„Temeswar ist klein, aber fein“

Gespräch mit Daniel Malbert, dem neuen Leiter des Französischen Instituts in Temeswar

Mittwoch, 09. Oktober 2013

Daniel Malbert ist der neue Leiter des Französischen Instituts in Temeswar. Foto: Constantin Duma

Daniel Malbert wurde in Frankreich geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Germanistik in Paris-Sorbonne. Nach dem Studium wurde er Deutschlehrer und war als Theaterkritiker für verschiedene Zeitschriften tätig. Später dozierte er am Romanischen Seminar in Heidelberg und war im Französischen Kulturministerium tätig. Daniel Malbert präsidierte den Intergovernemental Council of Information Society der Unesco und verhandelte über Meinungsfreiheit und kulturelle Vielfalt beim World Summit on Information Society. Von 2008 bis 2013 leitete er das Institut Français in Köln. Nun ist er der neue Leiter des Französischen Instituts in Temeswar/Timişoara. Seine Amtszeit begann mit einer der größten Ausstellungen bisher in Temeswar – Futurotextiles. Über künftige Projekte, die Förderstrategie des Instituts und der Stadt im Wettbewerb für den Titel „Europäische Kulturhauptstadt 2021“ führte die BZ-Redakteurin Andreea Oance ein Gespräch mit Daniel Malbert.

Sie haben vor Kurzem offiziell Ihre Amtzeit als neuer Leiter des Französischen Instituts in Temeswar angetreten. Wie lautet Ihre Förderstrategie für die Zukunft?

Das erste große Event in meiner Amtszeit war die „Futurotextiles“-Ausstellung. Dass diese Expo hier gezeigt wurde, ist für uns alle ein Grund, hohe Ansprüche zu haben. Die Ausstellung ist sehr gut angekommen. Sie hat sehr viele junge Leute sowie Schulklassen und Lehrer gelockt und wir sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Heute funktioniert das Institut Français als ein gesamtes Netzwerk für Rumänien - wir haben ein einziges Institut Français für ganz Rumänien mit dem Sitz in Bukarest, Jassy, Klausenburg und Temeswar. So können wir größere Projekte durchführen – wie Futurotextiles. Die Projekte, die anstehen, sind hoffentlich auch sehr interessant für das Temeswarer Publikum: Foto- und Modeausstellungen, Konzerte und das Französische Filmfestival, das landesweit Anfang November stattfinden wird, sind nur einige Beispiele davon.

Die Futurotextiles-Expo war eine Neuigkeit für Rumänien und Temeswar war die erste rumänische Stadt, die sie zeigen konnte – noch vor Bukarest. Wieso wurde eigentlich die Stadt an der Bega neben der Hauptstadt als Ausstellungsort gewählt?

Man hat Diskussionen auch mit den anderen Städten, wo ein Institut Français vorhanden ist, geführt. In vielen dieser Städte waren zum Beispiel die notwendigen Räumlichkeiten nicht vorhanden, um die Kapazität der Expo zu beherbergen. In Temeswar hatten wir Glück, einen Partner zu finden, der die Möglichkeit hatte, große Räume zur Verfügung zu stellen. Die Ausstellung wurde in der Timco-Halle untergebracht. Auch die Stadt und die Region trugen dazu bei, denn ein weiterer Grund dafür war, dass die Stadt Temeswar und das Banat eine Tradition im Bereich der Textilindustrie haben. Somit machte es auch Sinn, diese Ausstellung zuerst hier zu zeigen. Diese Industrie wird durch die einzigartige Ausstellung aus einer anderen Sicht präsentiert.

Futurotextiles ist 2006 entstanden, als die Stadt Lille Europäische Kulturhauptstadt war. Kann diese Expo ein Beispiel auch für Temeswar sein, als Kandidatin für diesen Titel 2021?

Die Stadt Lille und ganz Nordfrankreich haben stark unter der Industriekrise gelitten und konfrontierten sich mit dem Problem, neue Tätigkeitsbereiche zu finden. Die Leute in Lille waren eben auf diese Idee gekommen, etwas zu zeigen, was mit der Stadt und der Region zu tun hat. Die Textilindustrie war früher sehr wichtig für die ganze Gegend, auch wenn viele solche Unternehmen heute zum Großteil geschlossen sind, aber diese Tradition und die Erfahrung, die die Leute in diesem Bereich haben, sind immer noch da. Die Ausstellung ist eine Verknüpfung zu der Vergangenheit aber mit einer Zukunftsperspektive.

Glauben Sie, dass Temeswar so einen Bereich haben könnte, welcher von Temeswar ausgebeutet sein kann?

Ganz konkret fällt mir der Reichtum an alten populären Kunstaktivitäten hier auf. Es gibt sehr viele traditionsreiche Bereiche. Man soll das Traditionelle und die Folklore ein bisschen mehr betonen und ausbeuten. Dieser Bereich kann auch uminterpretiert werden und daraus etwas anderes, ganz Unerwartetes gemacht werden. Man kann zum Beispiel den Folklore-Bereich im Zusammenhang mit der Mode bringen. Der Erfolg anderer Europäischen Kulturhauptstädte bestand darin, dass sie ihre Identität und ihr Reichtum auswerten konnten. Die Identität Temeswars ist seine Multikulturalität. Das ist ein sehr großer Vorteil der Stadt und das könnte für die Europäische Kommission sehr wichtig bei der Auswahl sein.

Letztes Mal waren Sie als Leiter des Französischen Institutes in Köln tätig. Wie finden Sie Temeswar?

