Synchronie von An- und Abwesenheit

Weimar und Kronstadt: Germanistische Forschung Rumäniens gleich bei zwei Tagungen würdig vertreten

Freitag, 10. Juli 2015

Prof. Dr. George Guţu

Zu einer Zeit der globalen Medienkultur und der fast grenzenlosen Kommunikationsnetzwerke ist es auch Geisteswissenschaftlern oft gegönnt, eine zeitgleiche Teilnahme an wichtigen wissenschaftlichen Ereignissen zu erleben. So geschah es etwa in diesem Frühsommer, als der Präsident der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens, Prof. Dr. George Guţu, sich zwischen zwei zu beinahe gleicher Zeit veranstalteten Tagungen entscheiden musste, die für die rumänische Germanistik von besonderer Bedeutung sind. Er entschied sich, auf der internationalen Fachkonferenz „Goethe und die europäische Romantik“ persönlich aufzutreten, um vor den etwa 300 Goethe-Fachleuten und -liebhabern aus 20 Ländern eine Arbeitsgruppe zu koordinieren und zu leiten sowie Gespräche über die von ihm betreute neue rumänische Goethe-Ausgabe zu führen.

Die Konferenz, die zwischen dem 27. und 31. Mai in Weimar stattfand, stand unter dem Motto: „Es ist Zeit, dass der leidenschaftliche Zwiespalt zwischen Classikern und Romantikern sich endlich versöhne. Dass wir uns bilden ist die Hauptforderung….“ (Goethe an Carl Jacob Ludwig Iken, 27.9.1827). Thematische Debatten wurden in gewinnbringender Auseinandersetzung über folgende Themen geführt: „‘… das Produktive mit dem Historischen zu verbinden’“. Wissenschaftsgeschichte bei Goethe um 1800"; „Goethe und die romantische Oper in Frankreich“; „Goethe und Meyer in der Sammlung Boisserée. Überlegungen zur antiromantischen Rezeption altniederländischer Malerei“; „Romantische Momente. Ungewöhnliche Perspektiven in Goethes ‘Wahlverwandtschaften’“; „‘Faust’ und die historischen Romane Walter Scotts“; „Eine ‘Form von oben’: Religion, Liebe und Kunst in Goethes Sonetten“.

Bedeutende Goethe-Forscher hielten Vorträge zum Hauptthema der Beziehungen Goethes zu den Romantikern, während gleich zu Beginn der Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft eine wissenschaftliche Tagung von Goethe-Nachwuchsforschern stattfand, an der sich auch die von Prof. Dr. George Guţu nach Weimar mitgenommenen rumänischen Germanistik-Studierenden Vlad Vieru und Alexandra Stan aktiv beteiligten.

Vom 31. Mai bis 4. Juni tagte der X. Internationale Kongress der Germanisten Rumäniens in Kronstadt/Braşov. In begrüßenswerten Beiträgen und Stellungnahmen zu diesem wissenschaftlichen Ereignis – unter anderem in der vor Kurzem von TVR 1 ausgestrahlten deutschsprachigen Sendung „Deutsch um 1“ – wurden bildungs- und forschungsmäßige Aspekte der sechs Konferenzsektionen und des Nachwuchsforums sowie das weitverzweigte nationale und internationale germanistische Netzwerk hervorgehoben. Mit dem ersten, nach einer historisch bedingten Unterbrechung von 62 Jahren aus Initiative und durch die konzeptionellen Bemühungen von Prof. Dr. George Guţu wieder eingerichteten III. Kongress dieser Art 1994 in Neptun wurde die Struktur der Germanistentagung zum – stets bereicherten und optimierten – Grundmuster aller nachher stattfindenden Kongresse der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (Sinaia 1997, Jassy/Iaşi 2000, Hermannstadt/Sibiu 2003, Temeswar/Timişoara 2006, Klausenburg/Cluj 2009 und Bukarest 2012).

Auch der X. Kongress in Kronstadt wurde vom fachlichen und organisatorischen Profil der vorangegangenen Kongresse mitgeprägt, nicht zuletzt durch die direkte Beteiligung von Prof. Guţu an allen grundlegenden organisatorischen, finanziellen und fachlichen Vorbereitungen. Er delegierte eine ganze Reihe von Aufgaben an seine jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die sich dabei voll und ganz bewährten und durch eigene Initiativen und selbstlosen Einsatz hervorgetan haben. Allen voran wirkte entscheidend die für das neu geschaffene Amt des geschäftsführenden Präsidenten von ihm vorgeschlagene Fachkollegin, seine ehemalige Doktorandin Doz. Dr. Carmen Puchianu. Wie immer hat sich Prof. Guţu auch als Leiter einer literaturwissenschaftlichen Sektion – dieses Jahr zum Hauptthema Interkulturalität zwischen Hybridität und Interreferenzialität – erfolgreich eingesetzt und trug wesentlich zur Lösung wichtiger organisatorischer Aufgaben (Programmerstellung und -herstellung, Plakatentwurf und -druck, Aktivierung der DAAD-Stellen im Hinblick auf die Kongressförderung etc.) bei.

