Strategische Partnerschaften auf regionaler Ebene

Diskussionen zur Förderung bilateraler rumänisch-deutscher Beziehungen im Kultur- und Bildungsbereich

Mittwoch, 02. Mai 2018

Die Teilnehmer der ersten Gesprächsrunde: Die Wirtschaft verlangt sogar mehr Deutsch sprechende gut ausgebildete Absolventen, als die Bildungsinstitutionen zurzeit liefern. Foto: Zoltán Pázmány

„In meiner Jugend war ich ein Opfer, da ich kein Deutsch konnte, bis zu meinem 25. Lebensjahr. Mein damaliger Mentor, Constantin Noica, pflegte mir zu sagen: Wenn du Philosophie studieren willst, oder jedes andere Fach, das an die Kultur gebunden ist, dann musst du Deutsch lernen. Wenn du nicht Deutsch kannst, wirst du immer in der dritten Reihe sein. Mir ist das übertrieben vorgekommen, aber, nachdem ich Deutsch gelernt hatte, fragte ich mich, wie ich es geschafft hatte, bis dahin beruflich ohne Deutsch ausgekommen zu sein“. Anekdotisch, aus eigener Erfahrung sprechend setzte Andrei Pleşu seine Rede an, mit der er eine Podiumsdiskussion an der West-Universität Temeswar eröffnete.

Die Podiumsdiskussion wurde vom Rumänisch-Deutschen Forum für bilaterale Zusammenarbeit und der West-Universität organisiert, die davor ein Protokoll für Zusammenarbeit unterzeichnet hatten.

Die Gäste lieferten sich zwei Gesprächsrunden, davon die erste der Bildung, die zweite der Kultur gewidmet war. In der ersten Runde waren der ehemalige Kulturminister Andrei Pleşu, der ehemalige Vizepremier und Entwicklungsminister Vasile Dâncu, beide seitens des oben genannten Forums, der deutsche Konsul in Temeswar Ralf Krautkrämer zugegen. Die Bildungsinstitutionen waren durch Rektor Marilen Pirtea von der West-Universität Temeswar, der die Runde auch moderierte, und Prof. Helene Wolf, der Leiterin des Nikolaus-Lenau-Lyzeums, vertreten. Seitens der Wirtschaft waren Raluca Românu, Generaldirektorin von Bosch Service Solutions, und Christian von Albrichsfeld, der Generaldirektor von Continental Automotive, anwesend.

Mit seinem Ansatz hatte Andrei Pleşu eigentlich auch vorweggenommen, was von den Rednern im Folgenden in den beiden Gesprächsrunden auf den Punkt gebracht wurde: Der Bedarf an Sprechern der deutschen Sprache hier im Banat ist sehr groß, ob es nun um die Wirtschaft oder die Kultur geht.

Eine Auswahl der Stellungnahmen während der Diskussionsrunden:

Andrei Pleșu: „Humboldt hat in der deutschen Sprache die Unterschiede zwischen Bildung und Ausbildung festgesetzt, die zwei verschiedene Konzepte sind. Mir dünkt es, dass wir zurzeit in beiden Hinsichten etwas nachhinken, im Bereich Ausbildung haben wir das duale Ausbildungssystem noch nicht breit genug eingesetzt. Aber zugleich gewinnen wir auch nicht mehr im Bereich der Bildung. Die Schule riskiert, eine Infusion an Informationen zu sein“.

Universitätsrektor Marilen Pirtea: „1950 waren es 48.000 Studenten in Rumänien, 2008 eine Million, 2016 oder 2017 etwa 460.000. Welches aber sind die Erwartungen an die Universitäten, sollen diese eine Elite bilden oder die Gesellschaft als Ganzes darauf vorbereiten, diese Leader zu generieren?“. Und: „Die staatlichen Universitäten in Rumänien unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung nicht voneinander. Weltweit, auch in Deutschland, unterscheidet man jedoch unter humboldtschen Universitäten, den Grandes Ecoles, Universitäten, die für die Verwaltung ausbilden usw.“  

Vasile Dâncu: „Vor etwa zehn Jahren haben wir begonnen, uns für das duale System einzusetzen. Ich glaube, dass die Rumänen langsam das deutsche Bildungssystem entdecken und sich aneignen werden. Aber das Modell kann nicht so einfach übernommen werden, dahinter steckt auch ein Gesellschaftsprojekt: Die Deutschen haben schon vor längerer Zeit festgemacht, dass sie die besten Produzenten und Exporteure von industriellen Gütern sein wollen. Das hat dann auch das Bildungssystem beeinflusst.“.

