Stabilität, Variation und Kontinuität

Die deutsche Sprache in Rumänien aus variationslinguistischer Sicht

Freitag, 16. Dezember 2016

Was hat sich über die vielen Jahrhunderte hinweg fast unverändert erhalten?
Was ist im Laufe der Zeit anders im Vergleich zum binnendeutschen Sprachraum geworden?
Welches sind die inneren Kräfte des Fortbestandes der deutschen Sprache auf heutigem rumänischem Boden?

In der Form dieser und ähnlicher Fragen könnte man die drei großen Themenkreise umreißen, die rund zwei Dutzend rumänische und ausländische Sprachwissenschaftlerinnen und  -wissenschaftler in den Beiträgen eines jüngst erschienenen Bandes angeschnitten haben.
Anfang Oktober wurde nämlich anlässlich der 3. Jahrestagung des Forschungszentrums Deutsch in Mittel-,  Ost- und Südosteuropa (FZ DiMOS) an der Universität Regensburg ein Sammelband vorgestellt, welcher in der Publikationsreihe dieses etablierten und in seiner Tätigkeit einzigartigen Forschungszentrums veröffentlicht wurde. Diese wissenschaftliche Einrichtung wurde bereits 2006 als Forschungsgruppe gegründet und kurz nach seinem Wechsel von der Universität Wien an die Universität Regensburg im Jahre 2013 durch Prof. Dr. Hermann Scheuringer im wahrsten Sinne des Wortes wiederbelebt und in seinem räumlichen Interessen- und Zielgebiet deutlich ausgeweitet.
Als seine Hauptaufgabe betrachtet es nämlich das zu dieser Einrichtung gehörende internationale Forschungsteam, die deutsche Sprache im mittleren, östlichen und südöstlichen Europa – etwa „zwischen Böhmen, Banat und Bukowina“ – im Rahmen der historischen und gleichwohl der aktuellen Mehrsprachigkeitssituation dieses multiethnischen und multikulturellen Raumes zu erforschen und zu dokumentieren. Dies soll in enger Einbeziehung der dortigen Nachbarsprachen des Deutschen geschehen, vornehmlich vor dem Hintergrund der vielseitigen und mannigfachen Kontakterscheinungen. Ideelle Leitlinie ist es dabei, Deutsch nicht mehr als Herrschafts- oder als Nationalsprache zu verstehen und zu betrachten, sondern als Interregionalsprache und als Sprach- und Verständigungsbrücke in diesem geo-politischen Raum, der durch jahrhundertelange, aber auch aktuelle Migrationsbewegungen charakterisiert ist.
Der in einer gediegenen und zugleich qualitativ anspruchsvollen Aufmachung (Hardcover mit dunkelgelb mattem Schutzumschlag und zweifarbiger Aufschrift in Schwarz und Rot) herausgegebene Band versammelt insgesamt 22 Aufsätze mehrheitlich zur deutschen Sprache in Rumänien, zu Deutschem im Rumänischen und zu deutsch-rumänischem Sprach- und Kulturkontakt. Er enthält neben sprachgeschichtlichen Untersuchungen Beiträge zu aktuellen Fragen der Grammatik, Abhandlungen zu einzelnen deutschen Siedellandschaften im Gebiet des heutigen Rumänien, zu Presse- und Werbesprache, zu den Banater und siebenbürgischen Dialekten sowie zu standardsprachlichen Besonderheiten des Deutschen in Rumänien.

Mit Aspekten des Wortschatzes befassen sich zwei Wissenschaftlerinnen: Sigrid Haldenwang (Zweigstelle Hermannstadt der Rumänischen Akademie), die sogenannte siebenbürgisch-sächsische Lehnlexikate aus dem Themenbereich des Berufslebens untersucht, und Adina-Lucia Nistor („Al. I. Cuza“-Universität Iaşi), die eine ganze Reihe in Siebenbürgen gebräuchlicher österreichischer Schimpfwörter gefunden und analysiert hat.
Deutsche Regionalsprachen in Rumänien machen den Untersuchungsgegenstand mehrerer Beiträge aus. Alwine Ivănescu und Mihaela Şandor (beide von der West-Universität Temeswar) stellen Überlegungen zum Sprachatlas sämtlicher Banater deutscher Mundarten an, während Hermann Scheuringer (Universität Regensburg) sich in Sonderheit auf die Banater Berglanddeutschen konzentriert. Maria-Elena Muscan („Ovidius“-Universität Constanţa) geht auf den Spuren der Dobrudschadeutschen und Julianne Thois (Bukarest) nimmt die Anfänge der Beziehung Mundart - Hochsprache im Burzenland unter die Lupe. Um das Verhältnis zwischen Sprach- und Kulturkontakt geht es im Aufsatz von Rodica-Cristina Ţurcanu (Nord-Universität Baia Mare), der sich um Vor- und Nachnamen dreht, die bei Rumänen, Deutschen, Ungarn, Juden und bei anderen in der multiethnischen Region Maramuresch lebenden Völkerschaften in Gebrauch sind.
Johannes Sift (München) erklärt die Aussprachenormen des Standarddeutschen im Hermannstädter Sprachraum und Thilo Herberholz die deutschen Modalpartikeln, die für rumänische Muttersprachler richtige Stolpersteine im Lernprozess bedeuten.

