Stadtidentität und -Geschichte quadratmeterweise verkauft

Das Mühle-Haus – die Immobilie, deren Schicksal weiterhin ungewiss ist

Mittwoch, 13. Juli 2016

Den Mühle-Gartenbauingenieuren, Wilhelm und Árpád, hat Temeswar den Namen „Stadt der Blumen“ zu verdanken. Die Familie hat mehrere Grundstücke der Stadt gespendet. Heute ist das Wohnhaus der Familie zur Ruine gemacht worden.

Zahlreiche Proteste der Öffentlichkeit stoppten den gezielten Zerstörungsprozess des Hauses. Nun wartet die Mühle-Villa auf ein Verdikt: wird sie gerettet oder vernichtet?
Fotos: Zoltán Pázmány

Wer sind wir? Was sind wir? Wie sind wir? – das sind wesentliche Fragen in der Festlegung der Identität einer Gemeinschaft. Die Antworten darauf kann man teilweise erfahren, wenn man sich die Symbolbauten einer Stadt ansieht – das heißt Gebäude, die eine besondere Bedeutung für die Geschichte und die Entwicklung einer Stadt aus architektureller, aber auch kultureller Sicht haben. Diese Bauten sind der Öffentlichkeit, aber auch den Fachleuten meistens bekannt. Aber es gibt auch eine andere Kategorie von Wahrzeichen in einer Stadt – Bauten, die ignoriert oder ganz einfach verlassen werden. Für diese Kategorie interessiert sich die Temescher Filiale des Architektenordens, die das Projekt „Temeswarer Kulturidentität“ ins Leben gerufen hat. Mehrere Dokumentarfilme sollen die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen und, mit etwas Glück, das Immobilienerbgut der Stadt retten – wünscht sich der Temeswarer Architekt Victor Popovici, der Initiator des Projekts.

 

„Sic transit gloria mundi“ – ausgehend von dieser lateinischen Redensart ist das sogenannte „Mühle-Haus“ Thema eines der Dokumentarfilme, die vom Temeswarer Architekten gedreht wurden. Dabei wird die Geschichte eines Hauses, das sich am Schnittpunkt von finanziellen, immobiliären und politischen Interessen befindet, rekonstruiert. Die filmisch erzählte Geschichte lässt jedoch mehr Platz für Fragen als für Antworten.

Keine einzige Rose ziert das Grundstück rund um das Haus, das heute an Wilhelm und Árpád Mühle erinnern soll - jene zwei Gartenbauer, denen die Stadt Temeswar den Namen „Stadt der Blumen“ zu verdanken hat. Statt dessen wurden auf dem Grundstück fast alle Bäume gefällt. Blumen werden hier seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt. Vollkommen verwuchert blieb der Hof des bis vor einigen Jahren noch gut erhaltenen Haus. Nun wartet die Villa – heute als das „Mühle-Haus“ bekannt - an der Straßenkreuzung des Mihai-Viteazu- mit dem Victor-Babeş-Boulevard, schwer beschädigt und sanierungsbedürftig auf sein Verdikt: Gerettet oder vernichtet werden.

 

Sie machten Temeswar zur „Stadt der Blumen“ 

Im Sommer 2013 wurden im Temeswarer Rosenpark die Büsten von Wilhelm Mühle und seines Sohnes Árpád enthüllt. Die Lokalbehörden wollten so ihre Anerkennung für beide Landschaftsarchitekten und Rosenzüchter betreffs der Entwicklung des Gartenbaus in Temeswar zeigen. Im Sommer des selben Jahres wurde Wilhelm Mühle sogar postmortem die Ehrenbürgerwürde der Stadt Temeswar verliehen. Für hunderte Temeswarer, die bereits mehrmals vor dem Zaun der geschichtsträchtigen Villa der Familie Mühle protestierten, kam diese Anerkennung etwas zu spät. Und sie empfanden sie für unzureichend.

Denn bereits Januar 2013 fanden die ersten Proteste für die Erhaltung des Mühle-Hauses statt. Dutzende Temeswarer protestierten damals gegen die absichtliche Beschädigung des Hauses, von dem aktuellen Eigentümer – ein einflussreicher Roma-Klan, der für zahlreiche kriminelle Machenschaften im Immobilienbereich von Temeswar bekannt ist. Sie haben zahlreiche alte Häuser aus dem Zentrum der Stadt auf dubiosen Wegen erworben und nach Vorbild der Roma-Paläste umgebaut. Protestiert wurde aber auch gegen die Behörden, die darauf nicht reagierten. Die Problematik des Mühle-Hauses beschäftigte zu jenem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren die Öffentlichkeit und einige Architekten. 

