Störer, Zappelphilipp, Taugenichts

Krankheitsbild ADHS: oft fälschlicherweise als Kinderfrechheit abgestempelt

Freitag, 30. August 2013

Die Diskussion um ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivitätsstörung) löst seit Jahren Streit zwischen Wissenschaftlern, Ärzten und Eltern weltweit aus. Immer mehr Kindern werden einfach Medikamente verschrieben, auch wenn noch nicht ganz klar ist, was man unter ADHS zu verstehen hat. Es gibt viele Erfahrungen und Meinungen - etwa dass ADHS eine fiktive Störung sei, dass Fälle falsch diagnostiziert werden können oder dass die Tabletten manchmal gar nicht wirken.

Spiele für ADHS-Kinder sollen einfache Regeln haben, kreative Lösungen erlauben und nicht nach dem Verliererprinzip ablaufen.

Wahrnehmungsspiele mit Kontakt zum eigenen und dem Körper anderer Kinder tragen zur sozialen und emotionalen Förderung bei. Fotos: Asociaţia română de terapii în autism şi ADHD

Matei sitzt an einem kleinen Tisch. Darauf liegt ein Kästchen aus Holz, dessen Deckel geschlossen ist. Vor ihm eine Frau. Sie fragt ihn eindringlich, wie der Kasten ist. Der sechsjährige Junge wirkt eher unruhig und scheint nicht aufzupassen.Die Frau versucht wieder und wieder, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Gegen seinen unkontrollierbaren Bewegungsdrang scheint sie aber machtlos. Sie wiederholt nachdrücklich: „Schau mich an!“ „Wie ist der Kasten?“ So oft, dass man das Gefühl hat, Zeuge einer stereotyp ablaufenden Situation zu sein. Ihre Aufforderung wirkt nicht länger als zwei Sekunden. Letztendlich sagt der Junge das Erwartete, aber es kommt ihm nur schwer über die Lippen. Der Kasten ist geschlossen. Das ist für die Psychologin Sanda Gligu vom Rumänischen Verein für ADHS- und Autismustherapie in Bukarest ein kleiner Erfolg, der bedeutet, dass sie weitermachen kann. Sie öffnet den Kasten und beginnt mit derselben Frage, die sie wieder mit Ausdauer wiederholt. Dem Kleinen fällt es schwer, an einem Ort zu sitzen, er macht allerlei Geräusche, ab und zu bewegt er aufgeregt seine Hände. Bei Matei ist ADHS und Autismus diagnostiziert worden.

Die Psychologin Sanda Gligu erklärt ADHS anhand von drei Hauptsymptomen: Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizit und Impulsivität. „Sehr lange Zeit wurde das einfach als Kinderfrechheit abgestempelt“, sagt sie. Die Kinder sind dauernd aufgeregt, sie respektieren keine Regeln, können nur ein paar Sekunden aufmerksam sein, können keine Aufgabe durchführen oder vergessen die scheinbar einfachsten Sachen. Wenn ein ADHS-betroffenes Kind vorwiegend impulsiv ist, dann hat es sich nicht voll im Griff, es sagt und macht, was es will, ohne die Gefühle der anderen zu berücksichtigen. Es kann auch aggressiv werden, andere Kinder oder sogar Erwachsene angreifen. Oft haben diese Kinder jedoch eine hohe Intelligenz. „Sehr lange Zeit wurde das Benehmen dieser Kinder missverstanden, sie wurden marginalisiert und als seltsam und unerzogen abgestempelt“, meint die Psychologin, die den Verein für ADHS- und Autismustherapie gegründet hat.

Wenn ADHS nicht behandelt wird

Um bei einem Kind eine endgültige Diagnose zu stellen, muss es einem Standardtest unterzogen werden. Dabei geht es um eine psychiatrische und eine psychologische Perspektive. Betrachtet wird ADHS als neurobiologische Störung. Frau Gligu erklärt, dass die Hirnströme bei ADHS-Betroffenen anders als normal verlaufen und die biochemischen Prozesse darunter leiden. Typisch für diese Störung ist auch der Mangel an Dopamin, von Nicht-Fachleuten auch als Glückshormon bezeichnet). „Medikamente können das Problem nur lindern, sie sind bloß die Voraussetzung, dass das Kind durch Therapie behandelt wird“, behauptet die Psychologin.