Sprachwissenschaftliche Vergleiche besonderer Art findet man in mehreren Beiträgen von Dozentinnen von der Bukarester Universität: Beispielsweise untersucht Ioana Hermine Fierbin]eanu das ähnliche und doch so unterschiedliche Anredeverhalten in deutschen, rumänischen und rumäniendeutschen Familien, Asa Apelkvist stellt einen schwedisch-deutsch-rumänischen Vergleich von Idiomen aus dem semantischen Feld von Tod und Sterben an, Adriana Ionescu fokussiert auf das pragmalinguistisch heikle Phänomen der sogenannten lexikalischen falschen Freunde und Ana Iroaie stellt Typologisierungsmuster von deutschen Substantiven vor, welche im Satz in präpositionaler Begleitung stehen. In diesem Zusammenhang sind auch die fachsprachlichen Aspekte der deutschen und rumänischen Werbesprache zu erwähnen, auf die Cornelia P˛tru (Wirtschaftsuniversität Bukarest) die Leserschaft aufmerksam zu machen vermag.
Ganz unterschiedliche und bisher weniger behandelte sprachhistorische Aspekte behandeln vier Aufsätze: Mihai Crudu (Suceava) hat zahlreiche Archaismen im Wortschatz ausfindig gemacht, von denen die wenigsten rumänischen Muttersprachler wissen, dass sie aus deutschen Varietäten entlehnt wurden. Vlad Cucu-Oancea (Universität Bukarest) untersucht deutsche und rumänische Wörter, die mit identischen Nachsilben gebildet wurden. Ronny F. Schulz (Berlin) stellt das Bild der rumäniendeutschen Sprachvarietät in einem von einem renommierten Autorenteam geplanten sprachgeschichtlichen Lehrbuch vor. Textsortenspezifische Formulierungen in siebenbürgisch-sächsischen Briefen und Bittschriften des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit machen den Untersuchungsgegenstand von Ileana-Maria Ratcu und von Ioan Lăzărescu (beide von der Universität Bukarest) aus.

Mit der deutschsprachigen Presse aus Rumänien befassen sich Doris Sava („Lucian Blaga“-Universität Hermannstadt) und Clara Herdeanu (Heidelberg). Erstere untersucht Stellenangebote in der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“ und in der „Hermannstädter Zeitung“, Letztere nimmt eine linguistische Mediendiskursanalyse zum Revolutions-Diskurs in deutschsprachigen rumänischen Zeitschriften vor.
Zu erwähnen sind auch die Beiträge von Carmen-Cayetana Castro Moreno (Universität Sevilla), die deutsche morphologische Strukturen den spanischen gegenüberstellt, und von Georg Schuppener (Universitäten Leipzig und Tyrnau), der in Ortschaftsnamen vorkommende durchsichtige und versteckte Zahlenangaben auf naheliegende Weise erklärt.
Lesenswerte Aufsätze in einem Band, der mit Sicherheit nicht nur in Fachbibliotheken gehört, sondern auch private Bücherregale zieren könnte. Auch wenn die rumäniendeutsche Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten sehr stark zurückgegangen ist, heißt es noch lange nicht, dass diese Sprachvarietät es nicht wert ist, einlässlich erforscht zu werden.

„Stabilität, Variation und Kontinuität. Beiträge zur deutschen Sprache in Rumänien aus variationslinguistischer Sicht. Hrsg. von Ioan L˛z˛rescu, Hermann Scheuringer und Max Sprenzinger. Verlag Friedrich Pustet Regensburg 2016, 324 S. (= Forschungen zur deutschen Sprache in Mittel-, Ost- und Südosteuropa FZDiMOS, Bd. 2), ISBN 978-3-7917-2825-4 (geb. Ausgabe 39,95 Euro)




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