Temeswars nonkonformistischer Dichter

FILTM hat den Schriftsteller Petru Ilieşu eingeladen

Dienstag, 20. Oktober 2015

Petru Ilieşu wurde an der Bega geboren. Der Blick auf die Kathedrale und die Krähenschwärme, die sie umkreisen, prägt seine Kindheitserinnerungen. Ilieşu und Temeswar/Timişoara? Das ist eine Geschichte, so alt wie Ilieşu selbst. Auf einer Parkbank an der Bega lernt er für seine Uni-Prüfungen, nachts fährt er in seinem Auto durch Temeswar, Anfang der 1980er fährt er einen Trabant, hört dabei Musik und genießt die Ruhe. Der Schriftsteller und Menschenrechtler, obwohl in seiner Heimatstadt verankert, schaut in seiner Jugend auf den Westen. Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs – ihren Einfluss auf den jungen Dichter liest man heraus. Die ersten Gedichte, in den 1970er Jahren erschienen, sind in der Art der Beat-Autoren geschrieben. Ilieşu, ein geborener Nonkonformist, merkt schnell, dass er keiner Gruppe zugehörig ist. Das merkt auch die rumänische Geheimpolizei Securitate: Die Aktenstapel über Ilieşu, den offenen Regimekritiker, häufen sich. In den 1980er Jahren arbeiten Offiziere und IMs an der inoffiziellen Biografie. Gleich mehrere Abteilungen werden auf ihn angesetzt, um das Arbeitsvolumen decken zu können.

Der Schriftsteller lässt sich davon nicht beeindrucken. Er schreibt fleißig, versucht die Zensur zu umgehen, soweit es möglich ist, und lässt sich den Mund nicht verbieten. Es erscheinen die Bände „Frage nach dem Heimkommen“ (1975), „Pastel H.“ (1978), „Autoporträt eines Foxterriers“ (1980), „Das Zimmer aus Merkur“ (1982). Als die große Stunde für seine Heimatstadt schlägt, steht Ilieşu in der ersten Reihe. Schon in der ersten Hälfte des Jahres 1989 schreibt Ilieşu ein aufwühlendes Gedicht. Den „offenen Brief über meinen Bruder, Herrn Gorbatschow“ übernimmt Radio Freies Europa in den ersten Tagen der Revolution. Der Schriftsteller ist schon 1982 zur Revolte bereit: Er wird erstmals von der Securitate festgenommen, nachdem er regimekritische Manifeste verteilt. Bücher, Manuskripte werden beschlagnahmt, stundenlang wird er verhört. Es folgt eine Hetzkampagne gegen Petru Ilieşu, den Anstifter. Die Securitate möchte ihn isolieren. Während der Revolution ist der Schriftsteller in Bukarest. Am 18. Dezember verurteilt er die Erschießung von Demonstranten in Temeswar, drei Tage später wird er verhaftet. Die Securitate findet ihn in der Wohnung des Dichters Nicolae Prelipceanu. Weil er den „gefährlichsten Anstifter der Revolution“ beherbergt, nehmen sie Prelipceanu auch mit.

Für das Regime ist es der Anfang vom Ende. Petru Ilieşu wird Mitbegründer der Nichtregierungsorganisation „Timişoara ’89“, des Verbands der Hilfsorganisationen in Temeswar, der Bürger-Allianz (Alianţa Civică) in Rumänien, der Kulturgesellschaft „Banatul“ und der Organisation „Generation Pop ’70“. Er setzt seine schriftstellerische Tätigkeit fort, ist genauso fleißig wie vor der Wende, wird von der internationalen Presse interviewt und als eine der markanten Figuren der Revolution geführt. Dann wird es still um Ilie{u, zumindest, was die ihm gebührende Anerkennung betrifft. Jetzt wird Petru Ilieşu zusammen mit anderen literarisch und politisch relevanten Persönlichkeiten Osteuropas auf dem internationalen Literaturfestival FILTM lesen. Den Erfolg eines György Dalos hat der Temeswarer Dichter zwar nicht erlangt, doch was die beiden verbindet, ist ihr Nonkonformismus und der offene Kampf gegen den Kommunismus, stets im Angesicht der Gefahr, ohne sich entmutigen zu lassen, trotz drohender Repressalien. Petru Ilie{u, der Temeswarer, der Dichter, der Anstifter, der Menschenrechtler, liest am Freitag aus seinem 2014 erschienen „Bottle Book. Kapitel II“.  Das internationale Literaturfestival FILTM beginnt heute und findet bis zum 23. Oktober im Barock-Saal des Kunstmuseums Temeswar statt.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*