Stadtsanierung im Schneckentempo

Temeswarer Innenstadt: Wenig Hoffnung auf termingerechten Bauabschluss

Dienstag, 02. September 2014

Es kann doch nur besser werden: Das desolate Bild einer verlassenen Baustelle in der Temeswarer Savoyen-Straße
Foto: Zoltán Pázmány

Die anfängliche helle Begeisterung der Temeswarer ist längst verflogen: Das noch von der ehemaligen Ciuhandu-Stadtverwaltung erarbeitete Großprojekt zur Sanierung des historischen Stadtkerns der Begastadt erlebte seine feierliche Grundsteinlegung schon im Frühjahr 2012 und wurde im Oktober 2013 mit Elan und furiosen Anstrengungen auf allen Fronten gestartet. Das schöne Projekt im Gesamtwert von nahezu 15 Millionen Euro (80 Prozent der Finanzierung wird durch EU-Gelder gesichert), das vertragsmäßig von der hauptstädtischen Firma Romprest durchgeführt werden soll, verwandelte die ansonsten ruhige Innenstadt in eine einzige Baustelle.

In den alten k.u.k-Straßen sind heute meterbreite und mannshohe Gräben, die sich über Nacht als wahre archäologische Fundgruben aus der Türken- und Kaiserzeit entpuppten. Das zur Freude der lokalen Archäologen, die sich seitdem mit den Behörden darüber streiten, wie man diese wertvollen Funde auch bewahren und zur Geltung bringen könnte. Mit dem ruhigen Leben der Innenstädter, die sich seit Jahren sogar an das turbulente Nachtleben in den Klubs und Bars der Zone gewöhnt hatten, ist es jedoch seither passé. Dauerlärm, Staub und dauerhaftes Maschinengeknatter, Verkehrssperren und der tägliche Stress der zahlreichen Autofahrer, die die für sie vitalen Parkplätze für lange Zeit eingebüßt haben, gehören eben auch dazu. Anfänglich haben alle, auch die am schwersten betroffenen Anrainer, das alles gerne in Kauf genommen, da es sich ja um einen guten Zweck, die bisher von allen Stadtverwaltungen seit der Wende geplante aber nie verwirklichte Modernisierung des ältesten Stadtteils, handelt.

Laut Plan, dessen Hauptziel die Verwandlung der Innenstadt in eine moderne Fußgängerzone darstellt, soll die gesamte Infrastruktur von zehn Straßen in der Nachbarschaft des barocken Domplatzes vollständig erneuert werden. Es sind dies die Straßen Sergent Constantin Mu{at, Vasile Alecsandri, Lucian Blaga, Florimund Mercy, Eugen von Savoyen, Francesco Griselini, die Straße ohne Namen 2, Radu Negru, General Praporgescu und Enrico Caruso. Noch schwieriger erscheint dabei zudem die vorgesehene Neugestaltung des }arcului-, Sankt-Georgs-, Freiheits- und Domplatzes. Es handelt sich um komplexe Arbeiten an der Straßeninfrastruktur, Wasserleitung und Kanalisation, Stromleitungen, Straßenbeleuchtung und allen Installationen des Fernmeldewesens.

Geduld der Temeswarer stark strapaziert

Laut Projekt soll das alles in 21 Monaten geschafft werden. Leider liegen nun, ungefähr in der Hälfte, nach elf Monaten, fast alle Baustellen brach. Vor allem in den für Bauarbeiten günstigen Sommermonaten bot sich den Temeswarern stets das gleiche desolate Bild: Leere Baustellen, metertiefe Gräben, verlassene Maschinen und Werkzeuge, hie und da kleine Gruppen von Bauarbeitern (eigentlich Häftlinge aus der nahen Strafanstalt) ohne rechte Freude an der Sache. Es heißt, dass die von Romprest mit Teilarbeiten betrauten Baufirmen zum Großteil ruiniert sind und Insolvenz beantragt hätten. Fast alle Handelseinheiten, die vielen Klubs, Bars, Kaffeestuben mit ihren Sommerterrassen haben längst zugemacht, einige gar für immer.

