Stadtbild verändert: Temescher Kommunen akquirieren EU-Fonds

Temeswar und Großsanktnikolaus nutzen Gunst der Stunde

Mittwoch, 30. Juli 2014

Die Fußgängerzone von Großsanktnikolaus: Am Ende derselben (im Hintergrund zu sehen) steht die katholische Kirche und davor das vor zwei Jahren enthüllte Denkmal des Grafen Alexander Nako.

Drei Generationen der Nako-Familie haben die Stadt Großsanktnikolaus geprägt. Die Nakos ließen auch das Krankenhaus erbauen. Nun wurde es aus EU-Mitteln saniert. Im Bild (v.l.n.r.): Krankenhausleiterin Claudia Luca, Bürgermeister Danut Groza und die PR-Direktorin von ADR Vest, Miruna Vitcu.

Die Zahnarztpraxis mit Labor Degu Dentis und THB-Group wurden ebenfalls mit Geldern der EU über die Vermittlung von ADR Vest gefördert. Die Wartezeiten für die Laborarbeiten konnten so auf die Hälfte verringert und die Zahl der Kunden verdreifacht werden.

Verkehrsentlastung ist das Schlagwort, wenn bis Mitte kommenden Jahres der Bega-Kanal und sieben Vaporettos in den Nahverkehr aufgenommen werden. Die Fahrradwege haben derzeit nicht immer Kontinuität: Straßencafés am Bega-Ufer haben die Stadtverwaltung nachsichtig gestimmt. Im Bild: Sorin Maxim und Nicolae Robu. Der Bürgermeister gibt zu, dass das ausführende Unternehmen technisch zwar nicht immer die beste, doch die einfachste Lösung für die Neugestaltung der Bega-Ufer gefunden hat.
Fotos: Siegfried Thiel (3) und Zoltan Pázmány (1)

„Wir wollen Vertrauen in Krankenhäuser als Institution schlechthin schaffen“. Mit dieser Aussage beginnt Danut Groza, Bürgermeister im westrumänischen Großsanktnikolaus/ Sânnicolau Mare, sein Exposé bei der Vorstellung der Projekte, die zuletzt über die Entwicklungsagentur Vest gefördert wurden. Er bleibt jedoch nicht bei dem nach Politikerworten anmutenden Satz. Durch die Sanierung und Ausstattung des städtischen Krankenhauses verspricht er sich mehr als nur „zusätzlichen Komfort für die Bürger“, wie dies in der Projektbeschreibung zur Finanzierung über die ADR festgehalten ist.

 

Modernisierung lockt Mediziner

 

Durch die Sanierung und Neuausstattung ist nämlich das Krankenhaus allein schon als Standort attraktiver für das medizinische Personal, das sich eventuell in der Stadt niederlassen könnte. Gleichzeitig haben die Bürger konkret etwas davon: Statt nach Temeswar in die Großstadt reisen zu müssen, können in vielen Bereichen Untersuchungen im näheren Umfeld gesichert werden. „Und dabei geht es immerhin um zirka 60.000 Bürger in den Ortschaften aus dem Raum Großsanktnikolaus“, sagt Groza und der Ortsvorsteher setzt fort: „Die Dienstleistungen hier sparen Zeit und Geld der Bürger“. Zusätzliche etwa 3000 Patienten sollen in den neu gestalteten Abteilungen Pädiatrie, Gynäkologie, innere Medizin, Chirurgie und Augenklinik jährlich untersucht werden. Nicht nur grundsätzlich ist mehr Potenzial gegeben, sondern auch das Pensum pro Stunde und Sprechzimmer im Ambulatorium wird ansteigen: von bisherigen zwei Untersuchungen auf nunmehr vier.

Für die Krankenhausleiterin Dr. Claudia Luca wird es außerdem künftig leichter, Ärzte für das Krankenhaus in Großsanktnikolaus zu gewinnen. Die meisten davon pendeln heute vorwiegend nach Temeswar, Bürgermeister D²nu] Groza kann sich gar vorstellen, dass sich künftig medizinisches Personal eine Wohnung in der Stadt anschafft. Sein Argument ist die Lebensqualität, die er seinen Bürgern sichern will. Dazu hat die Stadtverwaltung ein Projekt zur Stadtverschönerung und zur sinnvollen Nutzung an Land gezogen.  Gehsteige und Straßen, sind frisch saniert, Parkplätze zwischen den Plattenbauten errichtet und Investitionen in die Abwasserentsorgung getätigt. „Unserer Vergleichsmaßstab sind Städte unserer Größe in Deutschland“, sagt der Bürgermeister.

