Sprechen im Takt

Poetry Slammer Bas Böttcher unterrichtet die Kinder des Goethe-Kollegs und des Caragiale-Kollegs

Samstag, 29. November 2014

„Ihr versteht mich, oder?“ „Ja!“ „Versteht ihr mich auch,wenn ich...“ Bas Böttcher beginnt so schnell und rhythmisch zu sprechen, dass es klingt wie ein Rap-Song und selbst ich, als deutsche Muttersprachlerin, verstehe dabei nur jedes zweite Wort. Die Schüler lächeln.

Vorfreude auf den bevorstehenden Workshop, bei dem Bas sie in die Kunst der rhythmischen Lyrik – des Poetry Slams – einführen wird.

Mit Bas Böttcher haben die Kinder einen Meister vor sich. Er gilt als Mitbegründer der Slam Poesie in Deutschland, gewann mehrfach den Poetry-Slam-Preis der Literaturwerkstatt in Berlin und 1997 die ersten Poetry-Slam-Meisterschaften. Seine Gedichte sind in Anthologien deutschsprachiger Lyrik wie „Der neue Conrady“ oder „Jahrbuch der Lyrik“ zu finden. Außerdem tourt er durch die Welt und ist Gastdozent für Sprache und Inszenierung unter anderem am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Und nun in Bukarest, um den Schülern des Goethe-Kollegs und des Caragiale-Kollegs etwas beizubringen. Er entpuppt sich als großartiger Lehrer. Auch wenn er eigentlich keiner ist. Keine Sekunde ist langweilig. Schon allein wie er erklärt, was eine „Hookline“ ist. Dazu malt er einen Haken (Hook) und eine wellige Linie dran (Line). „Das ist der Teil aus dem Text, der sich wiederholt und im Kopf hängen bleiben soll. Wie der Refrain eines Liedes.“ Im Anschluss malt er einen Kopf um die „Hookline“. Gespeichert. Ich wünsche mir in diesem Moment, dass meine Lehrer mal auf die Idee gekommen wären, etwas so anschaulich zu präsentieren. Mittlerweile muss man nicht Pädagogik studiert haben, um zu wissen, dass Lernen auf diese Weise wesentlich effektiver ist. Da könnte man sich das mühsame Eselsbrücken bauen und Mindmaps erstellen sparen, wenn es schon so schön auf der Tafel steht.

Aber davon hat Bas auch schon gesprochen. Wie wichtig die richtige Präsentation ist. Im Poetry Slam ist das die Aussprache, die Betonung, der Rhythmus, die Stimme, die Blicke. Es ist einfach mehr als der Inhalt. Die gesamte Show.

Aber zurück zum Text: Wie schreibt man denn ein Gedicht? „Zuerst brauchen wir das Wort-Material. Das sind Bausteine. Wie bei Tetris setzen wir diese dann zusammen.“ Um Material zu sammeln, fragt er die Kinder, ob sie denn deutsche Wörter kennen, die zwei Bedeutungen haben. Wörter, die chinesisch klingen. So wie „Gang“. Wörter, die durch das Tauschen eines Buchstabens ihre Bedeutung verändern, und Wörter, die sich reimen. Zwischendurch gibt Bas Kostproben aus seinen Texten wie „Der Tanz“.

Dass das das krasseste Fest ist,
 ist Fakt
Publikum dicht aneinander gepackt
Tanzsilhouetten im Flutlicht
 abstrakt
Feiert noch schön! Das war mein
Text - letzter Akt
Wir fühlen uns unverwundbar
wunderbar
Und sind so wunderbar und
verwundbar

Die Schüler widmen Bas ihre volle Aufmerksamkeit. Keiner starrt Löcher in die Luft. Ein paar aktiver als andere, aber alle interessiert. Im Laufe des Workshops sammeln sich Wörter an. Bas gibt Beispiele dafür, wie man mit dem Wort-Material der Schüler basteln kann. Das Spiel mit der Sprache ist beeindruckend. Der Poetry Slam Künstler ist sehr passioniert. Das merkt man immer wieder. Er schenkt Wörtern viel Aufmerksamkeit. Betrachtet sie auch anthropologisch. „Beherrscht man einen Text auswendig, sagt man in England ‘I know it by heart’, was soviel heißt, wie ich weiß es im Herzen. In Deutschland sagt man ‘Ich hab den Text im Kopf’. Worte sagen viel über die Kultur.“ Seine Leidenschaft ist ansteckend. Die Jugendlichen sammeln weiter Material. Am Ende stehen „Dschungel, Spiegel, Freundschaft“ und noch ein paar mehr Wörter auf der Tafel.

