Täglich einmal ins Palais du Louvre

Rumänische Künstler in Frankreich / Zu einem Buch von Gabriel Badea-Păun

Dienstag, 29. Dezember 2015

Theodor Pallady: „Landschaft in Frankreich – Der Berg Sainte Victoire“ (Öl, 1938)

Henri Nouveau (Heinrich Neugeboren): „Improvisation auf Rosa, 7-8-54“ (Öl, 1954)

Es ist ein Kunstbuch – doch so inhaltsreich und informativ wie ein kunstgeschichtliches Nachschlagewerk, ein Buch, in dem man immer wieder nachlesen kann. Unter dem Titel „Pictori români în Franţa (1834-1939)“ veröffentlichte der rumänisch-französische Kunsthistoriker Dr. Gabriel Badea-Păun im Verlag Noi Media Print, Bukarest, vor einiger Zeit eine bio-bibliografische Dokumentation, die zum ersten Mal Einsichten vermittelt in den Lebensweg und die Entwicklung jener zahlreichen Maler aus Rumänien, die zwischen 1834 und 1939 zu Studienzwecken und auf Studienreisen zeitweilig nach Frankreich kamen.

Viele von ihnen besuchten bei dieser Gelegenheit in Paris die École Impériale et Spéciale des Beaux-Arts, so z. B. ein junger Künstler aus Pitaru bei Bukarest, der 23-jährig 1861 dort unter dem Namen Nicolas Gregoresco inskribiert war. Die Académie Julian besuchten z. B. Ion Andreescu, Ştefan Luchian, Camil Ressu und 1931-1932 der Kronstädter Helfried Weiß, wo auch so bekannte Künstler wie Fernand Léger, Jean Arp, Käthe Kollwitz und Jacques Lipchitz zu den Studenten zählten. Dann gab es außerdem die Académie Ranson und die Académie de la Grande Chaumière, an der sich immer wieder Künstler aus Rumänien weitergebildet haben. Ergänzend wird in separaten Kapiteln auch die Vergabe von Stipendien und die Teilnahme rumänischer Künstler an verschiedenen französischen und internationalen Ausstellungen kommentiert.

Im umfangreichen Hauptkapitel (Seite 45-281) folgt dann ein ausführliches Verzeichnis rumänischer (oder aus Rumänien stammender) Maler und Grafiker, die in Paris studiert haben oder während ihres Aufenthalts in Frankreich zwischen 1834 und 1939 an Ausstellungen beteiligt waren. Diese alphabetisch angeordnete Übersicht umfasst 234 Namen mit teils sehr ausführlichen Angaben zum Leben und Schaffen der betreffenden Künstler, wobei auch die genaue Adresse während des Aufenthalts angegeben wird. Anschließend gibt es dann eine umfangreiche Auswahlbibliografie mit über 450 Titeln von Publikationen und Bildbeispielen.

Von den Künstlern der ethnischen Minderheiten, die in diesem thematischen Bereich einen herausragenden Beitrag zur rumänischen Kunst geleistet haben, stehen zahlenmäßig die rumänisch-jüdischen Künstler an erster Stelle. Darunter finden sich zahlreiche international bekannte Namen, deren Werke unter anderen heute auch im New Yorker MoMA zu sehen sind, wie z. B. Victor Brauner, Jacques Hérold (Herold Blumer), Marcel Iancu, Iosif Iser (Isidor Rubinsohn), Reuven Rubin (Zielicovici), Nicolae Vermont (Isidor Grünberg) und Arthur Segal (Aron Sigalu, übrigens Freund und Lehrer von Grete Csaki-Copony in Berlin), gefolgt von ungarischen und siebenbürgisch-deutschen Malern und Grafikern. Sie alle werden von Gabriel Badea-Păun, wie im Titel angekündigt, als „rumänische Künstler in Frankreich“ eingeordnet.

Unter den 234 erfassten Namen, von Paul Ackerman (1908 Jassy – 1981 Paris) bis Sándor Ziffer (1880 Eger – 1962 Baia Mare/Neustadt) – und das sollte man nicht übersehen – befinden sich 53 bekannte jüdische Künstler. Danach folgen in zahlenmäßig großem Abstand die Vertreter anderer Minderheiten, wie Ungarn (z. B. François Gall, Simon Hollosy, László Nagy, Augustin G. Pall, Stephan Szönyi, Carol Popp de Szathmári u. a.), Armenier (z. B. Antonous Şahighian, Hrandt Avakian, der in Aleppo, heute Syrien, geboren wurde), Ukrainer (wie Alexandru Ciucurencu aus Tulcea, Tatiana Moscu aus Odessa u. a.), Franzosen (Jean Neylies), Griechen (Menelas Simonidy), Mazedonier (Kimon Loghi aus Serres und Pricle Capidan aus Prilep), Albaner (Despina Ghinokastra-Istrati aus Tepelnie) u. a. Wie man sieht, ist die Vielfalt der ethnischen Herkunft rumänischer bildender Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts beeindruckend weit gestreut. Alle fuhren wenigstens einmal nach Paris, um dort „den Atem der Kunst“ (Marie Mattis-Teutsch) zu spüren. Und Theodor Pallady ging „täglich ins Palais du Louvre – nur um ‚La Gioconda‘ zu sehen …“, wie er dem Kunsthistoriker Ionel Jianu erzählte (S. 15).