In Rumänien wurden keine landesweiten Studien durchgeführt, um zu erfahren, wie viele ADHS- Betroffene es gibt. „Nicht einmal für Autismus gibt es Statistiken, dabei ist diese Störung viel schlimmer“, fügt sie hinzu. Um die ungefähre Anzahl einzuschätzen, werden internationale Statistiken verwendet. Zwischen 5 und 6 Prozent aller Kinder im ländlichen Gebiet und über 15 Prozent der Kinder im Stadtgebiet sollen unter ADHS leiden. Ihre Anzahl werde zukünftig zunehmen, meint die Psychologin.

Entscheidend sind die genetische Prädisposition und die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern. Wenn ein Kind, das schon eine Prädisposition hat, in einer gestörten Familie lebt, dann äußert sich die Aggressivität schon von früh an. Die Kleinen wachsen auf und können als Jugendliche ihren Seelenzustand nicht mehr in den Griff bekommen. Mit der Zeit kommen die Eltern mit ihnen nicht mehr zurecht. Eine kleine Hoffnung gibt es aber: ADHS verschwindet in 30 Prozent aller Fälle im Jugendlichenalter von selbst. Was passiert aber mit den anderen 70 Prozent? „Viele beginnen, Alkohol zu trinken oder Drogen einzunehmen. Das gleicht den Mangel an Dopamin aus“, verdeutlicht Frau Gligu. 

In Westeuropa und den Vereinigten Staaten wurden viele Studien durchgeführt, deren Schlussfolgerungen nicht besonders optimistisch klingen. Eine Studie aus den USA, die sich auf junge Erwachsene konzentriert, zeigt, dass Menschen, die als Kinder mit ADHS diagnostiziert wurden, schlechtere Ergebnisse liefern im Vergleich zu Menschen ohne ADHS. Als Kriterien galten in der Studie Leistungen im Bereich Ausbildung, Beruf, finanzieller Status und soziales Benehmen.

Das Ganze ist ein Teufelskreis: ADHS-betroffene Eltern haben höchstwahrscheinlich Kinder, die mit derselben neurobiologischen Störung kämpfen werden. Die Eltern mit ADHS handeln meistens impulsiv und wenn sie keine günstige familiäre Atmosphäre schaffen, damit die Störung der Kinder behandelt werden kann, dann kommt es zu einem nicht zu durchbrechenden Kreislauf, der sich von einer Generation zu der anderen aufrechterhält. „So wird nicht nur die Gegenwart gefährdet, sondern auch die Zukunft“, erklärt Frau Gligu.

ADHS in der Schule

Matei war zweieinhalb Jahre alt, als bei ihm die Diagnose gestellt wurde. Seither, also seit drei Jahren, macht er regelmäßig Therapie. Die Psychologin ist der Meinung, Matei hätte größere Fortschritte machen können, wenn die Therapie intensiver gewesen wäre. Seine Eltern konnten sich das nicht leisten und vom Staat bekommen sie keine finanzielle Unterstützung für ADHS. Seine Mutter versucht, die nicht so intensive Therapie auszugleichen, indem sie mit dem Kind die Übungen macht, die von der Psychologin empfohlen werden.

Bald kommt Mateis Mutter, ihn von der Therapie abzuholen. Die Psychologin berichtet ihr die Veränderungen, die sie bei Matei bemerkt hat. Früher konnte er sich besser konzentrieren und Frau Gligu war zufrieden mit seiner Entwicklung. Die Therapeutin erfährt, dass Mateis Psychiater ihm neue Medikamente verschrieben hat, die u. a. verschiedene Nebenwirkungen haben: Matei hat seine sowieso eher geringe Konzentrationsfähigkeit verloren und außerdem hat er jetzt auch eine Tickstörung erworben.