Die ersten zaghaften Versuche, mit diesen Bausteinen zu arbeiten. Es ist nicht ganz einfach. Selbst für Muttersprachler nicht. Dafür zollt Bas den Kindern eine extra Portion Respekt. Sie arbeiten schließlich in einer Fremdsprache. Die letzte Zurückhaltung beseitigt er mit seinem Loblied auf Fehler „Sytnax Error“.

(...) Ich bin mangelhäftiger Meister
Ich komm nie vom falschen Weg ab
Bin im Meisterfehlen der Macher
weil ich Patzer in Massen statt Maßen hab (...)
Aus Elenden die Edelen
Aus Lebenden die Liebenden
Aus Leid mach ich ein LiedUnd aus bad mach ich ein’ Beat (...)
Und ohne das Falsche gäb’s das Richtige nicht
Nur die Macken im System bring’ dessen Schwächen ans Licht(...)
Und von Anfang bis Ende an war irgendwie eh klar:
Dieses Stück zu schreiben, war ein richtiger Fehler

Wieder denke ich, dass ich mir so einen Lehrer gewünscht hätte. In der Schule war es meist etwas Schlechtes, Fehler zu machen.

Aufteilen in 2er- und 3er-Teams. Nun wird an der Hookline gebastelt. Vier Zeilen.

Nachdem die Hookline steht, geht es aber nicht direkt weiter mit den Versen, sondern mit dem Takt. Bas spielt einen Beat im 4/4 Takt. Er läuft im Loop. Loop bedeutet, der Takt wiederholt sich in Dauerschleife. Damit will er nochmal deutlich machen, welche Wirkung der richtige Rhythmus haben kann. Durch ihn kann Text kompatibel werden. Dass das so ist, führt er mit seinem „Looppool“ im Internet vor. Aber sie sollen es selbst herausfinden.

Bas und die Schüler sammeln wieder Wortmaterial und setzen dies zu folgender Zeile zusammen:

Meine Worte sind wie Dynamit
meine Textkreation ist ne Gedankenexplosion
Tick, Tack, Boom, Detonation

Dieser Text wird nun zum Rhythmus von Queens „We will rock you“ gesprochen. Der Beat wird geklatscht und gestampft. Das klappt schnell und gut. Deshalb kann nun weiter an den eigenen Texten gefeilt werden. Die Schüler reimen fleißig, während Bas ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Am Ende gibt es noch ein paar Tipps für den Auftritt. Wie Bas schon zu Beginn des Workshops erwähnte, besteht Poetry Slam aus der Idee, dem Text und der Show. Das alles ist eng miteinander verstrickt. Das „Wie“ rundet den Inhalt des Textes ab.
Am darauffolgenden Tag ist es soweit: Die Schüler tragen ihre Texte vor. Am Mikrofon genau wie beim richtigen Poetry Slam. Bas moderiert die Texte an. In der Tat gebührt den Schülern großer Respekt. Poetry Slam ist schon für einen Muttersprachler nicht einfach. In einer Fremdsprache erscheint es mir unglaublich schwierig. Aber sie haben es gemeistert. Der/die ein/e oder andere schlägt vielleicht sogar eine Karriere in der rhythmischen Lyrik ein.

Spaß scheinen sie allerdings alle gehabt zu haben. Die Schüler bedanken sich mit leuchtenden Augen bei ihren Lehrern und schießen noch ein paar Erinnerungsfotos mit Bas. Ich hatte ebenfalls Spaß.

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