Temeswarer Kulturerbe in Gefahr

Verein um Erhalt der Stadtidentität bemüht

Mittwoch, 04. November 2015

Das Temeswarer Stadterbe wird nicht aus den Augen verloren. Ein Verein lässt Vergehen melden – im Bild ein Haus aus der Elisabethstadt, dessen Fassade und Holztor von Kabeln und Rohren beschädigt wurde.

Über 14.000 Altbauten hat die Stadt Temeswar/Timişoara – manche davon prägt ein barocker und eklektischer Stil, aber darin widerspiegeln sich auch Einflüsse der Wiener und ungarischen Secession, der Neoromantik, Neugotik und Neoklassik. Dies ist auch die größte Anzahl von historischen Gebäuden aus ganz Rumänien in einer Ortschaft. Das Stadtbild von Temeswar ist von der Wiener Architektur des 18. und 19. Jahrhunderts gekennzeichnet und dies führte dazu, dass die Stadt „Klein-Wien“ genannt wurde. Diese Bezeichnung passt heute nicht mehr zu Temeswar. Das sagen viele Leute, die Veränderungen am Stadtbild erkennen und dabei auch das Verschwinden der einstigen Identität der Stadt beobachten. Altbauten sind dem Verfall preisgegeben, wahre Stadtsymbole sind in die falschen Hände geraten und sollen abgerissen werden, Sanierungen werden falsch durchgeführt, so dass historische Gebäude moderne Elemente bekommen. Dazu könnten neue Pläne zur Stadtentwicklung Denkmäler beschädigen – all das ist nur eine grobe Aufzählung von Ursachen, die das Stadtbild von Temeswar in Zukunft stark beeinflussen werden.

Davon ist auch Ilie Sârbu, Journalist und Vorsitzender des Vereins „Salvaţi Patrimoniul Timişoarei“ (deutsch: Rettet das Temeswarer Stadterbe), fest überzeugt. Als Wahltemeswarer will der im Verwaltungskreis Karasch-Severin/Caraş-Severin gebürtige Mann dem negativen Wandel nicht tatenlos zusehen und „möchte ihn auch nicht erleben“, sagt er entschlossen. Und gerade deswegen hat Sârbu vor mehr als einem Jahr zusammen mit mehreren Stadtliebhabern einen Verein ins Leben gerufen, der die Stadt Temeswar unter die Lupe nehmen soll. Seit März 2014 verfolgt er die Änderungen, die in der Temeswarer Stadtentwicklung vorgenommen werden.

 

Mehr Transparenz bei den Projekten

Mitte Oktober wurde auf einer Temeswarer Kommunalratssitzung die Machbarkeitsstudie für die Neugestaltung des Verkehrs in der Temeswarer Innenstadt genehmigt. Kurz zuvor hatte der Verein zur Rettung des Temeswarer Stadterbes einen Antrag an den Kommunalrat gestellt und eine öffentliche Debatte zu diesem Thema beantragt. „Noch habe ich keine Antwort bekommen“, sagt Ilie Sârbu verzweifelt. „Wir wollen wissen, wie die Machbarkeitsstudie durchgeführt wird. Welche Aspekte analysiert werden, welche Risiken es für die Altbauten am Opernplatz gibt. Das geben wird nicht so leicht auf. Es gibt auch eine Gesetzgebung dazu – das sogenannte Entscheidungstransparenzgesetz – das soll auch eingehalten werden“, sagt Sârbu entschlossen. „Es reicht nicht nur, Informationen im Internet, und vor allem auf Facebook zu veröffentlichen – nicht alle Menschen haben Zugang zum Internet“, fährt Ilie Sârbu fort.

Der Verein hat bereits mehrere Meldungen auch bei der Kreispolizei eingereicht. „Wir wollen die Vergehen gegen das Stadterbe bekämpfen“, sagt der Vorsitzende des Temeswarer Vereins. In der Temeswarer Altstadt beschädigen vor allem die Arbeiten von Telefonieanbietern und Gaslieferanten die historischen Bauten. „Kabel werden an die Fassaden angebracht, Rohre durch die Wände und Holztore hindurchgeführt“, erzählt der Berufsjournalist und Geschichtsbegeisterte.

 

Verstöße auf salvatipatrimoniultimisoarei.ro

Der Verein „Salvaţi Patrimoniul Timişoarei“ stellt die Verstöße auch auf seinem Youtube-Videokanal vor. Dort werden kurze Dokumentarfilme über die Geschichte von Temeswar und Vorstellungsvideos mit dem Stadterbe gepostet und bekannt gemacht. Schon seit dem Vorjahr kämpfen die Temeswar-Liebhaber auch um die Rettung des Mühle-Hauses. Das von Geschichte geprägte Haus in der Elisabethstadt ist in falsche Hände geraten und steht nun dem Verfall ausgesetzt da. Die Vereinsmitglieder reichten beim Temescher Kreisrat ein Projekt ein, das vorsah, dass das Haus in ein Gedenkhaus der Rosenzüchter Wilhelm und Àrpád Mühle, in ein Museum der Rosen umgewandelt werden soll. „Unser Projekt wurde zuerst mit Enthusiasmus begrüßt. Dann haben die Kreisräte das Projekt abgelehnt“, sagt Ilie Sârbu. Der Vereinsvorsitzende unterstreicht dabei auch die Notwendigkeit eines Museums der Stadt Temeswar. „Für eine Stadt, die den Titel einer Kulturhauptstadt Europas anstrebt, die so viel Geschichte und Kultur zu bieten hat, ist das fast inakzeptabel“, sagt Sârbu. „Kommendes Jahr werden 300 Jahre seit der Befreiung der Stadt Temeswar begangen. Ich bezweifle, dass das ehemalige Haus von Eugen von Savoyen bis dahin saniert wird“, schließt Ilie Sârbu.

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