Stallwärme über alles

Mittwoch, 21. November 2012

Bäume, Felsen, Zäune von Obstgärten und Heuwiesen, die Rückseite von Verkehrsschildern, alles wird mit den mehr oder weniger gescheit blickenden Konterfeis der Kandidaten der Parteien und Parteienbündnisse verklebt, die näher ran an die Goldene Kuh des Parlaments wollen. Vor dem Gesetz saubere Herren und Damen ebenso wie solche, gegen die es akute Verdachtsmomente wegen schweren und schwersten Gesetzesübertretungen gibt und die sich im letzten Augenblick den Zaubermantel der Immunität vor dem Gesetz überstreifen möchten, jenes Gesetz, das ja bekanntlich keinen Unterschied zwischen den Bürgern kennt, seit die arme Justizia mit verbundenen Augen die Waage der Gerechtigkeit hochhält.

Dazu einer der klügsten und unabhängigsten Denker Rumäniens, Andrei Pleşu: „Der Vorteil Nr.1, wenn jemand endgültig sich entschieden hat für das eine oder andere der Lager, liegt darin, dass man sich eine lange Denkpause gewähren kann. Du musst nicht mehr urteilen, keine Realität zur Kenntnis nehmen, keine ruhige Einschätzung der "Situation“ treffen. Du weißt von Beginn an, wer die Feinde sind, wer die Schuldigen, wer die bösen Jungs. Du weiß, wer wie welche Fehler begangen hat, du weißt, wer niemals einen Fehler macht, du weißt, wer gehasst werden muss (bedingungslos) und wer zu lieben ist (bedingungslos). Du weißt, was die Regierung tun müsste, was die Opposition, was die Wählerschaft zu tun hat. Du weißt auch, dass du weißt, dass die anderen, die dir widersprechen, nichts wissen. (...) Du wirst zum fast mechanisch Ausführenden eines prästabilierten Programms. Grundsätzlich wird von dir nichts anderes gefordert, als die Fähigkeit aufzubringen, dich nie zu langweilen, immer recht zu haben. Du musst selbstsicher sein, hartnäckig wie ein chinesischer Wassertropfen, der euphorische Champ aller Gewissheiten.“

Pleşus Charakterisierung trifft, fast ausnahmslos, auf alle augenblicklichen Kandidaten für Parlament und Senat zu, sicherlich auch auf diejenigen, die sich um schweres Geld ihre „wählbaren Listenplätze“ erkauft haben. Auch auf die notorischen Wendehälse – die nicht nur in der Wendehalspartei UNPR des Ex-Verteidigungsministers Gabriel Oprea eingestallt sind, denn mehr als ein Drittel der Mitglieder des rumänischen Parlaments haben mindestens einmal die Partei gewechselt.

In jeder Legislaturperiode beginnen die Wendehälse im dritten Jahr wie Ratten das Parteischiff zu verlassen, das sie auf den Wellenkamm gebracht hat und gehen auf die Suche nach „wählbaren „Listenplätzen“. Nach einer anderen Einstallung. Ideologie und Parteien-(also auch Prinzipien-)treue scheren sie genau den Dreck vom Stallboden, so lange ihnen die Chance einer Wiederwahl blüht. Stallwechsel als Zukunftschance. Die rumänischen Parlamentarier haben sich so unverschämt viele Privilegien und Sondervergünstigungen beiseitegescharrt, dass ihnen ihre warmen politischen Liegeplätze im „Haus des Volkes“ in Bukarest mehr wert sind als Ehre, Moral, Gewissen, Gesetz, Freundschaft, Ehrlichkeit, das Wohl der anderen.

Trotzdem: wir, das „tumbe“ Wählervolk, sollten am 9. Dezember zu den Urnen gehen und von unseren demokratischen Urrecht Gebrauch machen. Einmal muss der Augiasstall sauber gemacht werden.

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