Temeswar ohne Kitsch

Glaskonstruktion soll aus der Innenstadt verschwinden

Freitag, 06. Januar 2012

Eine wahre Unzier, das sogenannte Aquarium neben der Temeswarer Oper
Foto: Zoltán Pázmány

„Temeswar ohne Kitsch“: Dies war das Thema einer Debatte, die vor Kurzem in Temeswar/Timişoara stattfand. Leuchtende Firmenschilder, überladene Schaufenster und chaotischer Handel – dies soll künftig in der Innenstadt verändert werden und der Stadt ein positives Image, ohne Kitsch verschaffen.
„Kitsch hat in einer Stadt, die um den Titel einer europäischen Kulturhauptstadt kämpft, nichts zu suchen“, sagte die Journalistin Lia Lucia Epure, die gleichzeitig auch die Moderatorin des Treffens war. Die Debatte war Teil der Ereignisse, die als Vorbereitung auf die Kandidatur Temeswars für den europäischen Kulturhauptstadt-Titel 2020 organisiert werden.

Vertreter der Stadt, Politiker, Architekten und Experten im Bereich der Stadtentwicklung wurden zur öffentlichen Debatte eingeladen, um die Schwerpunkte einer künftigen öffentlichen Anhörung zu besprechen. Das Thema geriet jedoch in den Hintergrund, denn die ganze Diskussion kreiste um die Problematik des „Aquariums“ in der Innenstadt. Die Glaskonstruktion neben der Oper stört die Öffentlichkeit, denn ihrer Meinung nach passt dieses Gebäude nicht zu der Architektur der Altstadt und versperrt gleichzeitig die Sicht zwischen dem Opernplatz und dem Hunyadi-Schloss. Das Problemgebäude führte zu Streitigkeiten unter den Teilnehmern an der Debatte. Auch der Anwalt des Eigentümers des Glasgebäudes in der Innenstadt war dabei. Das größte Problem bezüglich dieses Gebäudes ist die Genehmigung, die der Besitzer bekommen hat. Anscheinend hat er zuerst eine Genehmigung für die Sanierung der Räumlichkeiten im Untergeschoss bekommen – früher waren hier öffentliche Toiletten –, dann wurde eine weitere Genehmigung für die Bedachung der Treppen, die in das Untergeschoss führen, beantragt. Der Streitfall beginnt hier. Denn mit dieser letzten Genehmigung hat der Besitzer die Glaskonstruktion gebaut und sie dann in mehrere Räumlichkeiten eingeteilt, die inzwischen an verschiedene Händler vermietet wurden. Im Gebäude funktioniert unter anderem auch ein Restaurant, aber auch Brezel, Kebab oder Langosch werden verkauft.

„Der Handel hier sieht aus wie auf dem Markt“, sagte Adrian Orza, der Vizebürgermeister von Temeswar. Das Gebäude kann aber vom Bürgermeisteramt nicht abgerissen werden, und das wegen eines Gerichtsbeschlusses, der auf einer alten Genehmigung der Fachkommission des Temescher Kreisrates basiert. Laut Vizebürgermeister Orza sei die Gesetzgebung in dieser Hinsicht sehr leicht zu umgehen. „Die Handelsgesetzgebung sieht vor, dass das Bürgermeisteramt nur für 30 Tage die Tätigkeit einer bestimmte Firma unterbrechen darf. Wenn diese Zeit vorbei ist, können wir nichts mehr tun“, sagte Adrian Orza. „Auch wenn das Bürgermeisteramt vor Gericht den Abriss des Gebäudes beantragt hat, konnte dieser nicht stattfinden, weil der Inhaber eine Baugenehmigung bekommen hat“, fügte der Vizebürgermeister hinzu.

Zu Wort kam auch die Expertin der EU-Kommission, Corina Răceanu, die zwei Schwerpunkte des Problems erwähnte. „Der Grundfehler liegt aber weiter weg. Zunächst hat das kommunistische Regime die Architektur der Innenstadt stark beschädigt, indem moderne Elemente eingeführt wurden und unter anderem zwischen dem Opernplatz und dem Hunyadi-Schloss ein Parkplatz entstand. Nun geht das Problem weiter, indem unpassende Projekte genehmigt werden. Die Gesetzgebung muss unbedingt geändert werden, damit solche Fehler vermieden werden können“, sagte Corina Răceanu. In dieser Richtung äußerste sich auch der PNL-Senator Nicolae Robu und er versprach, eine diesbezügliche gesetzliche Initiative im rumänischen Parlament vorzuschlagen.

Zu der Debatte kam auch ein Vertreter des Besitzers des Gebäudes, er beklagte sich jedoch, dass die Gegenseite nicht zur Diskussion eingeladen wurde und sie einfach durch die Presse von dieser Debatte erfahren hat. Der Anwalt Dorin Danciu zeigte der Öffentlichkeit die Genehmigung, aufgrund deren die Art-Gesellschaft das Gebäude bauen durfte.

Architekt Mihai Donici argumentierte, dass das Glasgebäude eigentlich kein Kitsch sei, die Lage sei aber unpassend und er erwähnte, dass die Baugenehmigung nichts über eine Außenkonstruktion sagt, sondern einfach die Bedachung der Treppen legitimiert, die zum Untergeschoss führen. Als Kitsch beschrieb der Temeswarer Architekt dagegen mehrere Denkmäler in der Stadt: das von Neonlichtern beleuchtete Kreuz vor der orthodoxen Kathedrale oder die Bodybuilder-Statuen vor dem Constantin-Jude-Saal. Aber nicht nur das Glasgebäude neben der Oper würde der historischen Architektur der Innenstadt schaden. Auch die Fassaden der Altbauten sehen  kitschig aus, meinten mehrere Redner. Zu viele Klimaanlagen hängen an den Fassaden, die unästhetischen Firmenleuchtschilder und die überfüllten Schaufenster schaden der einheitlichen Architektur, und der Handel, der am Opernplatz stattfindet, beeinträchtigt die Atmosphäre und macht aus dem Stadtzentrum einen kleinen Basar.

Die Moderatorin der Debatte, Lia Lucia Epure, zog nach den Diskussionen zwei Schlussfolgerungen: Es werden demnächst zwei Vorschläge für die Änderung der Gesetzgebung gemacht – einer im Bereich des Handels und ein zweiter soll die Firmen zu einem einheitlichen Image zwingen, sodass ihre Schaufenster und Fassaden zur Architektur der Altstadt passen.
In den kommenden Tagen soll das Thema wieder aufgenommen und eine öffentliche Anhörung veranstaltet werden. Es werden dann mehrere Lösungen für eine kitschfreie Stadt gesucht.

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