Telekommunikationsfachmann mit echter Tenorstimme

Cristian Grecu ist Küster der evangelischen Kirchengemeinde Hermannstadt und Chormitglied mit Leib und Seele

Freitag, 01. Februar 2019

Küster Cristian Grecu blickt auf seine vielfältigen Aufgaben unter dem Dach der evangelischen Stadtpfarrkirche am Hermannstädter Huetplatz. Foto: der Verfasser

In der jährlich wechselnden Besetzung des Hermannstädter Bachchores ist stets Verlass auf Tenor Cristian Grecu (mittlere Reihe, 1. von links). Foto: Rareș Helici

Cristian Grecu, derzeitiger Küster der evangelischen Kirchengemeinde A.B. in Hermannstadt/Sibiu, lebte zur Zeit des Sturzes der Ceaușescu-Diktatur im Dezember 1989 und zweieinhalb Jahre danach nirgendwo sonst als in Bukarest. Als in der Hitze des Gefechts nicht nur die Fetzen, sondern tatsächlich Gewehrkugeln flogen, ereiferte sich in der Hauptstadt einer von vielen Militärkommandanten, den Studierenden der Technischen Militärakademie den Befehl zu erteilen, sofort mit Schusswaffen auf die Demonstranten in Richtung Piața Unirii loszugehen. Wie etliche seiner Altersgenossen verweigerte auch Cristian Grecu, damals in Ingenieursausbildung an der Fakultät für Elektronik und Informatik im Spezialbereich Telekommunikation, den Aufruf: Nein, das tue ich nicht! Schließlich ist mein Bruder unter den Demonstranten!

„Der Kommandant stand auf einmal ganz alleine da, als ihm klar wurde, dass wir uns nicht für dumm verkaufen lassen wollen“, erinnert sich Cristian Grecu. Das Aufnahmeverfahren an der Technischen Militärakademie Bukarest sei um die damalige Zeit ein schulischer Härtetest der astreinen Sorte gewesen. Genau deswegen hat die Ausbildung zwangsläufig hochintelligente Bürger hervorgebracht, deren Zivilhaltung mit kommunistischer Ideologie zunehmend seltener zusammenlief. Ehrfürchtig erzählt er davon, dass in der Zugangsprüfung selbst komplizierte Themen der Quantenphysik abgefragt werden konnten, man sich also akribisch vorzubereiten hatte, um sich ja keine Blöße zu geben. Cristian Grecu nahm die schwierige Hürde und arbeitete sich erfolgreich durch den fünfjährigen Studiengang für angehende Ingenieure im öffentlich-militärisch betonten Telekommunikationswesen. Vorher jedoch galt es, die damalige Pflichtration Wehrdienst zu leisten, die er nach neun Monaten geschafft hatte. Nach dem 1986 am Lyzeum mit industriellem Profil Nr.12 in seiner Geburtsstadt Galatz/Galați bestandenen Abitur wurde 1987 Bukarest zu seiner Ausbildungsheimat.

Nur weit weg von Galatz

Cristian Grecus Vater war ein ranghoher Armeeoffizier, der den Diktatoren-Kult Nicolae Ceaușescus und alle Propaganda durchschaute, es aber dennoch nicht wagte, Karriere und persönliche Freiheit aufs Spiel zu setzen. Ohne Aufbegehren machte er mit und wurde, nachdem er sich über Jahre von hier nach dort hatte versetzen lassen, mitsamt Familie schlussendlich in Galatz sesshaft. „Schlagt mir in Sachen Karriere bitte allesamt einen großen Bogen um Armee, Militär und Verteidigung“, legte er seinen drei Kindern nahe. Sohn Cristian, jüngstes Geschwister seiner beiden um sieben und zehn Jahre älteren Brüder, wollte Ingenieur werden, aber so früh wie möglich ein eigenständiges Leben anfangen können - und das unbedingt weit weg von Galatz. „Die Variante einer Arbeitsstelle bei den Eisen- und Stahlwerken Galatz war das letzte, was ich mir gewünscht hätte!“, resümiert der studierte Telekommunikationsfachmann und aktuelle Küster der evangelischen Kirchengemeinde A.B. Hermannstadt.

