Temeswar in allen Sprachen

Serbische Kulturtage mit interkulturellem Leseabend abgeschlossen

Samstag, 10. Dezember 2016

Volles Haus beim Verband der Serben aus Rumänien: „Temeswar in allen Sprachen“ brachte Literatur, Musik sowie bildende Kunst „made im Banat“ zusammen.

Goran Mrakic wollte eine Frage beantwortet wissen, die sich heute niemand mehr wirklich stellt: Ist Temeswar noch immer die interkulturelle Stadt, als die sie beworben wird? Für lokale Politiker, Unternehmer und Interessensgruppen ist die Antwort auf diese Frage ein unangefochtenes „Ja“. Schließlich ist Temeswars Interkulturalität einer der Hauptgründe, weshalb die Stdt den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ für das Jahr 2021 erhalten hat. Geschichtlich betrachtet, stellte die westrumänische Stadt schon immer einen Kreuzpunkt verschiedener ethnischer Gruppen dar, die sich im Banat angesiedelt hatten. Und trotz politischer Wenden, die zur Auswanderung unter anderem der Deutschen führte, bleibt das Banat eine multiethnische Region. Laut der Volkszählung aus dem Jahr 2012 leben in den Kreisen Temesch und Karasch-Severin Deutsche, Ungarn, Serben, Kroaten, Ukrainer, Tschechen, Bulgaren und Roma.

Viele dieser Volksgruppen pflegen Traditionen, Bräuche sowie ihre eigenen Sprachen. Unter ihnen finden sich Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler. Doch der Drang dieser Minderheiten, um ihr Bestehen zu kämpfen, hat dazu geführt, dass sich die meisten abgeschottet haben. Um zu überdauern, hat sich jeder in seine eigene Enklave zurückgezogen. Das war früher anders. In der Diktatur lebten die unterschiedlichen Volksgruppen zusammen. Die politischen Umstände zwangen sie dazu. Man saß im selben Boot. Die schwierigen Lebensbedingungen brachte die Menschen dazu, miteinander, statt nebeneinander zu leben. Davon sprach auch der serbische Schriftsteller Goran Mrakic bei der Veranstaltung „Temeswar in allen Sprachen“. Mit seinem literarisch-musikalischen Abend wurden die Serbischen Kulturtage im Banat abgeschlossen. Er wollte damit ein Zeichen setzen: Die Banater Minderheiten können wieder miteinander, statt nebeneinander bestehen. Dafür muss aber ein Dialog geschaffen werden.

 

Zurück zum Miteinander

Mrakic lud Schriftsteller und Künstler aus der Stadt ein, die einer Minderheit angehören und sich dazu bekennen oder in der Sprache der Minderheit schreiben. 16 Personen nahmen teil: Vom Fotografen Zorislav Stojanovic, der eine Bilderausstellung zu Temeswar vorbereitet hatte, über den bildenden Künstler Aurelian Scorobete, der Porträts Banater Persönlichkeiten in Bleistift ausstellte, bis hin zum Bildhauer Nicolae Popovici, der Holzskulpturen mitbrachte. Zwischen den Werken dieser Künstler, lasen der Serbe Borko Ilin, die Bulgarin Elena Chelkiov, der Ukrainer Nicolae Cornescian, der Rumäne Daniel Silvian Petre, der ungarische Schauspieler Aszalos Geza (er las Werke von Jozsef Andrasy vor) sowie die rumäniendeutsche Lyrikerin Petra Curescu. Auch Goran Mrakic, selber Autor, las zum Schluss ein Fragment vor.

Dazwischen und danach wurde der Abend musikalisch von Edwin Sebastian Marc und Emil Kindlein&Friends abgerundet. Auch rumäniendeutsche Autoren wie Herta Müller waren vertreten. Petra Curescu las aus „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ einen kurzen Ausschnitt vor.

„Immer öfters rühmt man sich damit, dass Temeswar so multikulturell ist“, so Goran Mrakic in seiner Einstiegsrede. Der Serbe moderierte auch den Abend. „Doch die verschiedenen Sprachen hört man immer seltener in Temeswar. Dieser Abend ist ein Experiment. Ich möchte sehen, ob man noch ins Gespräch kommen kann.“

Eine Herausforderung, die man nicht an einem Abend bewältigen kann. Die Minderheiten schrumpfen. Die letzten Banater Schwaben sterben aufgrund des hohen Alters. Die jüngeren Generationen entstammen Mischehen. Das gleiche Schicksal teilen auch andere Volksgruppen. Früher sprachen die Temeswarer mehr als eine Sprache. Heute sind es immer weniger, die mehrsprachig aufwachsen. Doch zumindest etwas bleibt erhalten, dank der Kultur. Und mit „Temeswar in allen Sprachen“ wurde ein Zeichen gesetzt, dass die verschiedenen Ethnien noch durchaus bereit sind, miteinander ins Gespräch zu kommen.

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