Temeswarer Informatiker vernachlässigen Studium

Konzerne pochen jedoch auf abgeschlossene Berufsbildung

Mittwoch, 09. November 2016

Ende 2015 hatten etwa 100.000 Personen in der rumänischen IT-Sparte direkt oder über Privatfirmen (PFA) einen Job. Nahezu drei von vier landesweit in diesem Sektor Beschäftigten, arbeiten in den Universitätsstädten Bukarest, Temeswar, Klausenburg und Jassy, wo sie nach dem Abschluss auch sofort einen Arbeitsplatz gefunden haben.

Es ist ein ganz dünner Spagat, auf dem Studenten heute wandeln. Schon in den ersten Jahren des Studiums stellen sie sich Frage: Gutes Geld verdienen oder akribisch studieren. Vor allem Studenten der TU Politehnica stehen vor dieser schweren Wahl und angeblich ziehen immer mehr junge Leute das pralle Konto vor. Der überhitzte Arbeitsmarkt und die hohe Nachfrage nimmt vielen Studenten die Antwort im Zweifelsfall ganz einfach ab. Bei einem Brutto-Lohn von 1000 Euro kann ein IT-Fachmann in den Beruf einsteigen. Diese Summe kann sich bei guter Leistung schnell verdoppeln, schreibt Mediafax mit Bezug auf Uni-Kreise.

Für viele sei es ungemein schwer, sowohl im Beruf als auch an der Uni gute Leistungen zu bringen, sagt der Prorektor der Temeswarer TU Politehnica Daniel Dan. „Viele verzichten auf ihr Studium, weil sie es vorziehen, schnell gutes Geld zu verdienen“, weist der Prorektor auf einen nicht gerade positiven Trend hin. „Wir wollen diese verfrühte Einstellungswelle ein wenig drosseln“, setzt er fort. 

Zwar gibt es an der Fakultät  für Automatik und Computertechnik jedes Jahr etwa 150 Studenten, doch die Nachfrage ist so hoch, dass die Firmen schon lange vor dem Abschluss mit hohen Löhnen winken. Um eine gewisse Qualität im Studium beizubehalten, will die Fakultät die Zahl der Studenten nicht allzu hoch ansetzen, „auch dann nicht, wenn es um gebührenpflichtige Studienplätze geht“, sagt Daniel Dan. Die Tatsache, dass junge Leute ganz früh ins Berufsleben einsteigen, sei deshalb wichtig, weil sie so Erfahrung sammeln und besser manche Sachen verstehen, die ihnen an der Uni vorgetragen werden, sagt Christian von Albrichsfeld, Direktor von Continental Rumänien. „Sie müssen natürlich aufpassen, wie sie sich ihre Zeit einteilen“. Im internationalen Automotive-Konzern ermutigt man arbeitende Studenten, deren schulische Leistungen nachlassen, sich mehr auf das Studium zu konzentrieren, denn „wir wollen letztendlich Ingenieure einstellen und keine Studenten,“ so der Direktor des deutschen Konzerns.

In den Firmen glaubt man jedoch, gute Studenten könnten schon einen Mittelweg finden um Job und Studium miteinander zu vereinbaren. Nicht zuletzt: „Eines der wichtigsten Kriterien für einen jungen Fachmann ist, gleichzeitig mit dem Abschluss schon Erfahrung gesammelt zu haben“, heißt es nicht selten, sowohl im Betrieb als auch beim jungen Arbeitnehmer. 

„Ich finde es wichtig, dass man bereits währen des Studiums praktische Erfahrung sammelt und finanzielle Unabhängigkeit erlangt“, sagt Diana Panţa, Studentin im 4. Jahr an der Abteilung für Computerwissenschaften  und Informationstechnologie in englischer Sprache der TU Politehnica.  Ein Nachteil sei, dass man von der Uni zum Arbeitsplatz laufen muss und man praktisch nur am Wochenende frei hat, sagt die Studentin und ehemalige Schülerin des Lenau-Lyzeums. „Man hat also nur wenig Freizeit, man schläft wenig, man ist dauernd müde. Trotzdem glaube ich, dass es überwiegend Vorteile gibt“, schlussfolgert Diana Panţa. Der Prodekan der Fakultät für Automatik und Computertechnik an der TU Politehnica, Ivan Bogdanov, sagte der BZ, dass zwar nur wenige die Uni wirklich aufgeben, „aber es deutlich sichtbar, dass viele Studenten durch den Einstieg ins Berufsleben ihr Studium vernachlässigen und deshalb sogar die Qualität der Abschlussarbeiten sinkt“.

 

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