Streicherklänge in d-Moll

Rundfunkkammerorchester eröffnet Spielzeit mit Liviu Prunaru als Dirigent und Solist

Freitag, 18. Oktober 2013

Am 9. Oktober wurde vom Kammerorchester des Rumänischen Rundfunks die Konzertsaison 2013/14 im Bukarester Mihail-Jora-Saal feierlich eröffnet. Dirigent und Solist war der aus Craiova gebürtige und in Bukarest ausgebildete Liviu Prunaru, der heute als Violinprofessor an der Internationalen Menuhin Musik-Akademie im schweizerischen Gstaad wirkt und zugleich die Stelle des Konzertmeisters im weltberühmten Amsterdamer Concertgebouw-Orchester innehat. In dieser Funktion war er auch am 21. und 22. September in Bukarest zu hören gewesen, als das niederländische Top-Orchester unter Mariss Jansons im Rahmen des Internationalen Musikfestivals „George Enescu“ im Großen Saal des Palais aufgetreten war. Vom 23. September bis zum 4. Oktober ‚duellierte’ sich dann der vielfach ausgezeichnete und international gefeierte Liviu Prunaru – im Rahmen der dritten Folge der Konzertreihe „Duelul viorilor“ (Das Duell der Violinen), dabei sekundiert von Horia Mihail am Klavier – in acht rumänischen Städten mit dem Violinvirtuosen Gabriel Croitoru, wobei dieser seine Guarneri und Prunaru seine Stradivari „Pachoud“ aus dem Jahre 1694 zum Klingen brachte.

Ohne das geringste Anzeichen von Erschöpfung nach diesem rumänischen Konzert-Marathon trat Liviu Prunaru dann in der vergangenen Woche zusammen mit sechzehn Mitgliedern des rumänischen Rundfunkkammerorchesters, das sein Konzertprogramm (mit Ausnahme der drei Celli und des Kontrabasses) stehend absolvierte, im Konzertsaal des Rumänischen Rundfunks auf, wobei die verschiedenfarbigen Abendroben der Violinistinnen, der Bratschistinnen sowie der Cellistin großen Eindruck machten und das Schwarz der Kleidung der männlichen Streicher zugleich koloristisch auflockerten.

Der Konzertabend stand ganz im Zeichen der Tonart d-Moll, die bereits im ersten Satz des ersten Stückes anklang. Der Basse-Danse in d-Moll eröffnete die „Capriol Suite“ des englischen Komponisten Peter Warlock (1894-1930), der seinen wirklichen Namen Philip Arnold Heseltine nur für die Publikation seiner musikkritischen Essays verwendete, seine musikalischen Kompositionen jedoch unter dem Namen Peter Warlock veröffentlichte. Peter Warlock wurde sogar zur literarischen Figur, etwa in „Women in Love“ von D.H. Lawrence oder in weiteren Romanen von Aldous Huxley und Anthony Powell.

Die „Capriol Suite“ zählt zu den bekanntesten Werken des englischen Komponisten, dessen weit gespanntes musikalisches Interesse vom Mittelalter bis zur Moderne reichte. So veröffentlichte Peter Warlock beispielsweise rund 300 Lauten-Lieder aus dem elisabethanischen Zeitalter. Auch die „Capriol Suite“ schöpft aus einem Renaissance-Werk, dem Tanzbuch des französischen Klerikers und Choreografen Thoinot Arbeau aus dem Jahre 1588. Peter Warlock entnahm daraus sechs charakteristische Tänze der Renaissance (neben dem bereits erwähnten Basse-Danse eine Pavane, einen Tourdion, einen Branle, und dann zum Abschluss die Tänze Pieds-en-l’air und Mattachins), wobei er diese Tänze weniger durch Neukomposition als durch Instrumentierung und Spielanweisungen verfremdete, etwa durch den vorgeschriebenen Gebrauch der hohen Lagen auf der G-Saite der Geigen im Eingangssatz. Erst im letzten Satz der „Capriol Suite“ verschaffen sich dann moderne Klänge par excellence Gehör, während sich der Komponist in den ersten fünf Sätzen weitgehend in den Dienst der musikalischen Tradition der Renaissance stellt.

Das zweite Stück des Abends war dann ein Solokonzert, bei dem Liviu Prunaru, der bisher das Rundfunkkammerorchester als Primgeiger vom ersten Pult aus geleitet hatte, nun als Soloviolinist in den vom Orchester gebildeten Halbkreis trat. Er interpretierte das Violinkonzert d-Moll aus dem Jahre 1822 von Felix Mendelssohn Bartholdy, das zu Unrecht im Schatten des ungleich berühmteren Violinkonzerts e-Moll des romantischen Komponisten aus dem Jahre 1844 steht. Der erst dreizehnjährige Mendelssohn hatte das Konzert d-Moll seinem Violinlehrer Eduard Rietz gewidmet. Wiederentdeckt wurde das hörenswerte Konzert erst im Jahre 1951 von Yehudi Menuhin, der es im Jahr darauf publizierte und in der New Yorker Carnegie Hall erneut der musikalischen Öffentlichkeit zugänglich machte, so wie Mendelssohn selbst einst Bachs Matthäus-Passion dem musikalischen Vergessen entrissen hatte.

Liviu Prunaru brachte das fulminante Violinkonzert d-Moll mit den rasanten Allegro-Ecksätzen im Mihail-Jora-Saal bravourös zu Gehör, wobei er vor allem in den (nicht von Mendelssohn auskomponierten) Kadenzen Kostproben seines überragendes Könnens gab, etwa in den im Pianissimo gehaltenen Arpeggio-Passagen oder in den dahinjagenden und sich gleichsam überstürzenden Sechzehntelläufen. Im schwelgerischen Andante ließ Prunaru dem weichen und schwebenden Klang seiner Stradivari freien Lauf und verzauberte das Publikum mit seinen wunderbaren hohen Flageoletttönen. Als Zugaben intonierte Liviu Prunaru gemeinsam mit dem Kammerorchester das berühmte Bachsche Arioso aus der Kirchenkantate BWV 156, das er fast nur auf der G-Saite spielte, sowie das Bravourstück „Hora staccato“ von Grigoraş Dinicu, in dem insbesondere Prunarus Auf- und Abwärtsstaccati sowie von ihm verwendete virtuose Elemente der rumänischen Volksmusik in seiner Spielweise bestachen.

Nach der Pause wurde dann Pjotr Iljitsch Tschaikowskis kammermusikalisches Werk „Souvenir de Florence“ in d-Moll (op. 70) aufgeführt, freilich nicht in der Originalversion als Streichsextett, sondern in einer Orchesterbearbeitung für siebzehn Instrumentalisten, wobei Liviu Prunaru sowie der Cellist am ersten Pult mehrfach solistisch hervortraten. Allerdings unterliefen dem Orchester dabei etliche akustische Ungenauigkeiten. Ebenso blieb manche mangelnde musikalische Synchronisation und insbesondere das ruppige Spiel der ersten Bratscherin bei ihren Solos unliebsam in Erinnerung. Insgeheim nahm man sich vor, bei nächster Gelegenheit die Aufnahme mit dem Borodin-Quartett und Mstislaw Rostropowitsch sowie Genrich Talaljan wieder zu hören. Der letzte Satz der eingangs gespielten „Capriol Suite“ sorgte jedoch als letzte Zugabe für den versöhnlichen Schluss eines besonders in seinem ersten Teil außergewöhnlichen Konzertes.

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