Konsul Ralf Krautkrämer: „Die deutsche Wirtschaft ist hier anwesend, weil sie auf junge, gut ausgebildete Menschen zurückgreifen kann, die die deutsche Sprache beherrschen. Aber auch hier bestehen Sorgenfalten, bezüglich der guten Ausbildung in der deutschen Sprache. Wenn wir keine Deutschlehrer haben, den Beruf nicht durch Bezahlung und Stellung in der Gesellschaft attraktiv genug gestalten, dann wird irgendwann der Markt an gut ausgebildeten jungen Leuten wegbrechen. Mein Appell ist, sich Gedanken für die Nachwuchsgeneration zu machen“.

Helene Wolf, Leiterin des Nikolaus-Lenau-Lyzeums: „Es ist nicht nur das Problem der Lehrkräfte, die in deutscher Sprache unterrichten können, sondern auch das Problem der Lehrmittel. Vor zwanzig Jahren wurden die Lehrbücher in deutscher Sprache übersetzt und damit arbeitet man auch heute. Andererseits gibt es eine steigende Anzahl von Schülern in den ersten Klassen. Die Eltern wünschen sich nicht nur das Erlernen der deutschen Sprache, sondern auch einen engen Kontakt mit der deutschen Kultur und Zivilisation“.

Raluca Românu: „Für ein Unternehmen wie das unsere wären erst drei Lenau-Lyzeen auseichend. Unser Unternehmen hat etwa 1000 Angestellte in diesem Jahr, davon sind zirka 60 Prozent Deutschsprechende. Unser Bedürfnis ist noch viel größer. Wenn man es decken könnte, wäre auch das Investitionsvolumen in und um Temeswar größer“.

Christian von Albrichsfeld: „Wir machen auch viel in Richtung Forschung und Entwicklung. Wir beginnen zusammen mit Netex ein Big-Data-Master an der West-Uni, haben vorher an der Politehnica ein Master im Bereich Automotive angeregt und ein Master für Artificial Intelligence. Das sind so die Gebiete, in denen wir Angestellte ausbilden können und zugleich auch die Gesellschaft für ihre weitere Entwicklung vorbereiten. Das Beispiel das ich nenne ist Silicon Valley, das sich dank der Stanford-Universität entwickeln konnte“.

In der zweiten Diskussionsrunde kamen die Vertreter des Deutschen Forums, der deutschen Kulturinstitutionen, der Universität sowie der Lokalverwaltung.

Johann Fernbach, der Vorsitzende des DFDB ließ kurz die Geschichte der Deutschen im Banat Revue passieren, sprach von den Veranstaltungen, die organisiert werden und unterstrich, dass das AMG-Haus offen stehe: „Wir fließen ihnen Vertrauen ein“. Auch erinnerte er daran, dass wahrscheinlich nur wenige darüber wissen, „dass nach dem Ersten Weltkrieg eine fünfköpfige Delegation der Deutschen aus dem Banat nach Paris gegangen ist, um ihre Option zu zeigen, dass das Banat zu Rumänien komme“.

Vizebürgermeister Dan Diaconu sprach über die Premieren der Stadt und die enge Verbindung zur deutschen Kultur und musste sich zum Schluss auch einer Frage stellen, wie er die Sachlage mit dem Mandat von Lucian Vărșăndan am DSTT sieht, worauf er in seiner Antwort zwischen seiner öffentlichen Funktion und seiner menschlichen Position unterschied.

Anne Schröder, die den DAAD-Lehrstuhl an der West-Universität innehat, sprach über die Entwicklung dieses Programms in Rumänien, das schon vor der Wende begonnen hat. Die deutsche Schauspielklasse an der West-Universität wurde von Eleonora Ringler-Pascu vertreten, die über die Kooperationen, aber auch über Hürden sprach. Ana-Maria Dascălu-Romițan sprach über die Zielsetzung der Rumänisch-deutschen Kulturgesellschaft und Mona Petzek über die Veranstaltungen, welche das Deutsche Kulturzentrum vorschlägt.

Die Gespräche wurden anschließend in einem weniger formellen Rahmen fortgesetzt.

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