Ich finde die Stadt schön, zwar etwas klein. Klein, aber fein! Ich bin verblüfft von der Architektur der Altstadt. Es gibt so viele interessante Gebäude – viele müssen noch restauriert werden, das ist ein bisschen Schade, dass nicht das ganze Stadtbild saniert ist. Aber es ist wunderbar, dass man die Spuren der Geschichte und der verschiedenen Epochen erkennen kann. Die Josefstadt, zum Beispiel, ist ganz interessant für mich – man erkennt hier die Spuren des Habsburgerreiches. Die Stimmung der Stadt ist für mich sehr ruhig und die Grünanlagen und Parks sind hervorragend. Und es ist schön, dass man hier sehr schnell an die Leute herangehen kann. Alle sind hier sehr aufnahmebereit. Man macht sich schnell Freunde. Ich bin mir sicher, es wird mir hier gut gefallen.

In Köln haben Sie die Beziehungen zur Universität ausgebaut und dabei das Geschäftsleben mit Projekten aus Bereichen wie Design, bildende Künste und Musik gefördert. Was halten Sie davon, dieses Modell auch in Temeswar anwenden zu können?

Ich bin gleich nach meiner Ankunft an die Leute herangegangen und damit meine ich die Universität, die Stadt, die Kunstgalerien und Museen, Verbände und Vereine vor Ort. Die Zusammenarbeit mit ihnen hat sehr gut geklappt. Mit meiner Erfahrung möchte ich auch hier mehrere Partnerschaften schließen. Zunächst möchte ich viel mehr mit der West-Universität und mit der TU Politehnica unternehmen. Dabei sollen sich auch die technischen Diplome mit der französischen Sprache mehr entwickeln. Auch die bilinguale Schulbildung in französischer Sprache soll mehr gefördert werden. Mit der Uni arbeiten wir sehr gut zusammen, auch im kulturellen Sektor. Für Kinoausstrahlungen wird uns die Aula Magna, zum Beispiel, für ein anstehendes Event zur Verfügung gestellt. Die Stadt ist ein wichtiger Partner für uns. Aus Köln habe ich die Erfahrung, dass sich auch die Unternehmen vor Ort für uns engagieren können. Wir müssen heutzutage mehr mit äußeren Mitteln rechnen, so dass wir den Unternehmen Angebote machen werden. Nicht nur die französischen Unternehmen, wie Alcatel oder Valeo, sondern auch andere große oder kleinere Unternehmen vor Ort interessieren sich für Kultur.

Aus Ihrem Lebenslauf geht eine reiche kulturelle Tätigkeit hervor. Sie waren Theaterkritiker für verschiedene Zeitschriften und im Französischen Kulturministerium tätig, wo Sie internationale Kooperationsprojekte für Museen und Bibliotheken betreuten. Temeswar möchte 2021 Europäische Kulturhauptstadt werden. Wie könnten Sie in dieser Hinsicht helfen?

Ich glaube, dass das Institut Français nicht nur da ist, um vor Ort die französische Kultur und Sprache zu fördern, sondern auch in die andere Richtung müssen Botschaften aus Temeswar in die Welt schicken. Solche Projekte wie Futurotextiles können helfen. Wir werden die Kontakte mit den französischen Städten fördern und in die Wege leiten, so dass die Stadt Temeswar aus der Erfahrung anderer Kulturhauptstädte aus Frankreich, wie Lille und Marseille, lernen kann. Bald kommt ein Besuch des stellvertretenden Präsidenten der Kulturhauptstadt Marseille nach Temeswar. Der Erfahrungsaustausch ist sehr wichtig, vor allem, da wir auch eine Vertreterin aus dem Haus im Vorstand des Vereins „Temeswar - Europäische Kulturahauptstadt“ haben. So bringen wir auch unsere Mitwirkung und unsere Projekte sind auch so gedacht, einen Beitrag in diese Richtung zu leisten.

Welche Vorzüge bzw. Nachteile hat Temeswar, um Kulturhauptstadt zu werden?

Mir ist aufgefallen, dass Temeswar eine Stadt ist, in der es keine Kinos mehr gibt. Das war ein großer Schock für mich, als ich erfahren habe, dass es früher hier sehr viele Kinos gab und dass nun diese Räume leer stehen. Das ist etwas, was man hier in Temeswar anpacken sollte, denn das Interesse am Kino ist immer noch sehr groß. Das Theater ist hervorragend, doch Kino stellt eine Lücke dar. Es gibt viele wunderschöne Orte an der Bega, wo sich die jungen Leute aufhalten können und wo Veranstaltungen stattfinden. Das Angebot an Cafés ist in Temeswar sehr groß. Dafür gibt es auch Cafékultour in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturzentrum Temeswar. Es ist ein Zusammenkommen verschiedener Musiker, Dichter und Künstler an einem für zahlreiche Leute zugänglichen Ort. Mir ist als neuer Bürger von Temeswar aufgefallen, dass es in der Stadt sehr viele verlassene ehemalige Industriegebäude gibt. Man kann am Beispiel von Berlin diese Orte, die heute leer stehen, in einer schönen Weise umgestalten und mit Künstlern beleben. Wenn man Lücken in der Industrie hat, kann man das durch Kunst ersetzten – Berlin ist ein gutes Beispiel dafür.

Die Stadt Temeswar ist sowohl eine frankophile, als auch eine sich zum Deutschtum bekennende Stadt – wie sehen Sie die Beziehung zum Deutschen Kulturzentrum in Temeswar?

Cafékultur wurde gerade erwähnt. Im April des kommenden Jahres feiert diese gemeinsame Veranstaltung mit dem Deutschen Kulturzentrum ihr zehnjähriges Jubiläum, so dass wir etwas Besonderes zu diesem Anlass planen. Selbstverständlich geht die Zusammenarbeit weiter und wir haben noch weitere gemeinsame Projekte vor. 

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