Stigmatisiert und vergessen in der letzten Reihe

Die Doku „Unsere Schule“ behandelt das Thema Roma-Schulsegregation in Rumänien

Samstag, 31. März 2012

Solange man ihr die Möglichkeit dazu gab, war Dana eine sehr motivierte Schülerin und stellte sich gerne Herausforderungen.
Foto: Sat Mic Film, LLC

Fünf Tage spannender und mitreißender Filme sind in Bukarest zu Ende gegangen, aber die Botschaft des Dokufilmfestivals „One World Romania“, die Achtung der Menschenrechte, nehmen die Besucher mit und tragen sie auch weiter. Vor allem als Journalist ist man in der Vermittlerrolle mit der Aufgabe, Informationen weiterzugeben und zu verbreiten. So soll dieser Text nicht nur über ein durchaus gelungenes Festival und ein paar nette Stunden im abgedunkelten Kino (und den freiwilligen Verzicht auf strahlenden Sonnenschein) berichten, sondern auch eins der angesprochenen Themen aufgreifen.

Im Rahmen der Präsentation von rumänischen Regisseuren zeigte „One World“ im Kinosaal des Bauernmuseums (MTR) den Film „Unsere Schule“ (Şcoala noastră) der Regisseurin Mona Nicoară. Die Dokumentation beschäftigt sich mit dem Thema Schulsegregation von Roma-Kindern.
In Rumänien ist die Ablehnung gegenüber Roma sehr hoch. In einer Studie des europäischen Zentrums für Roma-Rechte (ERRC) aus dem Jahr 2001 sagen fast 40 Prozent der rumänischen Teilnehmer, wenn sie die Wahl hätten, würden sie Roma nicht erlauben, in Rumänien zu leben.
Aus dieser Haltung heraus ergeben sich Benachteiligungen für die Volksgruppe, wie mangelnde Rechtsgleichheit und Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit sowie Schulsegregation.

2005 haben die Regierungschefs von Bulgarien, Rumänien und weiteren Ländern Mittel- und Osteuropas die „Dekade der Roma-Eingliederung 2005-2015“ ausgerufen und sich mit ihrer Unterschrift dazu verpflichtet, einen Plan zur Inklusion der Minderheit auszuarbeiten. Allerdings fehlt es, wie so oft, an konkreten Ansätzen und Methoden, die Ideen auf dem Papier in die Tat umzusetzen. Trotzdem gab es 2006 EU-Gelder, die in Rumänien für Desegregation von Roma-Kindern eingesetzt wurden. Mit ihrem Film „Şcoala noastră“ wollte Mona Nicoară eigentlich ein positives Beispiel für den Einsatz dieser Förderung begleiten. Aus dem Projekt in der Kleinstadt Târgu Lăpuş entwickelte sich jedoch ein Paradebeispiel für unreflektierte Stereotypisierung und den gescheiterten Kampf gegen eingefahrene Vorgehensweisen. Die zur Verfügung gestellten EU-Mittel zur Integration der Roma-Kinder in seiner Stadt setzt der Bürgermeister in der Dokumentation für den Neubau der alten segregierten Schule ein. Nachdem dieser Bau 2007 durch ein Gerichtsurteil nicht zugelassen wird, kommt die Schule jedoch nie zum Einsatz.

Die drei Hauptprotagonisten des Filmes, Alin, Beni und Dana sind während der Bauarbeiten in der allgemeinen Schule der Stadt untergebracht, werden aber dort mit Diskriminierung konfrontiert. Sie werden in gesonderten Klassen unterrichtet, vom Lehrpersonal ignoriert oder nicht ernst genommen. Nur wenige sind bereit, auf die Roma-Schüler und ihre Bedürfnisse einzugehen und ihnen eine faire Chance zu geben. Am Ende des Filmes hat Dana die Schule abgebrochen, die anderen beiden sind auf eine Sonderschule abgeschoben worden, obwohl sie gerne auf der gemischten Schule geblieben wären, weil dort die Lernbedingungen besser waren und sie Freunde zum Fußballspielen gehabt haben.

Die Gründe für Schulsegregation sind vielfältig und komplex. Es fängt damit an, dass einem regelmäßigen Schulbesuch von Roma-Kindern oft schon ganz banale organisatorische Schwierigkeiten im Weg stehen. „Die Familien stehen vor Problemen wie: Wie kann ich gewaschen und mit sauberer Kleidung zur Schule kommen, wenn es kein fließend Wasser und nur ein T-Shirt gibt?“, erklärt Alin Boga von der Roma-NGO TRUST. Im Film von Mona Nicoară müssen die Kinder erst mehrere Kilometer jeden Morgen zu Fuß gehen, um von ihren Häusern am Stadtrand zur Schule zu kommen. Auch der Menschenrechtskommissar des Europarats, Thomas Hammarberg, nennt in seinem Bericht über die Situation der Roma in Europa von Februar 2012 als wesentliche Gründe, aus welchen Roma-Kinder nicht zur Schule gehen, fehlende öffentliche Verkehrsmittel und fehlendes Schulmaterial.

