Stadtentwicklung und Sanierung historischer Stadtkerne – ein Widerspruch?

Eine Tagung auf Initiative des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt mit Unterstützung des Europäischen Institutes der Regionen

Donnerstag, 13. Juni 2013

Der überdachte Innenhof des sanierten Gebäudes in der Purzengasse/Str. Republicii 4 bietet hervorragende Bedingungen für Ausstellungen, so wie jene mit Aufnahmen und Bauplänen von historischen Gebäuden aus Kronstadt. Die Beleuchtung ist sanft, gleichmäßig, schattenfrei und natürlich. Seitlich sind gut erkennbar steinerne Fenstereinfassungen aus einer der Bauperioden des Gebäudesm, welche restauriert heute einen attraktiven Hintergrund bilden.
Foto: Hans Butmaloiu

Am Donnerstag, dem 6. Juni, fand im Redoute-Saal eine Tagung statt, an deren Vorbereitung Lokalrat Christian Macedonschi ein bedeutender Verdienst zukommt. Er schaffte es, Vertreter von Behörden und Fachleute für eine Debatte heranzuziehen an welcher – leider – die eigentlichen Nutznießer, d.h. die Bürger, insbesondere die Bewohner der Altstadt, in nur bescheidener Anzahl teilnahmen. Was genau bei dieser Debatte eingebracht wurde und welche Schlussfolgerungen gezogen wurden, sind Fragen, auf welche wir im Folgenden eine Antwort zu geben versuchen werden.

Die Reihe der Ansprachen wurde von zwei Vertretern der Lokalbehörden eröffnet, Bürgermeister George Scripcaru und Vizevorsitzender des Kreisrates Mihai Pascu, deren Ansichten zu dem Problem der Sanierung der Bausubstanz in der inneren Stadt sehr ähnlich sind. Beide unterstrichen die Bedeutung, welche dem Stadtviertel zukommt, in welchem sich die größte Dichte an Gebäuden mit historischem Wert befinden und welches das Hauptziel der Besucher und Reisegruppen ist, für welche das Tourismusangebot der Stadt gilt.

„Es ist ein Erbe an Kulturgut und Bauten, das nicht wir erschaffen haben, doch wir haben die Pflicht, dieses Erbe zu bewahren, weiter zu pflegen und es weiter an unsere Nachkommen zu geben“, lautete eine der Aussagen von Mihai Pascu. Dass Bewahrung und Pflege der Bausubstanz nicht einfach sind, ist, bei einem solchen Volumen an Gebäuden mit einem hohen Anteil an Privateigentum, aber mit bescheidenen Geldmitteln ausgestatteten Bewohnern, durchaus verständlich und wurde auch betont. Andererseits sind Großaktionen unmöglich durch welche eine umfassende Fassadenrenovierung in der Inneren Stadt durchgeführt werden könnten, wegen der nicht immer klaren Eigentumsverhältnisse aber auch wegen des gesetzlichen Rahmens.

Silvia Demeter Lowe, Architektin und Vertreterin des Architektenordens beim Verband der Europäischen Architekten, stellte in ihrer Präsentation mehrere der Fehler vor, welche häufig bei Renovierungen von Gebäuden – nicht Sanierungen –, vorwiegend Fassaden, gemacht werden. Unfachmäßige Lösungen, Anbringen von Baustoffen wie Styropor als Wärmedämmung oder undurchlässiger Mineralputz in feuchten Bereichen können irreparable Schäden verursachen, war die Feststellung anhand mehrerer Aufnahmen von „hergerichteten“ Gebäuden in der Inneren Stadt. Silvia Demeter wies in diesem Kontext auch auf eine der Ursachen für diese Fehler hin: Unkenntnis oder inkompetente Facharbeiter im Bauwesen, ein Bereich, in welchem akuter Mangel an ausgebildetem Personal herrscht.