Selbstverständlich steht die Stadtverwaltung unter hohem Druck, da man Anfang des Jahres etwas großspurig der Bevölkerung allerhand großartige Versprechungen bis Ende des Jahrzehnts gemacht hat. Zwischendurch, man sieht’s in Temeswar mit bloßen Augen, hat sich die Kommunalverwaltung, allen voran Bürgermeister Nicolae Robu, in ihrem Drang zur Erneuerung der Stadt offensichtlich übernommen. Überall wurden reihum weitere Baustellen, darunter auch schwierige Bauprojekte, wie die der Michelangelo-Unterführung, eröffnet. Das zehrt an den Stadtgeldern und vor allem an den Kräften.

Vor Kurzem zog man im Rathaus wenigstens eine ehrliche Bilanz der bisherigen Arbeiten im Rahmen der Sanierung der Innenstadt. Daraus ist ersichtlich, dass die Arbeiten auf keiner der Baustellen zu mehr als 55 Prozent ausgeführt sind. Dieses Stadium hat man nur in der Lucian-Blaga-Straße erreicht. Zu 47 Prozent wären die Arbeiten auf dem Freiheitsplatz vollendet. Stark zurückgeblieben erscheinen jedoch die Arbeiten auf dem Domplatz (13 Prozent), dem Sankt-Georgs-Platz (28), dem }arcului-Platz (26), der Vasile-Alecsandri-Straße (38). Mit 10 Prozent fertiggestellten Arbeiten hinkt die Baustelle in der Mu{at-Straße allen anderen nach. In der Mercy-Straße sind die Arbeiten derzeit zu 33 Prozent, in der Griselini-Straße zu 24 Prozent, in der Savoyen-Straße zu 35 Prozent abgeschlossen.

Die eingetretenen Verzögerungen durch die Auswertung der zahlreichen archäologischen Fundstellen (man hätte das eigentlich voraussehen  und einplanen können), so die türkischen Bäder am Freiheitsplatz, die türkischen Gräber und Moscheen am Sankt-Georgs-Platz und in der Griselini-Straße, können bestimmt nicht als alleiniger Grund für den allgemeinen laschen Baurhythmus angeführt werden.

Wie schon gesagt, liegt der Gesamtwert dieses Großprojekts – nach seinen Ausmaßen eine Stadtpremiere – bei nahezu 15 Millionen Euro bzw. mehr als 53 Millionen Lei. Über 42 Millionen Lei (80,35 Prozent) kommen dafür aus den EU-Geldtöpfen, 9,2 Millionen Lei (17,65 Prozent) aus dem Staatsbudget, der Beitrag der Stadt Temeswar zu diesem Projekt macht etwas mehr als 1,9 Millionen Lei aus. Angesichts dieser günstigen Finanzierung scheint es letztendlich angebracht, dass die Temeswarer Bevölkerung der überforderten Stadtverwaltung gegenüber etwas Nachsicht üben sollte, wegen den üblichen Aufschüben, Verzögerungen, dem von vielen anderen Bauarbeiten in der Stadt (man erinnert sich hier nur zu gut an die schier unendlich dauernde Modernisierung in der Josefstadt) allzu bekannten, einheimischen „Stil“ unserer Baufirmen.

Kommentare zu diesem Artikel

Alexander, 02.09 2014, 09:18
Eben das typische Hau-Ruck-Verfahren mit wilden Aktionismus. Üblicherweise plant man solche großen Bauvorhaben unter Einbeziehung der Ressourcen und der Sekundäreffekte. Und dann würde eben ein Eins-nach-dem-Anderen herauskommen. Die Parkpltz- und Belastungsproblematik würde sich entzerren und die einzelnen Bauabschnitte schneller voran gehen- es ist eben z.B. ein Unterschied, ob die Archäologen eine oder mehrere Fundstellen zu bearbeiten haben.
Aber die großen und wichtigen Entscheider befassen sich eben nur ungern mit solchen Nebensächlichkeiten und bevorzugen den großen Wurf - und damit das große Chaos.

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