Yoga ist das Kopfstehen: Die Hüften sind der Unterstützungspunkt und kein Gelenk wird gefordert. „Wenn man Rückenschmerzen hat, dann helfen diese Positionen sehr viel. Außerdem wird der periphere Kreislauf  stimuliert“, verdeutlicht die Trainerin. 

Das Ziel der Trainer war es, einen Kurs anzubieten, an dem alle Menschen teilnehmen können, unabhängig vom Alter. „Wir hatten damit Erfolg. Wir dachten zuerst, die Menschen würden nicht verstehen. Aber sie haben es verstanden. Wir haben sehr junge Frauen bis zu solchen im Alter von über 50 Jahren. Wir hatten  Kursteilnehmer, die operiert wurden, oder ernste Probleme mit dem Rücken hatten. Sie fühlten sich danach viel besser als vorher“, behauptet die Trainerin.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*