Trotz väterlicher Vorbehalte gelang es ihm, die Idee eines Ausbildungswegs unter militärischer Schirmherrschaft durchzusetzen. Er versprach sich davon die Chance, gleich nach Abschluss des Studiums von der zuständigen Berufsbehörde an einen großen Ort irgendwo im Landesinneren vermittelt zu werden, der hoffentlich ein gutes Stück weitab von der grauen Donau- und Industriestadt liegen sollte. Bald brachte der Wunschplan den erhofften Standortwechsel. Cristian hatte Glück und wurde im Sommer 1992 an das Kommunikations- und Informatikzentrum „Decebal“ auf dem Hermannstädter General-Vasile-Milea-Boulevard zugeteilt, wo er bis 2005 arbeitete. Danach folgte ein Arbeitsvertrag an der Kreisbehörde für Sondertelekommunikation in der Revoluției-Straße, wo er seinen Job gute zwölf Jahre lang treu ausführte.

Im Dienst der Gesellschaft

Stolz erzählt Cristian Grecu, unter anderem dafür zuständig gewesen zu sein, dass die Funksprechanlagen der Rettungswagen von Krankenhaus, Bergrettungsdienst (Salvamont) und Mobilem Notfall- und Bergungsdienst (Serviciul Mobil de Urgență și Descarcerare, SMURD) im Einsatzfall verlässlich funktionieren statt zu streiken. „Das ist wahrhaft eine riesige Genugtuung, so eine Arbeit zu tun, die der Gesellschaft das Überleben in kritischen Lebenslagen sichert!“. Zu Beginn seiner Laufbahn hielt er engen Kontakt zu einem Bergretter des Nachbarkreises Alba, der oft im weitläufigen Mühlbächer Gebirge/Munții Șureanu unterwegs war. Grecu entwickelte ein Funksystem mit einer damals noch ungekannten Reichweite, die den hauptamtlichen Bergretter ins Staunen brachte: „Du, Cristian, das ist doch unglaublich: Auf einmal habe ich überall dort in den tiefsten Ecken des Gebirges Funkempfang, wo ich bei Einsätzen bisher immer ganz auf mich allein gestellt war! Ganz großes Danke!“

Entgegen der Vermutung, dass beispielsweise auch die kleinen Funkgeräte an den Brusttaschen von Gendarmen und uniformierten Bediensteten des Innenministeriums für Öffentliche Ordnung (Ministerul Afacerilor Interne, MAI) nichts mehr als handelsübliche Walkie-Takies sind, muss korrigiert werden, dass diese Geräte nichts, aber auch wirklich nichts mit den öffentlich-rechtlichen Mobilfunk- und Telefonnetzwerken zu tun haben. „Bei einem Terrorangriff – Gott bewahre! - sind die öffentlichen Telekommunikationsdienstleistungen das allererste, was der Attacke nicht standhält und sofort zusammenbricht“, erklärt Cristian Grecu. Deswegen ist es international gängige Aufgabe jeder zuständigen Staatsbehörde und somit auch des MAI, sich in ruhigen Zeiten um ein streng vertraulich erstelltes Funksystem zu bemühen, das externen wie internen Störangriffen widersteht und die öffentliche Sicherheit vor fatalen Schachlagen bewahrt. Zuviel Information darüber darf Cristian jedoch nicht preisgeben, da er als einer, der einmal in diesem Bereich tätig war, der amtlichen Schweigepflicht unterliegt. Nur soviel lässt er sich gerade mal noch vom Leib reißen, dass führende Beamte in Stadt und Kreis Zugriff auf Sonderfunkstationen hätten, die in Krisenmomenten reibungslos funktionieren sollten. Weiter dürfe er nicht ins Detail gehen. Punkt!

„Würdest du bei einer Dienstleistungsfirma ein Festnetzabo oder eine Internetflatrate ordern, täte ich an deiner Haustüre klingeln und das Glasfaserkabel schön sauber verlegen. Dein Benutzername und Passwort haben mich aber tunlichst nicht zu interessieren, und die Informationen, die du letztendlich durch das Kabel schickst, sind absolut tabu“, so die Erläuterung von Cristian Grecu, wie man sie einfacher und klarer nicht formulieren könnte.

