Temeswars Kunstszene erlebt einen Aufschwung

Junge Galeristen und Privatpersonen fördern lokale Künstler und setzen sich für mehr Kunsterziehung ein

Donnerstag, 22. November 2012

Hochrangige Kunst in unkonventionellen Räumen ausgestellt: Im Temeswarer City Business Centre wurden im Frühjahr ausgewählte Werke von den bedeutendsten Gegenwartskünstlern Rumäniens gezeigt. Hier im Bild eine Skulptur des Bildhauers Cristian Rusu.
Foto: Zoltán Pázmány

Temeswar/Timişoara möchte sich zu einer modernen Kunststadt mausern. Sprach noch vor einigen Jahren nur eine ausgewählte Gruppe von Galeristen und Kulturmanagern über die Notwendigkeit, Kunst für alle zugänglich zu machen, werden heute Förderinitiativen aus den Reihen der Mittelschicht gestartet. Das Interesse für zeitgenössische Kunst wächst und ist oft nicht ausschließlich an den pragmatischen Gedanken gebunden, daraus Profit zu schlagen. 

Nicht jeder sieht darin eine sichere Geldanlage, obwohl gerade der wirtschaftliche Aspekt das inzwischen rege Kulturgeschehen in Temeswar antreibt. Der Unternehmer Emil Cristescu übt sich nicht nur als Mäzen, sondern betreibt auch eine eigene Galerie. Ovidiu Şandor, Eigentümer des Temeswarer City Business Centre, hat mehrmals Ausstellungen in den Räumlichkeiten des Geschäftszentrums veranstaltet. Die jüngste fand im Frühjahr statt und befasste sich eben mit der Fragestellung, welchen Stellenwert zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum einnehmen sollte.

Der Deutschsprachige Wirtschaftsclub Banat vergibt zusammen mit der Triade Stiftung seit fast zehn Jahren den Juventus-Förderpreis, der an junge Künstler verliehen wird, die noch am Karriereanfang stehen. Es findet eine zunehmende Verflechtung von Wirtschaft und Kunst statt, das wird besonders durch die wachsende Zahl an privaten, geschäftsorientierten Galerien ersichtlich.

Kunst für alle zugänglich machen

Der junge Galerist Andrei Jecza warf schon vor zwei Jahren mit der Ausstellung „Buy Art, be contemporary“ das Problem auf, wie man neue Besucher und dadurch neue potenzielle Käufer anlocken könnte. Damals wie heute stand für Jecza fest, dass Kunst zum Verbraucher kommen muss. Unkonventionelle Räume wie die Iulius Mall (ein Einkaufszentrum) oder das City Business Centre eignen sich dafür eher als Ausstellungsorte, als die klassische Galerie, die meist von den gleichen Stammkunden besucht wird. Denn man müsse sich zuerst das Publikum heranziehen und das ginge oft nur, indem man die direkte Konfrontation suche.

Eine Taktik, die in westlichen Ländern seit Jahren funktioniert. Nicht selten sorgten kontroverse Künstler für Schlagzeilen, indem sie durch unkonventionelle Aktionen schockierten oder gesellschaftliche Tabus brachen, ohne Rücksicht auf das sensible Gemüt der Betrachter. Da wurde gezielt ein Skandal angestrebt, um so Diskussionen zu entfachen.

Ganz so aggressiv gehen Galeristen wie Andrei Jecza nicht vor. Ihr Heranführen an die Kunst erfolgt eher mit Bedacht, sie wollen Interesse schüren, ohne gleich abzuschrecken. Denn man müsse von ganz unten anfangen. Momentan ist nicht der Konkurrenzdruck das größte Problem, sondern der Mangel an kritischen, kunstliebenden Menschen, die über ein geschultes Auge verfügen.

Umsonst stellt Andrei Jecza bedeutende zeitgenössische Bildhauer oder Maler aus, die international bereits gefeiert werden, wenn sie in Temeswar bisher noch unbekannt sind. Und unbekannt sind auch die Stilrichtungen, die Einflüsse und geschichtlichen Epochenhintergründe. Auch Cristescus „Calina Galerie“ kämpft mit diesen Problemen. Bedient wird eine kleine Gruppe von Eingeweihten, während die breite Masse nicht einmal eine Ahnung von der Existenz der privaten Galerie hat.