In diesem Kunstbuch finden sich auch etwa zehn bekannte deutsche oder rumäniendeutsche Namen – Hans Eder, Josef Koeber, Hermann Konnerth, Hans Mattis-Teutsch, Harald Meschendörfer, Eduard Morres, Henri Nouveau (Heinrich Neugeboren), Rudolf Schweitzer-Cumpăna, Henri (Heinrich) Trenk und Helfried Weiß. Von diesen zehn Malern und Grafikern kamen sechs aus Kronstadt. Nur Hermann Konnerth stammte aus Hermannstadt, wohin auch Henri Trenk 1846 aus Zug (Schweiz) zugewandert war, während Schweitzer-Cumpăna in Piteşti und Josef Koeber in Târgu Jiu (Schilmarkt) geboren wurden.

Hans Eder (1983-1955) kam erst nach einem längeren Studienaufenthalt, 1903-1908, von München nach Paris, wo er die Atelier-Schule „La Palette“ besuchte und Lehrstunden bei Lucien Simon (1861-1945) nahm. Angeregt durch die Teilnahme an der Neuen Münchener Sezession, die von dem aus Kronstadt stammenden Maler Walther Teutsch (1881-1964) initiiert wurde, machte Eder, beeinflusst vom Postimpressionismus und der Kunst Vincent van Goghs, zwischen 1932-1935 mehrere Reisen nach Südfrankreich. Die Bilder aus jener Zeit waren später in einigen großen Ausstellungen zu sehen, so z. B. 1938 im elitären Salonul Oficial in Bukarest.

Ähnlich wie Eder stand auch Hermann Konnerth (1881-1966), als er – nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Bonn, Marburg und Berlin – 1914 nach Paris kam, unter dem Einfluss der Malweise von Van Gogh und dann aber auch jener von Paul Gauguin. In Paris nahm Konnerth Lehrstunden in den Ateliers von Félix Vallotton und Maurice Denis. Danach wurde er während des Ersten Weltkriegs in Südfrankreich interniert und kam in ein Lager, wo er sich jedoch ganz der Malerei widmen konnte. Zusammen mit seiner zwölf Jahre jüngeren Frau, der Malerin Ernestine Konnerth-Kroner (1893-1973), kehrte er in den 1930er Jahren nach Hermannstadt zurück, um dann später das Land wieder und nun endgültig zu verlassen.

Hans Mattis-Teutsch (1884-1960) kam 1906 – nach dem Studium in Budapest (1901-1902) und in München (1902-1905) – nach Paris, wo er sich bis 1908 aufhielt. Zehn Jahre später stellte er zum ersten Mal in der von Herwarth Walden (Berlin) geleiteten Galerie der Künstlergruppe „Der Sturm“ zusammen mit Paul Klee aus. Danach nahm er auch an großen Gemeinschaftsausstellungen teil, so mit Archipenko, Chagall und Marcoussis. 1925 zeigte Mattis-Teutsch eine Eigenausstellung in der Pariser Galérie Visconti.
Damals redigierte er auch zusammen mit Benjamin Fundoianu/Fondane (Benjamin Wechsler) die internationale Avantgarde-Zeitschrift „Integral“. Diese bedeutende, richtungweisende Publikation hatte eine Redaktion in Bukarest – mit Brunea Fox (Filip Brauner), Ion Călugăru (Ştrul Leiba Croitoru), Ilarie Voronca (Eduard Marcus), Max Herman Maxy – und eine als „Tor zur Welt“ in Paris.

Von den übrigen rumäniendeutschen Künstlern besuchte nur Helfried Weiß (1911-2007) die Kurse der Pariser Académie Julian, 1931-1932, während Harald Meschendörfer (1909-1984) etwa zur gleichen Zeit, 1930-1932 an der Académie Colarossi Aktzeichnen studierte. Eduard Morres (1884-1980) kam noch vor dem Ersten Weltkrieg, 1911, nach Paris und zur Schule von Barbizon, wodurch sein späteres Schaffen von der Pleinairmalerei angeregt wurde. Schweitzer-Cumpăna war – nach seinem Studium an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin – etwa zur gleichen Zeit wie Weiß und Meschendörfer in Paris tätig, ohne dass sie sich begegnet sind, obwohl Schweitzer-Cumpăna (1886-1975) damals mehrere große Eigenausstellungen zeigen konnte – so in der Galérie Jeanne Castel und im Salon de la Société Nationale des Beaux-Arts, die in Künstlerkreisen viel Beachtung fanden. Henri Trenk (1818-1892) hingegen nahm an einigen Ausstellungen in Frankreich teil, ohne das Land besucht zu haben. Als einziger rumäniendeutscher Künstler ließ sich schließlich 1927 Henri Nouveau (1901-1959), der auch als Bildhauer, Komponist, Pianist, Schriftsteller und Kunsttheoretiker bekannt wurde, in Frankreich nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte. Erst nach 1948 stellte er seine Gemälde und Zeichnungen in größeren Retrospektiven aus – in Paris, Straßburg, Brüssel und Pontoise.

Gabriel Badea-Păun hat nach beispielhaften bio-bibliografischen Recherchen ein wichtiges Nachschlagewerk erstellt, in dem ein weitgespanntes Kapitel der rumänisch-französischen Kunstgeschichte dokumentiert wird – ein Kapitel aus einer Zeitspanne, die für die rumänischen Kunstbestrebungen des 19. und 20. Jahrhunderts prägend wurde.

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