 

Pflaster statt Pflaumen

 

„Darf ich da vorne sitzen?“. Bürgermeister Groza macht Stadtführung. Vorbei an EU-finanzierten Projekten, mit gepflasterten Gehsteigen neuen Straßen und viel Grün vor den Häusern. „Wir sind strengstens darauf bedacht, die Bäumchen vor den Häusern in einer Reihe zu haben“. Groza lässt am Stadtbild erkennen, was er ohnehin immer wieder sagt: Bei uns gibt es keine Wirtschaftskrise. Geld wie Heu bekäme die Ortschaft, sagten einst seine Mitbürger. Die Zugehörigkeit des Bürgermeisters zu der damals regierenden PDL und die Tatsache, dass Traian Basescu vor fünf Jahren seine Kandidatur für eine zweite Amtszeit gerade in Großsanktnikolaus angekündigt hatte, habe der Stadt viel Geld eingebracht. Der Banater Zeitung hatte er jedoch auch damals versichert, dass seine Projekte uneingeschränkt der jeweiligen Regierungskoalition weiter gehen werden. 32 Kilometer Gehstiege, fast elf Kilometer Straßen, 2000 Quadratmeter Parkalleen zeigt der Bürgermeister, von dessen Stadt immer wieder behauptet wird, es sei „Null Arbeitslosigkeit“ vorhanden. Trotz dieser Not an Arbeitspersonal will er neue Investoren heranziehen. Wenn Investoren da sind und wenig Personal zur Verfügung steht, steigen auch automatisch die Löhne, sagt Groza. Um große und auch kleine Investoren heranzuziehen, oder im Ort zu behalten, finanziert der Kommunalrat auch schon mal aus der Stadtkasse einen Parkplatz vor einem Unternehmen. „Auch solche Firmen, die nur 20 oder 30 Arbeitsplätze gründen, sind für uns wichtig“, gesteht Groza. Und dass sich auch die beiden großen Arbeitgeber in der Region wohl fühlen in der Stadt, trotz ständiger Suche nach Personal, zeigt allein schon die Tatsache, dass beide expandieren wollen. Zusammen wird dies etwa 500 neue Stellen ergeben, so die derzeitigen Prognosen.

Nicht jeder im Ort ist jedoch glücklich mit der Situation. Geflügel auf der Straße, wie man es eh und je auf dem Land oder einer Kleinstadt gewohnt war, gibt es nun nicht mehr. Und eine andere Sorge haben manche Bürger ebenfalls: Der Schnaps wird im Ort teurer, denn die Pflaumenbäumchen, zu Hunderten noch vor Kurzem auf den Straßen der Stadt an der Aranca, fehlen heute und Zierbäumchen bringen keine Ernte und gepflegt müssen diese auch noch werden.  

 

Marktfrauen – das war gestern

 

Knappe 60 Kilometer weiter, in der Großstadt und als Entwicklungspol geltendem Temeswar/ Timisoara setzt der Bürgermeister Nicoale Robu seine Bauinitiativen fort. Nach stockendem Verkehr durch viele Baustellen beginnt sich nun hier und da das Resultat der Bauprojekte abzuzeichnen. Neue Fahrbahnen, erneuerte Beleuchtung und Blumenbeete ersetzen das, was Jahre lang um den Josefstädter Marktplatz nicht möglich war. Der Abriss der alten Markthalle hat der Iancu Vacarescu-Straße neue Zweckmäßigkeit verliehen: Sie verbindet nun den Boulevard „Regele Carol“ und die Tudor Vladimirescu-Zeile.

Die Projekte an der Vacarescu-Straße in der Nähe des Josefstädter Marktplatzes seien „wahrhaftige Beispiele, den städtischen Verkehr neu zu gestalten“, sagt Sorin Maxim, Direktor der Entwicklungsagentur ADR Vest. Zusammen mit dem Temeswarer Bürgermeister Nicolae Robu besichtigte er die Straßenbauprojekte aus EU-Geldern. Sechs Millionen Lei wurden in das Unterfangen investiert, nahezu zwei Drittel (3,6 Millionen Lei) davon müssen nicht mehr rückbezahlt werden. Umgebaut wurden Verkehrsstraßen und Gehsteige, Fahrradwege kamen neu hinzu. Nicht jeder Anwohner ist frohlockt jedoch über die zusätzlichen Autos statt Fußgängerzone: „Wir können nicht den Wünschen aller Bewohner Rechnung tragen“, sagt Robu. Mann müsse bei solchen Projekten an den gesamten Verkehr in der Stadt denken. Und zumindest dieser Erwartungshaltung kommt die Stadt durch die breiten Fahrbahnen nach.

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