Thomas Şindilariu, Vorsitzender des Ortsforums Kronstadt, stellte seinerseits ein Werk vor, welches mit Sicherheit für den Bereich Stadtsanierung eine große Bedeutung haben wird: Die Topografie der Baudenkmäler Kronstadts, welche die Innere Stadt und Teile der Vorstädte umfasst. „Nach Fertigstellung beabsichtigen wir eine elektronische Ausgabe dieses Bandes, auf CD, an die Eigentümer und Mieter von Gebäuden mit historischem Wert auszuhändigen, damit diese nicht mehr in Unwissenheit über ihren Wohnort sind“, erklärte Thomas [indilariu.

Erfahrungen auf dem Gebiet der Wiederbelebung von traditionellen Handwerken und Techniken stellte Caroline Fernolend, Leiterin der Mihai Eminescu Stiftung, vor. Der Bereich steht zwar nicht in direkter Verbindung mit dem Thema Sanierung von Stadtkernen, doch eine ganz besondere Erfahrung, jene mit der Ausbildung von Facharbeitern, könnte sich mittelfristig durchaus verwertbar zeigen.
Über die verfügbaren Wege um Sanierungsprojekte von Stadtkernen zu finanzieren sprach aus Eigenerfahrung Michael Engel von der Heritas-Stiftung, welche Arbeiten in den historischen Altstädten von Hermannstadt und Temeswar ausgeführt hat. Ein Beispiel für die vernünftige Lösung von Sanierungsproblemen war die Wiederbelebung des Bega-Ufers in Temeswar, ein Bereich welcher wie eine Wirbelsäule der Stadt ist.

Dragoş David, Direktor der Metropolitanagentur Kronstadt, stellte Projekte seiner Behörde vor, welche durch Partnerschaften mit JESSICA-Programmen abgewickelt wurden. Er widersprach der Behauptung, dass der gesetzliche Rahmen es unmöglich macht, Sanierungen an Privatbauten mit öffentlichen Mitteln durchzuführen mit der Argumentation, dass ja Wärmedämmungen an Plattenbauten von Wohnungseigentümern mit Staatszuschüssen ausgeführt werden. Allerdings handelt es sich in diesem besonderen Fall um die Umsetzung eines Regierungsbeschlusses dessen Ziel es ist, den Energieverbrauch landesweit zu senken, was nicht einer Sanierung gleichgestellt werden kann.
Dr. Götz von Thadden von der Europäischen Investment-Bank stellte seinerseits die Finanzierungsprogramme für Stadtentwicklung vor und definierte, welche Finanzinstrumente für welche Ausgabenbereiche in Frage kommen.

Angewandte und theoretische Lösungen der Frage der Sanierung kamen von den beiden letzten Rednerinnen, Dr. Birgit Schliewenz, von Mancom Centru SRL, welche über internationale Zusammenarbeit in EU-Projekten sprach und als Beispiel das Bundesland Brandenburg und Siebenbürgen gab. Jelena Velerski-Karamantijevic stellte die Tätigkeit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit für Nachhaltige Städteentwicklung und Stadtmanagement im Kontext neuer Fördermöglichkeiten vor.

Die nahtlose Verbindung zwischen den vorgestellten Themen sowie ergänzende Anmerkungen zu diesen machte Winfried Senker, langjähriger Leiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Bukarest, als Moderator der Debatte.

Ein Beispiel einer fachmännischen Sanierung wurde von Architekt Edmund Olsefszky vorgestellt. Das Gebäude in der Purzengasse Nr. 4, wurde von Grund auf saniert, allerdings mit Privatmitteln und nach geklärten Eigentumsverhältnissen. Im Inneren wurden die Räumlichkeiten wieder so gestaltet, dass eine der Etappen in der Existenz des Gebäudes wieder hergestellt werden konnte, eine extrem schwierige Aufgabe, wenn man den notwendigen Kompromiss in Betracht zieht: Ein stark in seiner Substanz beschädigter Bau, der zahlreiche Umbauten, Aufteilungen, Erweiterungen und Änderungen durchgemacht hat, in einen attraktiven und  entsprechenden Zustand zu bringen. Das Ergebnis ist erstaunlich und die Arbeiten, welche dafür notwendig waren, wurden perfekt in das Aussehen des Altbaus integriert. Ja, selbst steinerne Fenstereinfassungen konnten aus dem Bauschutt gerettet werden und blicken nun, restauriert, in den überdachten Innenhof.

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