Stille Worte über das Unverlorene

Zu Dagmar Dusil “Hermannstädter Miniaturen”, Johannis Reeg Verlag Bamberg 2012, ISBN 978-3-937320-18-2

Freitag, 01. Juni 2012

Man kann nicht über seinen Schatten springen. Man sollte es auch gar nicht versuchen. „Wer bin ich, wo gehöre ich hin?“ – Manche schaffen es nie, das ewige Dilemma des rumäniendeutschen Schriftstellers, das ihm sozusagen schon zu Geburt in die Wiege gelegt wurde, das lebenslange Hin und Her zwischen Vaterland und Muttersprache, zu lösen. Andere kostet es ein Leben. Die deutsche Lyrikerin und Prosaautorin Dagmar Dusil, eine gebürtige Hermannstädterin, stellte vor Kurzem, im Rahmen der Deutschen Literaturtage in Reschitza ihren Band „Hermannstädter Miniaturen“ vor. 


Ein schmales Bändchen mit lyrischen Kurztexten. Es ist von Thema und Inhalt her nichts Neues, denn die Autorin lässt das Hermannstadt ihrer Kindheit und Jugend im Detail wieder aufleben: den Großen Ring, das Generalloch, die Lügenbrücke, Heltauer- und Fleischergasse, Erlenpark und Jungen Wald usw. Es ist trotzdem viel mehr als ein literarischer Reiseführer, denn die Ferne- Dagmar Dusil lebt seit 1985 in Deutschland- scheinen Blick und Sinne der Autorin geschärft und verfeinert zu haben. Häuser, Gassen, Orte, die Geschichten und die Patina der Geschichte tragen, werden nicht mit den Augen des Touristen sondern eher mit dem inneren Auge, der Seele , gesehen:

„Der Weg über den Großen Ring am Morgen getragene Schwerelosigkeit und Hoffen, schläfrige Mittagshitze, schleppender Gang älterer Leute am Nanchmittag. Pulsierendes Leben am Abend. Gedanken von Sternen getragen in der Nacht. Ein Blick in die Kindheit. Die Osterprozession aus der katholischen Kirche über den Großen Ring. Erinnerung oder nur Illusion?“

Nicht nur nostalgisch, sondern auch humorvoll versucht die Autorin sich dem alten und neuen Hermannstadt unserer Tage zu nähern: „Hermannstadt, eine junge verführerische Frau mit der Lebenserfahrung einer Alten.

“ Schöne Worte zu dieser Stimmungsprosa gibt es auch in dem Nachwort eines anderen Hermannstädters, von dem bekannten rumänischen, vom Exil geprüften, in der USA lebenden Autor Andrei Codrescu.  

Untermalt werden diese als Miniaturen gekennzeichneten Prosastücke mit Aquarellen der ebenfalls aus Hermannstadt gebürtigen Künstlerin Sigrid Weinrich.

 „Orte der Zuflucht. In Worten geortete Fluchtwege“- Diese Worte setzte die Autorin, irgendwie suchend und prüfend, als Motto ihrem Buch voraus.

Nach der Lektüre, kann man sagen, dass Dagmar Dusil mit diesen Miniaturen viel mehr gelungen ist. Es ist kein Buch über das verlorene, sondern über das unverlorene Hermannstadt.

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