Tanz der Fotografien

Ausstellung Ars Poetica im Ungarischen Kulturinstitut „Balassi“ in Bukarest

Dienstag, 19. Januar 2016

János Eifert (Mitte) bei der Vernissage im Ungarischen Kulturinstitut „Balassi“

„Als ehemaliger Tänzer weiß ich, wann ich abdrücken muss“, erklärt der Fotograf die Szene mit Frau und Kind

Bewegungen einfangen - wie hier die wuselnden Schafe, über denen der Hirte thront - ist Eiferts Lieblingsmotto.
Fotos: George Dumitriu

17 Jahre lang bestimmte der Tanz sein Leben – dann verschrieb er sich der unbewegten Welt. Der Beobachtete wurde zum Beobachter, der Bewegte zum stillen Zentrum. Um ihn herum wirbeln Tänzer: ein roter Nebelkreis, aus dem nackte Füße ragen. Flüsse ziehen glucksend und blubbernd vorüber. Schafe drängen sich aus allen Richtungen wuselnd um den Hirten. Langes Hundefell umspielt fliegende Läufe, die sich im Schleier der Unschärfe verlieren – nur die dem Betrachter zugewandte Nase ist gestochen scharf. Behände friert er Bewegungen ein, taut Erstarrtes wieder auf: scharf – unscharf, statisch – belebt. In János Eiferts Fotografien behält jedes Element seine eigene Zeit.

„Fotografie ist ein Spiel – doch ein ernstes“, versichert der Künstler auf der Vernissage der im Ungarischen Kulturinstitut „Balassi“ eröffneten Fotoausstellung Ars Poetica, die dort noch bis zum 5. Februar besichtigt werden kann. Anlass für die jährlich am 11. Januar stattfindende Veranstaltung ist das Gedenken an den Geburtstag des Fotografen Carol Popp de Szathmary (11.1.1812), auch Maler und Lithograf. An Vielseitigkeit steht ihm der 1943 in Hódmezövásárhely in Ungarn geborene Eifert nicht viel nach: Neben seinem Beruf als Fotograf – 169-mal prämiert, mit Ausstellungen von Ungarn über Litauen bis nach Kanada, 150 individuelle und 650-mal als Teil einer Gruppe – ist er auch Kursleiter in Seminaren, Universitätsprofessor, Journalist und Buchautor. Und gesteht doch: „Bis heute bin ich Amateur geblieben!“ Denn sehen muss man mit dem Herzen – immer wieder neu.

Im Saal wimmelt es von Fotografen, die das längst auf Polaroid Gebannte mit ihrem Bändiger zusammen einzufangen suchen. Bäume strecken ihre knorrigen Arme gen Himmel, Feuer prasselt in den Sonnenuntergang hinein, eine Tänzerin streckt sich mit erhobenem Bein, ihren jauchzenden Säugling hoch über den Kopf hinaus haltend. „Meine Frau, mein Sohn“, verrät der fünfmal verheiratete, fünffache Vater, Resultat eines intensiven Lebens. In 33 Ländern hat er bisher fotografiert. Lieblingsthema gibt es keines. Doch spiegelt sich in der Fotografie ein Teil seiner Biografie: Geboren in der endlosen Leere der Puszta, in der kargen Zeit des Zweiten Weltkrieges, entdeckte er zuerst die Freuden des Tanzes und der Musik, dann die des Experimentierens. „Eine Zeit lang habe ich sogar Radios gebaut, mit einer Kartoffel statt Batterien“, lacht er.

Aktfotografie, Naturszenen, Menschen oder Tiere, sogar Schimmel darf in seiner Fotografie eine Rolle spielen. Der jedoch nicht vor der Linse, sondern als ungenannter Mitautor, scherzt der Künstler und verweist auf eine Landschaftsszene mit apartem Farbenspiel: Das ursprüngliche Foto war im Keller überschwemmt worden, ist dort vergammelt – und wurde später neu in Szene gesetzt. Das immer wieder Neue reizt den Fotografen: Es wird zum einzigen beständigen Element, neben dem Tanz. Übermütig steppt der 73-Jährige ein paar Schritte und wirbelt eine kunterbunt gekleidete Dame herum, die überrascht aufjauchzt.

Auf einmal erobern Klänge die Aufmerksamkeit: Zu Vangelis‘ „Conquest of Paradise“ flackern Bilder und Collagen über den Schirm. Mit der Diaporama-Technik hat sich Eifert bereits seit 1985 einen Namen gemacht. Den Szenen aus der Natur folgt eine lustige Sequenz: Gesichter mit eigenen, dann fremden, mal umgekehrten, mal vertauschten Augen, und zwischen all den Gesichtern – Scherzkeks! Wer hat’s gemerkt? – blitzt auf einmal ein blankes Hinterteil auf.

Was Fotografie für den Fotografen bedeutet? „Sie erzählt wie eine Sprache“, begeistert sich Eifert. „Und hält Bewegungen fest, bevor sie wie ein weiterflatternder Schmetterling für immer verloren gehen.“

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