Tagesthemen

Mittwoch, 10. Juli 2013

Unser Präsident entdeckte, dass im Land, dessen Staatschef er ist, etwa die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land lebt. Für diese Hälfte muss etwas getan werden. Als vielmaliger Minister, als Oberbürgermeister der Hauptstadt Bukarest hat er das nicht gewusst, auch als Chefunterhändler Rumäniens mit internationalen Kreditgebern nicht. Oder als (zeitweiliger) Vertrauter von Präsident Iliescu, als die postwendezeitliche Endlösung des ländlichen Raums durch politische Maßnahmen unter Ignorierung wirtschaftlicher Fördermaßnahmen begann.

Die sukzessiven Rückerstattungsgesetze des Bodens, die sich teilweise bis heute widersprechen, die Reihenordnung der Rückerstattungen, die den Abbau sozialer Spannungen verfolgten (aus der Industrieblase des Kommunismus wurden zuerst diejenigen Pendler entlassen, denen Landbesitz rückerstattet werden konnte) sind Aspekte davon.

Als die Subventionierungsregeln der EU kamen, stellte sich heraus, dass 1,5 Prozent der Farmen 56 Prozent der EU-Direktsubventionen auf sich zogen. Die Förderung der ländlichen Entwicklung kam zu kurz. Der politisch-soziologische Begriff der „zwei Rumänien“ kam auf. Es festigte sich die Meinung, dass der ländliche Raum der Grund für Disparitäten dieses Landes und zur EU ist.

Die meisten Probleme Rumäniens mit seinem ländlichen Raum und der Landbevölkerung sind seit langem bekannt. Kein Politiker und keine Partei hat bisher ernsthaft versucht, Lösungen zu finden. Denn: rund 2,5 Millionen Bauernwirtschaften haben weniger als ein Hektar Land,  aber 9600 Farmen bewirtschaften 1000 bis 80.000 Hektar Ackerland; vier Prozent der aktiven Landbevölkerung hat ein Hochschulstudien (in der Stadt sind es 25,4 Prozent); 99,2 Prozent der ländlichen Wirtschaften sind Subsistenzbetriebe, 0,8 Prozent (mit 44 Prozent der Ackerfläche Rumäniens) sind als Landwirtschaftsunternehmen Rechtpersonen; ein Viertel der ländlichen Ortschaften Rumäniens sind nur über Feldwege zu erreichen – im Fall längerer Regenfälle überhaupt nicht, aber erst 3,41 Prozent der Feldwege wurden als Kreis- und Gemeindestraßen modernisiert (die rumänische Soziologie verwendet für nach Regenfällen unerreichbare Ortschaften den Begriff der „Armutsbeutel“ oder „-blasen“=„pungi de s²r²cie“); ein ländlicher Haushalt muss in Rumänien mit 50 Prozent der Einnahmen eines städtischen Haushalts auskommen; usw.

Alldas unter Umständen, wo Rumänien über die größte Masse an Landbewohnern verfügt (fünfmal mehr als der EU-Durchschnitt), aber auch über die kleinsten durchschnittlichen Ackerflächen.

Symptomatisch: wie ernst es unserem Präsidenten mit seiner Sorge um den ländlichen Raum war, zeigte sich einen Tag später, als die Ergebnisse der Bevölkerungszählung von 2011 veröffentlicht wurden. Im selben Brustton der Überzeugung dekretierte er, dass die Zigeuner gezwungen werden müssen, ihre Kinder einzuschulen, weil sonst später niemand arbeiten wird, um Renten zu finanzieren. Er ist halt ein Spieler mit Tagesthemen.

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