Neue Herausforderung als Küster

Mitten im Trubel des überfüllten Sachsentreffens am ersten August-Wochenende 2017 rund um Huetplatz/Pia]a Huet und den Großen Ring/Piața Mare war die Stelle des Küsters der evangelischen Kirchengemeinde A.B. Hermannstadt vakant geworden. Das Stadtpfarramt hielt händeringend Ausschau nach Ersatz und Cristian horchte auf. Schließlich ist er seit 2012 begeistertes Mitglied des Hermannstädter Bachchores, hatte also schon einige Male persönlich miterlebt, was christliche Hochfeste wie Ostern und Weihnachten im siebenbürgisch-sächsisch-evangelischen Kirchenleben an Prozedere mit sich bringen. Gleich war er bereit, sich hierin zu versuchen. „Allerdings habe ich Stadtpfarrer Kilian Dörr gleich anfangs gesagt, dass ich trotz Jobantritt nicht auf das Mitsingen im Bachchor verzichten möchte.“

Nach wie vor hat Cristian Zeit für die Chorprobe Mittwoch abends von 18 bis 20 Uhr in der oberen Sakristei der evangelischen Stadtpfarrkirche am Huetplatz. Auch wenn er dann und wann dienstlich ins Smartphone flüstern muss und einen schnellen Schritt in das Hauptschiff der Stadtpfarrkirche, die zurzeit gründlich saniert wird, nicht aufschieben kann. Der studierte Telekommunikationsingenieur fühlt sich gefragt, in dem Großprojekt Kirchenrenovierung helfend nach dem Rechten zu sehen. Die Agentur für Regionale Entwicklung Zentrum (ADR Centru) überwacht die Einhaltung vieler EU-Finanzierungsverträge und hat auch bezüglich des Gotteshauses am Huetplatz das Sagen. Ihr fehlt aber das technische Know-How, denn, wie der elektronisch beschlagene Küster zurecht lästert, sei unlängst eine offizielle Anweisung seitens der ADR Centru eingetroffen, die Stadtpfarrkirche mit „nur fünf neuen Steckdosen“ zu versehen. Man stelle sich diesen Schwachsinn mal vor...

Cristian Grecu ist begeistertes Chormitglied, obwohl er das Notenlesen nur ansatzweise beherrscht. Sein Stimmsitz aber ist ihm an der haargenau richtigen Stelle in Brust und Hals angewachsen und ermöglicht ihm ein Kolorit, das andere Chormitglieder sich mühsam erarbeiten müssen. Küster Cristian singt einen Tenor, der sich hören lassen kann. Wenn Musikwart Jürg Leutert an der ein oder anderen Passage von der dünn besetzten hohen Männerstimme ein Plus an Kraft fordert, zündet Cristian Grecu eifrig den Turbo und singt für alle. Kein anderer als er brachte im Advents- und Weihnachtskonzert in der reformierten Kirche auf der Fleischergasse/str. Mitropoliei die zweimal wiederkehrende Tonkette „in excelsis“ erst richtig zum Klingen.

Gegen die Gleichgültigkeit

Als Nutzer einer Dienstwohnung am Huetplatz fährt Cristian Grecu oft mit seinem roten Opel Astra und elektronischer Chipkarte durch die öffentliche Einfahrtsperre direkt vor den Fensterscheiben des Hermannstädter Hauptsitzes der von vielen als tief korrupt angeprangerten Regierungspartei PSD, wo eine Handvoll einfache Bürgerinnen und Bürger seit Dezember 2017 mit tagtäglicher Regelmäßigkeit um jeweils 12 Uhr Mittagszeit die stille und 15 Minuten dauernde Mahnwache „Vă vedem!“ (Wir beobachten euch!) abhält. Allzu häufig rauschen Geschäftsleute am Steuer eines dicken Geländewagens oder stadtweit bekannte Personen auf dem Sattel eines Damenfahrrads geradewegs unbedarft an der Mahnwache vorbei, als ob alles in bester Ordnung wäre. Dass da vielleicht die Zeit zum Sich-Dazustellen augenblicklich fehlt, ist verständlich. Doch muss man auch mit Haltung und Gesichtsausdruck Gleichgültigkeit vermitteln? Nicht so Küster Cristian Grecu, der den Demonstranten aufmunternde Blicke zuwirft oder seinen hochgereckten Daumen entgegenhält. Von Menschen seines Schlages können sich andere einiges abgucken. Was er zu vermitteln versucht? In Anbetracht der innenpolitischen Misere nicht einfach resigniert zu verstummen.

 

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