 

Ein Haus am Schnittpunkt immobiliärer Interessen

Wegen dem idealen Standort, dass das Haus auf dem Mihai-Viteazu-Boulevard Nr.3 in einer sich dynamisch entwickelnden Stadt belegte, hat das Mühle-Haus für Jahrzehnte Temeswarer begeistert. Wenn die Villa unbeschädigt den Zweiten Weltkrieg, auch den Kommunismus überlebte, änderte sich die Lange des Hauses nach der Wende, als das Gelände in den Besitz eines Immobilienklans der Temeswarer Roma geraten ist. Der Klan orientiert sich schon seit Jahren auf die Erwerbung von Prestigebauten in der Temeswarer Innenstadt. Nach mehreren Transaktionen unter den Mitgliedern des selben Klans und mehreren Versuchen, Baugenehmigungen zu bekommen, um das Haus komplett neu zu gestalten, schaffte der Immobilienklan es, eine Baugenehmigung zu erhalten. Die Genehmigung sah die Sanierung und Generalüberholung des Hauses sowie auch Änderungen der Innen- und Außeneinrichtungen vor. Obwohl das Bürgermeisteramt Erstkaufsrecht auf das Haus hatte, sowie ein weitgehendes Entscheidungsrecht über dessen Schicksal, nutzte die Institution dieses Recht nie richtig.

Im Sommer des selben Jahres begannen die Arbeiten – eigentlich brutale Eingriffe, die als einziges Ziel hatten, das Haus schwer zu beschädigten und den Verfall der Immobilie zu beschleunigen: Das Dach wurde komplett abgerissen, die Stürze entfernt, Fenster und Holzteile wurden sämtlich abmontiert. In bloß einigen Tagen wird das Haus von einer quasi-bewohnbaren Immobilie zu einer Ruine gemacht. „Wahrscheinlich hat man sich es gewünscht, das Haus für eine längere Zeit unverputzt stehen zu lassen, damit die Naturelemente das vervollkommnen können, was die Besitzer gesetzlich nicht durften“, sagt Architekt Popovici. Mit einem haben aber die Neubesitzer des Hauses nicht gerechnet – dass ihre Initiative eine Kette von Protesten öffentlichkeitsbewusster Temeswarer Bürger auslösen würde.

 

Proteste stoppten die Zerstörung des Hauses

Als eine absolute Premiere erwies sich der Bürgerprotest für das Erhalten der Mühle-Villa. Von dieser öffentlichen Reaktion waren auch die Behörden überwältigt und sahen sich gezwungen, selber zu reagieren. Die Baustelle wurde kurz darauf geschlossen, die Arbeiten gestoppt. Ein Strafverfahren wurde eröffnet – dieses ist heute noch in der Untersuchungsphase. Die Proteste hörten aber nicht auf. Eine Gerichtsverordnung wurde erzielt, wodurch der Besitzer verpflichtet wurde, das Gebäude gegen Verfall abzusichern. Eine provisorische Überdachung anstelle des entfernten Daches wurde kurz darauf errichtet und zeitweilige Stützwände montiert. Ab diesem Stadium wurde der Kampf um die Erhaltung des Gebäudes auf rechtliches und politisches Feld verlagert. Das Temeswarer Bürgermeisteramt klagte gegen Besitzer und versuchte damit, den Besitzer zu zwingen, das Gebäude in seinem früheren Zustand zu bringen. Auch dieser Prozess läuft immer noch.

Die Eigentümer versuchten in der Zwischenzeit sogar, das Haus dem Bürgermeisteramt zum Verkauf anzubieten. Für 2,5 Millionen Euro hätten die Roma das Haus ans Bürgermeisteramt Temeswar verkauft. Die Stadt weigerte sich jedoch, das Haus unter den gegebenen Umständen und in diesem Zustand für so viel Geld zu erwerben und führt den Rechtsstreit mit den Eigentümern weiter.

Auch das Projekt, dass die alte Villa zu einem Gedenkhaus für Wilhelm und Árpád Mühle und einem Rosenmuseum umgewandelt werden soll, stockt derzeit und wird wie ein Ball von einer Institution der anderen zugeworfen - vom Kommunal- zum Kreisrat und zum rumänischen Kulturministerium. Das Projekt wurde vorerst sowohl vom Kommunal- als auch vom Kreisrat abgelehnt.

Im Sommer 2016 steht das Haus immer noch verlassen und sanierungsbedürftig, vielleicht sogar schon fatal beschädigt da. Das Schicksal der Immobilie ist noch längst nicht entschieden. Für die Anerkennung der beiden Gartenbauingenieure stehen als Zeugen nur noch die Büsten im Rosenpark – wahrscheinlich ist diese Dankesgeste ausreichend, aus Sicht des Kommunalrats... und das Billigste.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 13.07 2016, 01:18
unbewohntes Haus mit Dach aus Kupferblech (siehe Bild oben). Da braucht man nicht lange warten, bis das Dach von Metalldieben abmontiert wird und wenn es einmal hereinregnet, ist jedes Haus innerhalb von zwei, drei Jahren eine Ruine. So ist das halt in unserem schönen Land. Wer sich darüber wundert, ist wohl kein Einheimischer. In Ungarn haben sie diese Art der Kriminalität ziemlich effektiv unterbunden, aber der Herr Orbán muss sich deshalb in der westlichen Presse als Rassist beschimpfen lassen. Jedem kann man es halt nie recht machen.

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