Temeswarer Flughafen: 470.000 Passagiere im ersten Semester

Banater Airport ist ausbaubedürftig / Klausenburg deutlich vor Temeswar, Jassy auf Aufholjagd

Montag, 01. August 2016

Ausbaubedürftig ist die Infrastruktur des Temeswarer Flughafens; die Airport-Leitung verspricht, die Abfertigungshalle in den kommenden Jahren zu erweitern.

 Dass die Straßen in Rumänien schlecht sind, ist bekannt. Dass sich auch die Eisenbahnen in einem derart maroden Zustand befinden, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit der Züge auf unzumutbare 30 bis 40 Stundenkilometer gesunken ist, dürfte inzwischen auch kein Geheimnis mehr sein. So langsam fahren die rumänischen Züge, dass eine Bahnfahrt hierzulande zu einem wahren Luxus geworden ist, nicht wegen den Kosten, aber aus Zeitgründen, denn wer kann es sich schon leisten, knapp 18 Stunden von Temeswar/Timişoara nach Jassy/Iaşi (845 Kilometer) zu tingeln, oder 11 Stunden von Klausenburg/Cluj-Napoca nach Bukarest (549 Kilometer).

 

Rumäniens größte Airports mit sattem Plus

Eine immer gefragtere Alternative ist also das Fliegen. In den vergangenen Monaten haben ausländische Billigflieger begonnen, Inlandsflüge anzubieten, ein ähnliches Vorhaben vor der Wirtschaftskrise 2008/2009 musste Wizzair einstellen, aber inzwischen hat der Verkehr zwischen Bukarest und den Großstädten Klausenburg, Temeswar oder Jassy stark zugenommen. Die ungarische Erfolgslinie Wizzair fliegt bereits wieder von Klausenburg nach Bukarest, das rumänische Unternehmen BlueAir startet im Oktober Flüge von Jassy nach Temeswar mit Zwischenstopp in Klausenburg, und der irische Riese Ryanair bedient ab September die Strecke Temeswar - Bukarest. TAROM, bislang für seine unverschämt hohen Preise für die unter Monopolbedingungen angebotenen Inlandsflüge bekannt, droht endlich ernste Konkurrenz auch im Inland, bei den Auslandsflügen hat TAROM längst seine Position einbüßen müssen. Das finanziell angeschlagene Staatsunternehmen hat bereits für jene Strecken, wo Wizzair (Klausenburg) und BlueAir (Jassy) mitkonkurrieren, die Preise heruntergedrückt, allein für die Strecke Bukarest - Temeswar kassiert es weiterhin über 200 Euro für Hin- und Rückflug.

Die jüngste Statistik, von „Ziarul Financiar” veröffentlicht, weist auf die starke Zunahme des Flugverkehrs hin. Rumäniens fünf größte Flughäfen haben im ersten Semester ein Passagieraufkommen von 6,6 Millionen verzeichnet, 4,91 Millionen allein meldete der Hauptstadtflughafen in Otopeni, was einem Zuwachs von 16 Prozent im Vergleich zur selben Zeitspanne des Vorjahres entspricht. Den absoluten Wachstumsrekord verbuchte der Flughafen Jassy, mit 340.000 Fluggästen zwischen Januar und Juni, das sind um 115 Prozent mehr als Januar bis Juni 2015. Auf 753.000 Passagiere kam der Flughafen Klausenburg (+ 12 Prozent), der bis Jahresende auf 1,8 Millionen Gäste zählt, knapp 470.000 verzeichnete der Traian-Vuia-Airport in Temeswar (+ 8 Prozent). Und der zweitgrößte moldauische Flughafen Bacău meldete 193.000 Fluggäste, im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres ist das ein Plus von 19 Prozent.

 

