Streetart soll eine Message vermitteln

Gespräch mit Sergio Morariu aus dem Organisatorenteam des Streetart-Festivals in Temeswar

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Im Temeswarer Kinderpark können Passanten ein Mural zum rumänischen Märchen „Capra cu trei iezi“ bewundern. Dahinter steckt jedoch eine tiefere Moral: „Achte auf die rumänische Werte, lass dich nicht von Fremden bestehlen“. Foto: Sergio Morariu

Sergio Morariu traf sich mit den jungen Sprühern aus Temeswar.
Foto: Raluca Nelepcu

Graffiti oder das Besprühen von Wänden und Fassaden wird von vielen Menschen immer noch als Vandalismus-Akt betrachtet. Und das, obwohl es unter den Sprühern mittlerweile viele gibt, die ihre Zeichnungen nur da hinterlassen, wo es niemanden stört - auf verlassenen und verfallenen Gebäuden. Die Stadt Temeswar/Timişoara hat vor drei Jahren diese Form der Kunst aus der Illegalität geholt und den Künstlern eine Plattform zur Verfügung gestellt, um legal zu sprühen. Das Internationale Streetart-Festival brachte im Laufe der Jahre mehr als 70 Künstler aus allen Ecken der Welt nach Temeswar, die die Mauern der Stadt verschönerten. Raluca Nelepcu sprach mit dem Unternehmer Sergio Morariu, der das Streetart-Festival in Temeswar veranstaltet, über die Bedeutung dieses Events für die Stadt Temeswar, die den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2021“ anstrebt.

Seit 2011 organisieren Sie in Temeswar das Internationale Streetart-Festival. Warum war denn ein solches Ereignis in der Stadt an der Bega notwendig?

Die Notwendigkeit ist durch einen Zufall gekommen. Ich finde diese Art der Kunst, die ich vor vielen Jahren entdeckt habe, sehr interessant. In den Ländern, wo ich tätig war, habe ich immer wieder Graffitis fotografiert. Dadurch, dass ich in den letzten Jahren die meiste Zeit in Temeswar verbrachte, entdeckte ich die Streetart-Elemente und Graffitis hier und begann, diese intensiv zu fotografieren. Eines Tages war ich bei meinen Freunden auf der Kunstfakultät, mit denen ich seit einigen Jahren ein Foto-Event organisiere, und erzählte ihnen über meine Funde in Temeswar. So kam Corina Nani, eine junge Professorin für Design, auf die Idee, ein Streetart-Festival ins Leben zu rufen. So hat alles begonnen. Inzwischen haben die Teilnehmer an dem Internationalen Graffiti-Festival Hunderte von Arbeiten in Temeswar hinterlassen.

Welches Ziel haben Sie mit dem Graffiti-Festival verfolgt?

Unser Anliegen war, von den reinen Graffitis wegzukommen. Das Wort „Graffiti“ leitet sich von dem griechischen „Schreiben“ ab – und meist geht es dabei um das sogenannte Tagging. Tags sind die Künstlernamen, die überall gesprüht werden, doch es gibt keine Message, es wird nicht protestiert, sondern es wird nur gezeigt, dass der Sprüher dort war. Je auffälliger der Platz ist, umso wertvoller ist das sogenannte Tagging. Ich bin eigentlich kein Fan von Tagging, auch wenn das in der Graffiti-Szene sehr beliebt ist, aber mich interessiert vielmehr, wenn eine Message vermittelt oder wenn einfach Kunst gezeigt wird.

Sie haben auch ein Treffen zwischen den jungen Temeswarer Sprühern und zwei professionellen Graffiti-Machern vermittelt. Welchen Sinn hat denn ein solches Treffen?

Ich wollte den Versuch starten, irgendwie diesen Konflikt zwischen Taggern und Behörden zu entschärfen. Die Zivilgesellschaft leidet unter diesem Phänomen. Ich habe versucht, die jungen Sprüher, die eigentlich Tagging machen, die sich „Writers“, also „Schreiber“ nennen, mit zwei anderen jungen internationalen Künstlern - der eine aus San Francisco, Kalifornien, der andere aus Sao Paolo, Brasilien - zusammenzubringen. Diese Künstler verdienen ihren Lebensunterhalt damit und sind ein Beispiel dafür, dass man relativ gut leben kann und glücklich sein kann, auch wenn man kein Millionär ist. Sie sind eher arme Leute, aber sie sind absolut glücklich, indem sie fast nur das tun, was ihnen Spaß macht. Ich dachte, dass es ganz gut ist, wenn wir, die Organisatoren des Festivals, mit den jungen Sprayern aus Temeswar zusammenkommen und ihnen zeigen, dass das Sprühen auf Flächen, die frisch renoviert sind oder die sehr wertvoll und schwierig wieder instande zu bringen sind, nicht in Ordnung ist. Wir haben ihnen kostenlos Sprühdosen zur Verfügung gestellt, aber nur mit der Bedingung, kein Tagging zu machen, sondern echte Kunst. Die jungen Sprayer haben von den berühmten Künstlern etwas gelernt – sowohl, was Ethik angeht, als auch Techniken, um schnell interessante künstlerische Graffitis oder Streetart-Elemente zu produzieren.

Wie schwer war es für Sie, die Behörden zu überzeugen, dass Graffiti oder Streetart im Allgemeinen eine Form von Kunst ist und kein Vandalismus?

In Temeswar haben wir einen großen Vorteil, weil das Rathaus schon vor Jahren akzeptiert hat, dass bestimmte Flächen in der Stadt von Graffiti-Künstlern bemalt werden können. Wir haben seit 2011 jedes Jahr vom Bürgermeisteramt eine Finanzierung für das Internationale Streetart-Festival bekommen. Ich bin der Meinung, dass in Temeswar die richtige Haltung der Behörden dieser Kunstform gegenüber besteht. Die Erfahrung zeigt, dass in den Städten weltweit, wo ein Krieg zwischen den Verwaltungen und den Sprühern ausgebrochen ist, immer die Städte das Nachsehen gehabt haben. Wenn man etwas Gemeinsames tut, wenn man gemeinsam ein Ziel verfolgt, -  in unserem Fall, das Bild der Stadt zu verschönern - ist es viel besser. Ich sehe mit Freude, dass Temeswar Streetart als eine ihrer Stärken bei ihrer Kandidatur für den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ definiert hat.

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