Zwischen drei und sieben Jahren entwickeln sich das Gehirn und die psychologischen Prozesse. Das heißt, dass das Gehirn bereit ist, neue Verhaltensmuster anzunehmen. ADHS tritt meistens in der Kindheit auf und Studien zeigen, dass es genau in dieser Periode entscheidend ist, das Kind zu behandeln. Es geht um eine langfirstige, chronische Störung, für die Medikamente und Therapien wesentlich sind.

ADHS ist ein Problem, das nicht in der Kontrolle der Betroffenen liegt. Ein Kind mit ADHS wird in der Klasse sowohl von Lehrern auch von seinen Kollegen marginalisiert – es ist der perfekte Sündenbock. Lehrkräfte sind nicht ausgebildet, damit sie solche Probleme lösen können, deshalb haben ADHS-betroffene Kinder Integrationsschwierigkeiten im Massenunterricht.

Am Schuljahresbeginn werden die Kinder untersucht. Die Eltern, die erfahren, dass ihr Kind von ADHS betroffen ist, können das meistens nicht akzeptieren und nehmen die Diagnose nicht ernst. „Nach ein paar Jahren kommen sie verzweifelt zu uns, wenn das Benehmen des Kindes nicht mehr zu kontrollieren ist. Die Eltern sind überfordert, wenn sie dieses Problem nicht von früh auf behandeln lassen,“ erläutert die Psychologin.

Die Lehrer wissen auch nicht, wie sie ein Kind mit ADHS behandeln sollen. ADHS zeigt nur, dass die Kinder besondere Bedürfnisse haben, stattdessen müssen sich Kinder mit etlichen Hindernissen konfrontieren. Das konnte die rumänische Filiale der internationalen NGO Save the Children schon vor drei Jahren feststellen: Druck wird auf Eltern ausgeübt, damit sie ihre Kinder in eine andere Schule schicken. „Manche Kinder müssen die Schule drei-vier Mal wechseln, bis sie einen Abschluss machen können. Und die Eltern stehen an der Seite der Lehrer. Die Lehrkräfte drohen, dass das Kind das Jahr wiederholen muss, wenn es nicht in eine andere Schule geschickt wird“, veranschaulicht die Psychologin. Sie macht darauf aufmerksam, dass aus diesem Grund die Kinder ein niedriges Selbswertgefühl entwickeln.

Druck kommt auch seitens der Eltern der Klassenkamaraden, die gar nicht wissen, was ADHS bedeutet. Der Verein für Autismus- und ADHS-Therapie und andere Organisationen organisieren regelmäßig Informationskampagnen über ADHS. Der Verein hat schon Veranstaltungen organisiert, die Lehrer und Eltern auf die Behandlung von ADHS vorbereiten.

Den Lehrern wurden kostenlose Kurse angeboten. Dort wurden spezielle Techniken erklärt, die in ADHS-Fällen angewandt werden sollen. „Die Lehrer sind nicht besonders hilfsbereit“, erklärt Frau Gligu, die sich Mühe gab, möglichst viele Kursteilnehmer zu sammeln. Die meisten sind der Meinung, dass sie über genug Erfahrung im Lehrwesen verfügen und sich deshalb nicht weiterbilden müssen. Sie benutzen alte Methoden –Tadeln vor der ganzen Klasse –, die eine negative Wirkung auf die Entwicklung der Kinder haben. Die Erziehung der Eltern kostet Geld und die meisten leisten es sich nicht, sich am Kurs zu beteiligen. Die Eltern, deren Kinder durch Therapie behandelt werden, sollen dieselben Übungen mit den Kindern machen, die der Therapeut bei der Sitzung gezeigt hat.

Ein neues Zentrum in Bukarest

Zum Verein für Autismus- und ADHS-Therapie kommen Menschen aus Konstanza/Constanţa, Brăila oder Kronstadt/ Braşov, um ihre Kinder zu behandeln. Vor Kurzem wurde auch im Bukarester Viertel Drumul Taberei ein neues ADHS-Zentrum eröffnet. 
„In den westlichen Ländern gibt es spezielle Institutionen, die sich sogar mit der Forschung von ADHS beschäftigen“, sagt Frau Gligu. Ein landesweites Projekt gibt es hierzulande nicht, obwohl auch hier Lehrer aus jeder Schule vorbereitet sein sollten, mit ADHS-Kindern umzugehen.

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