Diese Hürden werden oft als Unwille zur Schulausbildung interpretiert. Dieses Vorurteil wird dann wiederum als Grund zur Segregation verwendet.
Trotz der Schwierigkeiten besteht der Wille und das Recht der Kinder auf Schulbildung. Von Seiten der Behörden und der Lehrer gibt es aber Bestrebungen, Roma-Kinder separat von anderen Kindern zu unterrichten. Bei einer Diskussionsrunde von UNICEF mit Lehrern waren Argumente zu hören, dass Segregation keine Diskriminierung sei, sondern ein natürliches Phänomen, da Menschen, die sich unterscheiden, nun mal nicht miteinander auskommen und so lieber getrennt werden. Im Film „Şcoala noastră“ wird eine Lehrerin zitiert, die vom „aggressiven Blut der Roma-Kinder“ spricht, welche zu viel Unruhe in die Klasse bringen und eine gesonderte Behandlung benötigen. Solche Vorurteile werden dann als Gründe zur Segregation genutzt.

In einem Bericht aus dem Dezember 2011 hält UNICEF fest, dass 56,5 Prozent der Roma-Schüler in segregierten Klassen unterrichtet werden. Segregiert bedeutet in der Sicht der UNICEF, dass mehr als die Hälfte der Schüler in der Klasse Roma sind. Vor allem in Grundschulen und in Kindergärten ist der Prozentsatz jedoch höher.

Segregierte Schulen sind weniger gut ausgestattet. Schlechte Möbel, keine Laborräume, Büchereien oder Turnhallen, schlechtes oder fehlendes Lehrmaterial, dafür schlecht ausgebildete Lehrer und ein fliegender Wechsel des Lehrpersonals sind Alltag. Die UNICEF hat auch festgestellt, dass die Schulabbruchsrate in segregierten Schulen wesentlich höher ist als in gemischten Schulen.

Bei der Diskussionsrunde im Anschluss an das Screening des Filmes „Şcoala noastră“ bei „One World Romania“ erklärt Bildungsminister Cătălin Ovidiu Baba, dass sein Ministerium sich der Problematik bewusst ist und dagegen vorgeht. Ob man hoffen darf, dass es im Jahr 2012 nicht nur gute Ideen auf Papier sondern auch konkrete Handlungsansätze gibt, die dann, anders als im Fall Târgu Lăpuş auch funktionieren, ist offen.

Der Film „Şcoala noastră“ war dieses Jahr für den rumänischen Filmpreis „Gopo“ in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ nominiert, ging jedoch am Montag leer aus. Trotzdem hat die Nominierung die Problematik in die Öffentlichkeit gerückt und kann so vielleicht einige Dinge in Gang bringen. Vor allem Initiativen aus dem Land selbst wären dringend nötig, um nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, die EU schiebe Rumänien den schwarzen (politisch korrekt: dunkelhäutigen) Roma-Peter zu. Schulsegregation von Roma-Kindern ist nicht nur ein rumänisches Problem: Das Thema ist, wie viele andere Menschenrechtsverletzungen, mit denen Roma-Gemeinschaften kämpfen müssen, nicht nur ein rumänisches, sondern ein europäisches Problem. Das Land hat aber die Chance, mit positivem Beispiel voranzugehen. Dazu muss jedoch noch einiges geschehen.

Kommentare zu diesem Artikel

Benjamin, 03.04 2012, 13:31
Bevor uns Politiker und Medien wieder mit pauschalen Aussagen überziehen: Die Integration der Roma kann nur erfolgen, wenn die Betroffenen es selbst wollen. Die Antwort auf diese Frage sehe ich noch nirgends ergründet und steht meiner Meinung noch aus. Unter Integration verstehe ich nicht Beraubung ihrer Sprache usw. sondern Teilnahme und Zugang an den Institutionen und Dienste die der rumänische Staat bietet.

Zweitens: Das Land (Rumänien) kann NICHT mit positivem Beispiel vorangehen. Dafür müsste Rumänien ein gut funktionierender Staat sein. Ein Staat der es nicht erlaubt, dass ganze Gruppen (Volksgruppen eingeschlossen) in den Grauzonen der Gesellschaft leben. In gut funktionierenden Staaten ist die Ablehnung gegen andersnationale Bürger kleiner. Vergleichen Sie doch mal.

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