Darum bemühen sich junge Galeristen wie Jecza, auch andere soziale Schichten anzusprechen. Dabei spielt oft Geld eine entscheidende Rolle, denn Kunst soll nicht nur betrachtet, sondern auch gekauft werden. Nicht umsonst fand „Buy art, be contemporary“ in der Iulius Mall statt. Da wendete sich Jecza an den Konsummenschen, der das Einkaufszentrum zum Pantheon erhoben hat.

Kunst vom Geschäft trennen

Dan Vuletici und Mihai Şuta wollen Kunst und Geschäft voneinander trennen. Vor zwei Monaten starteten sie das Projekt #FA91A2. Hinter diesem ungewöhnlichen Namen, der eigentlich kein Name ist, verbirgt sich der Hex-Code für die Farbe Lila. Dieser setzt sich aus den Farben Orange und Violett zusammen. Die beiden Farben symbolisieren Kreativität (Orange) und Gemeinschaft (Violett).

Eben diese beiden Werte wollen der gelernte Ökonom Şuta und der freischaffende Künstler Vuletici fördern, ohne Geld damit zu verdienen. Stattdessen wollen sie eine Plattform für Künstler schaffen, die viel zu oft von einer Galerie und einem Kurator abhängig sind. Viel zu viele junge Talente werden laut den Projektleitern übersehen.

Die Prämisse, von der sie ausgehen, unterscheidet sich kaum von der der Galeristen: Sie suchen unkonventionelle Räumlichkeiten und veranstalten dort Kunstausstellungen. Entscheidend für Vuletici und Şuta ist, wie viele Menschen die Räumlichkeiten besuchen. Es sind meist öffentliche Räume, wie die Lobby der Temeswarer Filiale der CEC-Bank oder die Kantine des Großunternehmens TRW. Bisher haben die beiden fünf Ausstellungen an vier unterschiedlichen Orten in Temeswar organisiert.

Durch das Projekt werden inzwischen 17 Lokalkünstler vertreten. Diese stellen nicht nur in den Gruppenausstellungen, sondern auch auf dem Projektblog fa91a2.blogspot.ro ihre Werke aus. Die Gesamtkosten ihrer bisherigen Arbeit betrugen nicht mehr als 30 Euro. Möglich machte das die Unterstützung von Freiwilligen, die sich für das Konzept begeistern ließen. Ihrem Beispiel scheinen inzwischen auch andere zu folgen, wenn auch unwissentlich.

Der Leiter der Klinik für Orthopädie vom Temeswarer Militärspital, Dr. Fabian Tatu, hat mit Unterstützung der Kulturstiftung Rubin eine Kunstausstellung auf einem der Flure der Klinik eingerichtet. Damit habe er nicht nur den Patienten sondern auch sich selbst eine Freude bereiten wollen, denn der Arzt wäre ein leidenschaftlicher Kunstsammler, würde aber nicht über das nötige Geld verfügen, um seiner Leidenschaft nachgehen zu können.

Drei Künstler haben die grauen Spitalwände mit ihren jüngsten Werken geschmückt. Der Kunstkritiker Kelemen Gabriel sprach bei der Eröffnung Mitte November von einer reichen Ausstellung, die drei unterschiedliche Künstler zusammenbringt, welche trotz der stilistischen Unterschiede letztlich das gleiche Thema zu behandeln versuchen. Da verwies er auf die Bilder von Cristi Ferkel, der das Motiv des Erkenntnisbaums aufgreift.

Kelemen ist sicher, dass die Temeswarer moderne Kunst zu schätzen wüssten, wenn man sie darüber aufklären würde. Am Kunstverständnis mangelt es besonders. Dieser Meinung schließt sich nicht nur Andrei Jecza an, sondern auch andere Galeristen und Kunstvertreter. Erst mit diesem Verständnis kommt die Wertschätzung. Darum ziehen inzwischen Galeristen, Vertreter der Mittelschicht, Unternehmer und einzelne Privatpersonen am gleichen Strang, um aus Temeswar eine echte moderne Kunststadt zu machen.

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