Texte zur Theologie des Umbruchs aus dem 20. und 21. Jahrhundert

Niederschriften aus der DDR, BRD, Mecklenburg und Siebenbürgen.

Samstag, 13. August 2016

Erst im gesellschaftlichen Umbruch und Aufbruch erweist es sich, ob gegebene Theologie tragfähig für die Gegenwart und Zukunft ist. Um dies zu testen, ist es wichtig auf Theologen des Umbruchs zu hören, die ihre Zeit nicht zeitlos reflektierten. Jens Langer (1939 in Rostock geboren), Pfarrer und habilitierter Hochschuldozent mit Europa-Erfahrung (Generalsekretär der Evangelischen Studierenden-Gemeinden in der DDR von 1974-1978) und Kenntnis regionaler Kultur von Mecklenburg und Siebenbürgen ist einer von ihnen. Er gehört zu einer theologischen Generation der DDR im Übergang, die mit ihren kritischen Gedanken von damals Inspirationen für engagierte Zeitgenossenschaft von heute liefert. Denn Sache der Theologie ist es „das überlieferte Glaubenszeugnis als gegenwärtig zu verantwortendes zu bedenken. Sie sagt nicht ‘So war es’, sondern ‘So ist es’“ (Gerhard Ebeling). Für Langer sind regionale Verwurzelung und weltoffene Perspektive Charakteristika für sein Gesellschaftsbild. So lässt er auch für sich gelten, was Karl Barth über Dietrich Bonhoeffers Theologie sagte: „schwermütige Theologie der norddeutschen Tiefebene“, die frei ist von kirchlicher Enge.

Im vorliegenden Buch dokumentiert der Autor Texte, die er in einem Zeitraum von 1972 – 2011 verfasst hat und vorwiegend in kirchlichen Zeitschriften publiziert oder im MDR gesendet wurden. Sie dokumentieren Geschichte und Theologie als Erfahrungsschatz für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Der Autor strukturiert seine Texte nach fünf inhaltlichen Bereichen (1. Anstöße, 2. Zeitgeschichte in der Theologie, 3. Kommentare, 4. Bild und Wort, 5. Gedächtnis auf Zukunft).
Im ersten Bereich möchte ich als Anstoß hervorheben seine Deutung der Taufe: „Jesus zeigt mit seiner Taufe, dass Glaube Solidarität mit der Welt bedeutet, dass er die Weltlichen liebt. Indem er sich so privilegienlos in die Welt begibt, ist Gott mit ihm“ (S.14). Somit ist die Taufe Initiationszündung für den Prozess in der Nachfolge Jesu für die Getauften von heute. Wäre daraus nicht ein neues Gestalten von Kirche zu schaffen?! - Deshalb sind für Langer das Leitbild von Kirche „die Menschen in unseren Gemeinden, von denen wir so vieles empfangen und die deshalb so vieles von uns erwarten können“ (S. 26).

Im zweiten Bereich (Zeitgeschichte in der Theologie) geht es vorwiegend um eine Gesellschaftsanalyse der ideologischen Säkularisation in der DDR und einer neuen Gestaltwerdung von Kirche, die sich nicht „als ein Gegenüber zur Gesellschaft versteht, sondern die sich als eine Gemeinschaft politikfähiger Subjekte im Geiste Jesu Christi von dem Leitbild einer Kirche für andere bestimmen lässt, die sich in der Lerngemeinschaft mit anderen realisiert“ (S. 102). Denn es gilt für die Kirche im „Umbruch ihrer sozialen Organisation auf Gemeindeebene den Aufbruch zu neuer Sozialisation (zu) begreifen“ (S.73), der sich in den neuen Bewegungen sozialer Gruppen (Friedens-, Umwelt-, Menschenrechtsgruppen) zeigt. Denn auch „eine veränderte Gestalt von Kirche und Gemeinde bringt auch eine andere Theologie hervor. In ihr ist das Volk Gottes nicht mehr Objekt, sondern Subjekt der Theo-logie, des Zeugnisses und des Dienstes“ (S. 80). