Spurensuche in der Stadt der Revolution

Temeswar 25 Jahre nach dem Umsturz 1989 in Rumänien

Samstag, 20. Dezember 2014

Revolutionsdenkmal von Ingo Glass: „Der Fall des Eisernen Vorhangs“. Stahlblech für Schiffbau aus dem Hüttenwerk Galatz. Der Künstler bot das Werk seiner Geburtsstadt als persönliche Hommage an die Gefallenen von 1989 an.

Traian Orban wurde am 17. Dezember 1989 auf dem Temeswarer Freiheitsplatz von zwei Kalaschnikow-Kugeln der rechte Oberschenkelknochen zersplittert. Er weilte, mit Unterbrechungen, bis April 1990 in Wiener Krankenhäusern, geht jetzt gestützt auf einen Spazierstock und leitet heute das Temeswarer Revolutionsmuseum.

Vor dem Haus, das u. a. die reformierte Kirche und die Dienstwohnung des calvinistischen Pastors der Temeswarer Innenstadt beherbergt, begann die Temeswarer Revolution durch einen Solidaritätsprotest der Temeswarer, quer durch Ethnien und Religionen, und bald war auch der eigentliche Anlass vergessen und die Proteste richteten sich gegen das Ceauşescu-Regime.

Morgen genau vor 25 Jahren hielt einer der brutalsten Diktatoren Osteuropas seine letzte öffentliche Rede in Bukarest. Erst der Auftakt der Ansprache, dann plötzlich wütende Proteste aus der Menge, schließlich das verzweifelte, fast hilflos wirkende „Aaloo!“ des damaligen rumänischen Staatschefs Nicolae Ceauşescu, der kurz darauf die Flucht ergriff, von den Revolutionären aber gefasst und zu Weihnachten 1989 hingerichtet wurde.
Allerdings: Die Revolution in Rumänien nahm nicht, wie anderswo in Osteuropa, in der Hauptstadt ihren Ausgang, sondern bereits eine Woche zuvor in Temeswar/Timişoara. 25 Jahre nach der Revolution erinnert Temeswar seine Bürger, aber auch Gäste aus aller Welt an die Geschehnisse von einst. Zum Auftakt der Veranstaltungen war auch der neugewählte Präsident Rumäniens, Klaus Werner Johannis, gemäß seinem Versprechen im Wahlkampf, in Temeswar anwesend. Die Stadt ist stolz auf die Anfänge des Umsturzes, auf ihre mutigen Bürgerinnen und Bürger – und zeigt das auch sehr deutlich. Überall in der Stadt finden sich heute noch Spuren der Geschehnisse von vor 25 Jahren, Zeichen für Besucher aus nah und fern, die mangels Wissen darüber meist daran achtlos vorbeigehen. Diese Spuren haben uns interessiert.

Lebendige Geschichte Revolution

Wer zum 25. Jahrestag des Beginns der Revolution nach Temeswar kommt, gelangt unweigerlich zuerst auf den Weihnachtsmarkt im Stadtzentrum, zwischen orthodoxer Kathedrale und Oper. „Bei uns gibt es alles, was schmeckt: Würste, auch die leckere Leberwurst, natürlich auch den traditionellen rumänischen Pflaumenschnaps, und selbstverständlich den „Vin fiert“, den Glühwein, ist zu hören. Weihnachtsmarkt in Temeswar also: Margareta, Mitte 20, bietet dort Leckereien vom Land an. Auf der einen Seite des Platzes die orthodoxe Kathedrale, auf der anderen Seite das Operngebäude. Margareta blickt Richtung Kathedrale, auf ein riesiges, über zwei Meter hohes Kreuz davor. Das erinnert an jene schicksalhaften Augenblicke vor genau 25 Jahren: „Meine Eltern haben mir erzählt, was passiert ist, damals vor 25 Jahren, vor allem hier, auf diesem Platz, vor der Kathedrale. Irgendjemand hat damals die Türen von Innen verschlossen. Davor Demonstranten, die gegen das Ceauşescu-Regime protestiert haben, etliche mit ihren Kindern. Aber, wie gesagt: Die Tür war von Innen verrammelt. Und dann kamen Sicherheitskräfte und haben etliche dieser Demonstranten erschossen, darunter leider auch Kinder und Jugendliche. Sie starben auf den Stufen der Kathedrale, wegen Obdach- und Schutzverweigerung.“

Daran erinnert das stählerne Monument vor der Kathedrale heute noch, ein Vierteljahrhundert später. Adi Ardelean wendet den Blick bei seinem Bummel über den Weihnachtsmarkt eher Richtung Operngebäude mit seinem mächtigen Balkon, wo die erste freie Stadt Rumäniens ausgerufen wurde, dann ein wenig nach rechts, zu einem über hundert Jahre alten Stadtpalast, dem nach seinem Architekten und Erbauer „Löffler`sches Palais“ bekannten Gebäude, in dem sich heute ein amerikanisches Schnellrestaurant eingemietet hat. Nicht nur, dass dort die Farbe der Fassade allmählich abblättert – aufmerksame Beobachter wie Adi Ardelean entdecken dort etwas ganz Besonderes: „Es sind die Löcher, die vor 25 Jahren entstanden sind. Es sind Einschusslöcher. Auf diesem Platz wurde vor 25 Jahren scharf geschossen. Und das, was man noch heute sieht, diese Löcher in den Wänden, die sind unter Denkmalschutz gestellt, als ewige Mahnung.“

Adi Ardelean hat damals die Revolution selbst erlebt, wurde Augenzeuge, als Sicherheitskräfte genau dort, auf dem Opernplatz, gezielt auf die große Schar von Demonstranten geschossen haben. Über 150.000 Menschen sollen sich damals dort aufgehalten haben, wo dieser Tage, auf dem Weihnachtsmarkt Würste, Glühwein, Handschuhe und selbstgemachte Strickmützen verkauft werden. Die Einschusslöcher sind denkmalgeschützt – ein in einer Fassade verewigtes Zeichen für den Mut der Temeswarer Bürger vor 25 Jahren, sich mit bloßen Händen, aber einem von Todesmut gezeichneten Willen, aufgelehnt zu haben gegen ein menschenverachtendes Regime, findet Adi Ardelean: „Wenn man diese Löcher heute anschaut, weiß man: Das war kein Traum, das war Wirklichkeit. Es ist wichtig, dass man sie sieht. Da sind Menschen gestorben, es wird immer wichtiger, dass auch die nächsten Generationen das sehen. An dem Tag hatten wir keine Angst. Es war etwas ganz anderes. Man wusste, dass man Geschichte schreibt. Es war auch Freude, dass endlich einmal was passiert.“

Mit Traian Orban zum Tökés-Haus

Auf der Suche nach den Spuren der Revolution in Temeswar: Aus dem Autoradio ertönt ein altes rumänisches Weihnachtslied. Am Steuer sitzt ein hagerer Mann mit dunklem Mantel und grüner Krawatte: Traian Orban, Leiter des Temeswarer Revolutionsmuseums. Doch die Fahrt führt weg vom Weihnachtsmarkt auf dem zentral gelegenen Opernplatz, über eine Brücke hinüber auf die andere Seite der Bega, jenem Fluss, der Temeswar halbkreisförmig durchtrennt, in die Josephstadt. Vor einem gelben Backsteinhaus hält Traian Orban an, steigt aus seinem Wagen, liest das vor, was auf einer großen, steinernen Gedenktafel steht – gleich in vier Sprachen, Rumänisch, Deutsch, Ungarisch und Serbisch, den Hauptsprachen in Temeswar:
„Hier begann die Revolution, die der Diktatur ein Ende setzte.“

Bei dem Gebäude handelt es sich um die reformierte Kirche, so Traian Orban, der, stark gehbehindert, am Stock um das Gebäude herumgeht, auf die Gedenktafeln in rumänischer, serbischer, ungarischer und deutscher Sprache zeigt. Und dann fällt ein Name, der untrennbar mit dem Ausbruch des zur Revolution angewachsenen Aufstandes in Temeswar verbunden ist:
Traian Orban erzählt die Geschichte des calvinistischen Pastors Laszló Tökés, der es seinerzeit gewagt hatte, gegen die Ceauşescu-Diktatur kritisch aufzutreten und zu protestieren. Er sollte daraufhin in eine kleine, unbedeutende Gemeinde in Nordwestrumänien zwangsversetzt werden. Das aber brachte das Fass zum Überlaufen: Erst waren es Hunderte, später dann Tausende Demonstranten, die eben vor diesem Haus Wache hielten, um zu verhindern, dass die berüchtigte Geheimpolizei Securitate Tökés abholen und aus seiner Dienstwohnung rausschmeißen konnte, wie von seiner kirchlichen Obrigkeit im Einvernehmen mit den rumänischen Sicherheitskräften abgemacht. Der Protest aller Religionen, aller Temeswarer Ethnien gegen die Diktatur habe hier, genau hier begonnen.

Wer hat auf die Bürger geschossen?

Die Autofahrt mit Traian Orban geht weiter, weg vom Zentrum der 400.000-Einwohner Stadt. Bloß vier Stunden lang habe er selbst während des Aufstandes vor 25 Jahren mitdemonstriert gegen die Ceauşescu-Diktatur. Dann passiert es: Auf der „Piaţa Libertăţii“, dem Temeswarer Freiheitsplatz, sei er angeschossen, sein Oberschenkel von zwei Kalaschnikow-Kugeln zertrümmert worden. Eine Amputation drohte. Sein Glück: Ein Wiener Arzt kommt mit einem Hilfskonvoi in die Stadt, behandelt Traian Orban erst im Temeswarer Orthopädiespital , nimmt ihn dann aber mit nach Wien in eine moderne Klinik. Dort entdeckte der Arzt dann, erinnert sich Traian Orban heute: „... die zweite Kugel. Die erste Operation war ja in Temeswar, im Krankenhaus. Und dann, in Wien, findet man in meinem Oberschenkel die zweite Kugel, ein 7,62mm-Geschoss aus einer  Kalaschnikow....“ Bis heute hat Traian Orban nicht herausgefunden, wer geschossen hat, „obwohl ich die Kugel, die sie mir in Wien herausoperiert haben, der hiesigen Militärstaatsanwaltschaft übergeben habe und es der leicht gefallen wäre, die Einheit zu identifizieren, die auf mich geschossen hat.

Solche Geschosse haben Registriernummern eingestanzt.“ Doch immerhin: Orban hat überlebt. Andere Revolutionsteilnehmer dagegen nicht. Traian Orban führt seine Gäste gerne an die Gedenkstätte des sogenannten „Heldenfriedhofes“: In einem steinernen Mahnmal flackert die Flamme des „ewigen Lichts“, das an die Revolutionsopfer erinnern soll und dessen Kosten die Stadt Temeswar „auf ewige Zeiten“ übernommen hat. Daneben ein Feld mit über 70 aus dunklem Stein gefertigten blankpolierten Dreiecken mit eingraviertem Kreuz. Namen sind dort eingraviert – die Namen der Menschen, die in Temeswar zu Tode kamen und in einem Bukarester Krematorium verbrannt wurden, mit Geburts- und Todesdatum:  „Radu Constantin: 17.12.1989“. Von 1956 bis 89, war 33. Oder „Djukic Milorad Slobodan, 1970 - 24.12.1989“, also 29 Jahre alt......oder Pinzhofer, 1956-1989. Die meisten der Opfer waren kaum 30, als sie beim Aufstand in Temeswar erschossen wurden: Der Gang über den Heldenfriedhof macht nachdenklich; die Atmosphäre ist bedrückend.

Mahnmal Revolutionsmuseum

Nachdenklich werden die Besucher auch an jenem riesigen Denkmal aus schwarz oxidiertem Schiffsstahl, etwas außerhalb des Stadtkerns, vor dem Kreiskrankenhaus: Zwei riesige Säulen des rumäniendeutschen Künstlers Ingo Glass, ein gebürtiger Temewarer, der heute in München und Budapest lebt. Die beiden Säulen mit dem riesigen Zwischenraum stehen, so Traian Orban, für „die Öffnung im Eisernen Vorhang...“.
12 künstlerische Monumente, die in unterschiedlichster Form in Zusammenhang mit der Revolution stehen, wurden quer über das Temeswarer Stadtgebiet aufgestellt, überall dort, wo Opfer zu beklagen waren, von der Freiheitsglocke aus Beton, ein Werk des Bukaresters Ştefan Călărăşanu auf dem historischen Traianplatz, bis hin zum sogenannten „Zielscheiben-Mann“ des Temeswarers Béla Szakács, eine überlebensgroße Stahlstatue eines geknechteten, gequälten und gerade getroffenen Revolutionsopfers. Doch am meisten über den Aufstand vor 25 Jahren erfahren Besucher im sogenannten „Revolutionsmuseum“ ganz in der Nähe der Bastion, des jahrhundetalten Temeswarer Befestigungsgürtels.

„Jos Ceauşescu! Nieder mit Ceauşescu!“ Ein Zusammenschnitt historischer Filmdokumente, ergänzt durch zahlreiche Dokumente und Zeitungsausschnitte aus jener Zeit: Das Revolutionsmuseum Temeswar zieht nicht nur immer wieder Gäste aus aller Welt, sondern auch Einheimische an. S.T. ist Rumäniendeutscher, lebt seit Jahrzehnten in Temewar. „Für mich ist es ein Ort des ‘Nicht-Vergessens’, was das Ceauşescu-Regime, was Kommunismus bedeutet hat. Es gibt heute noch Leute in Rumänien, die versuchen, das zu minimalisieren. Und gerade dagegen sollte man sich auflehnen.“
Temeswar, der Ort des ‘Nicht-Vergessens’ – das zeigt die Revolutionsstadt nicht nur durch ihre Monumente auf dem ganzen Stadtgebiet. Auch die poppig daher kommende Revolutionshymne des Temeswar er Komponisten Ilie Stepan auf Verse von Marian Odangiu ist ein Signal an Besucher aus aller Welt: Hier in Temeswar haben die Bürger der Diktatur getrotzt, manche haben ihr Leben dafür geopfert - für das, was vielen Temeswarern heute noch ein hohes Gut ist: für die Freiheit.

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