Temeswarer Airport setzt auf Billigflieger

Früher Rumäniens zweitgrößter Flughafen, belegt der Temeswarer Airport nur noch den dritten Platz, hinter Otopeni und Klausenburg. Knapp über eine Million Fluggäste soll der Banater Flughafen in diesem Jahr befördern. Damit erreicht er wieder die Eine-Million-Marke, die Klausenburger Konkurrenz nähert sich dem Doppelten. 38 Ziele können von Klausenburg aus erreicht werden, bloß 21 von Temeswar, mit Ryanair wird es ab September ein bisschen besser, da der irische Low-Cost-Flieger neben London-Stansted (Wizzair fliegt nach London-Luton), Brüssel-Charleroi und Mailand-Bergamo auch Berlin-Schönefeld und Weeze am Niederrhein (Düsseldorf) von Temeswar bedienen will. Doch Temeswar hinkt der siebenbürgischen Metropole stark hinterher: Kann man aus dem Banat nach Deutschland (Memmingen, Frankfurt-Hahn, Dortmund, München, Berlin), Italien (Bari, Bologna, Mailand, Rom, Treviso), Spanien (Barcelona, Madrid, Valencia), Frankreich (Paris-Beauvais), Großbritannien (London-Stansted und Luton), Belgien (Brüssel-Charleroi) und Holland (Eindhoven) sowie nach Bukarest und in Kürze nach Klausenburg und Jassy fliegen, so sind von Klausenburg alle diese Länder und Ziele zu erreichen, darüber hinaus aber auch zusätzliche Ziele in Deutschland (Köln/Bonn und Nürnberg), England (Doncaster/Sheffield) und Spanien (Palma de Mallorca, Alicante, Malaga, Zaragoza) sowie auch in anderen Ländern: in der Schweiz (Genf und Basel), in Schweden (Malmö), Israel (Tel Aviv), Dänemark (Billund), Österreich (Wien), in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Dubai) sowie in der Türkei (Istanbul) und in Polen (Warschau).

Dass die Fluglinien neue Routen von Temeswar aus nur zaghaft eröffnen, mag seine Gründe haben; die größeren Airports in Budapest und Belgrad liegen in naher Entfernung und zumindest Wizzair will ihrem Budapester Heimatflughafen von Temeswar aus eine nicht allzu große Konkurrenz machen. Sicher: Seit der durchgängigen Eröffnung der Autobahn Nadlak - Temeswar ist man in der Tat von Temeswar in fünf Stunden in Wien, der Weg nach Mitteleuropa ist deutlich kürzer geworden. Und dann verfügt Klausenburg natürlich über ein größeres, dichter bevölkertes Umland, die kleineren Flughäfen in Neumarkt/Târgu Mureș und Hermannstadt/Sibiu sind da keine nennenswerte Wettbewerber, obwohl sie Ziele anbieten, die auch aus Klausenburg angeflogen werden.

Den größten Erfolg des Jahres verbucht Temeswar allerdings mit der Eröffnung der Ryanair-Base ab September. Der Low-Cost-Carrier wird bis Jahresende zahlreiche zusätzliche Passagiere dem Temeswarer Flughafen bescheren und seinen westrumänischen Stützpunkt in Zukunft bestimmt ausbauen, ab 2017 könnte mit neuen Zielen gerechnet werden. Einerseits zwingt der irische Riese dann seinen ungarischen Konkurrenten Wizzair, das eigene Angebot zu erweitern, andererseits schaffen die Verbindungen nach London und Berlin sowie in den nordwestdeutschem Raum über Weeze und Dortmund die Voraussetzungen dafür, dass Temeswar an touristischer Attraktivität gewinnt. So könnte sich der Anschluss des Banats an den deutschen Riesenmarkt endlich verbessern. Obwohl, und das muss unterstrichen werden, die Airport-Leitung dringend mit den Fluglinien über die Eröffnung neuer Ziele in Deutschland verhandeln müsste, denn mit dem teuren Münchner Flughafen und seinem Low-Cost-Pendanten im oberschwäbischen Memmingen ist das Banat an den süddeutschen Raum nicht entsprechend angebunden. Nürnberg ist sicherlich ein Ziel, über das in der Chefetage des Temeswarer Flughafens nachzudenken wäre.

 

Infrastruktur stark ausbaubedürftig

Wichtiger jedoch ist der Ausbau der Infrastruktur; die Abfertigungshalle, obwohl schrittweise erweitert, erinnert an den Anfang der 2000er Jahre. Der Parkplatz davor ist eng, Busse können zum Beispiel noch immer nicht gerecht parken. Der Airport behält sein provinzielles, ja kleinstädtisches Image, der Klausenburger Flughafen zum Beispiel schaut deutlich besser aus, die Abfertigungshalle ist entsprechend größer. Auch die Kreisstraße, die von der Fernstraße DN 6 bei Ghiroda Richtung Flughafen abzweigt, muss endlich vierspurig ausgebaut werden. Über einen solchen Ausbau wird seit mehr als zehn Jahren gesprochen. Getan wurde natürlich nichts. Und eine relativ leicht zu bauende Bahnanbindung könnte ebenfalls in Frage kommen, sollte die Temeswarer Kommunalpolitik den Mobilitätsplan umsetzen und den ÖPNV gezielt weiter entwickeln.

Jedenfalls: Auf der Agenda der Stadt- und Kreisbehörden muss die Entwicklung des Flughafens im Top bleiben, denn der Airport bleibt für die gesamte Banater Wirtschaft ein Standortfaktor von herausragender Bedeutung. Bis zum Kulturhauptstadtjahr 2021 sollte er die Zwei-Millionen-Passagiere-Marke knacken.

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