Dadurch, dass er die rumänische Germanistik auf dem internationalen Forum der Goethe-Gesellschaft in Weimar 2015 zusammen mit eigenen Studierenden würdig vertrat, leistete Prof. Guţu einen doppelten Beitrag zur Zukunft der germanistischen Forschung in Rumänien. Zum einen bot er den jungen Studenten die Gelegenheit, einer angesehenen Veranstaltung beizuwohnen und sich im interkulturellen Umfeld mit anderen Teilnehmern über fachliche Fragen auszutauschen.

Zum anderen ermöglichte er seinen jüngeren rumänischen Fachkolleginnen, ihre organisatorische und fachliche Befähigung anlässlich des Kongresses in Kronstadt unter Beweis zu stellen und sich selbständig in dieser Feuerprobe zu bewähren. Dadurch widersprach er den Skeptikern, die sich einen Kongress ohne seine Präsenz nicht vorzustellen vermochten. Er hat am Ende Recht behalten, der Kongress verlief reibungslos, erfolgreich, zur allgemeinen Zufriedenheit und Anerkennung. Deshalb bezeichnete er diese Strategie als gleichzeitige, sich untrennbar durchdringende An- und Abwesenheit, die als konstruktive Ubiquität wirke. Er weilte nämlich in Weimar, war jedoch in jedem der Kongressmomente in Kronstadt geistig, konzeptionell und organisatorisch anwesend. Er sprach dies in seinem bei der Eröffnung des Kongresses von Doz. Dr. Carmen Puchianu vorgelesenen Begrüßungswort so aus: „Es hat mit einem gewissen Quantum an Ubiquität zu tun, wenn der stets reisende Goethe einmal schrieb, man glaubte, er sei in Weimar, währenddessen er längst in Jena oder sonstwo geschäftlich gewesen sei. So hat es auch mit einer gewissen virtuellen Ubiquität zu tun, wenn ich durch die organisatorische Arbeit und mit diesem Begrüßungswort den Anschein erweckte, ich sei hier in Kronstadt, währenddessen ich seit einigen Tagen schon in Weimar weile.“ Prof. Guţus germanistische, organisatorische und menschliche Aufbauleistung hat sich mit dem diesjährigen Kongress voll und ganz bewährt. Und mit den nächsten wird es gewiss auch nicht anders sein.

Kommentare zu diesem Artikel

Gretchen, 21.07 2015, 18:17
Panegyrika à la: NIHIL SINE GEORGE GUTU sind als Gattung längst überholt und einer seriösen Zeitung wie der ADZ auch nicht würdig!
Kermit, 21.07 2015, 15:37
Unter dem Vorwand der Würdigung germanistischer Forschung wird hier – unter einem linkisch formulierten Titel, dessen Sinnlosigkeit sich nach der Lektüre bestätigt – in nordkoreanisch anmutender Rhetorik, die befremdend wirkt und an den Personenkult erinnert, Prof. Gutu als „Übermensch” verewigt. Damit wird das hier Dargebrachte definitiv als Pflichtübung „in Auftrag” entlarvt... Die einzelnen Sektionen des X. GGR-Kongresses werden unter Vereinfachungen und vagen Andeutungen („bildungs- und forschungsmäßige Aspekte”) „verpackt”, anders als die informative Darstellung der Weimarer Tagung im ersten Artikelteil. Würde man(n) den Beweis „organisatorischer und fachlicher Befähigung” gewähren, wo doch der „reibungslose” und „erfolgreiche” Verlauf des X. Kongresses – auch andernorts – gerühmt worden ist, so müsste man auch besagtes und durch Initiative geprägtes „Voranwirken” bestärken oder etwa nicht?

Zwischenfrage: Wie lange gilt frau als Ex-Doktorandin?

Im Sinne einer „konstruktiven Ubiquität” wäre es sicherlich förderlich, von der „Allgegenwart” auf Teamarbeit in gemeinsamer Sache umzuschalten – was ganz im Sinne des Ausbaus des germanistischen Netzwerks ist.
Das ist des Pudels Kern.
Laura, 20.07 2015, 19:05
eine gegendarstellung wäre nett, vielleicht unter dem Titel Hampelmänner vom Dienst oder Synchronie von Würdigung und Demütigung.
Ansonsten ist es allzu menschlich, einen Teil des Lorbeerkranzes beanspruchen zu wollen.
Gigel, 11.07 2015, 15:16
Ich beglückwünsche Frau Maria Irod zu dieser Lobeshymne auf Prof. George Gutu: diese Huldigung ist so salbungsvoll geschrieben, dass sie vom Laureaten selbst stammen könnte, was vor der Veröffentlichung zu prüfen gewesen wäre!

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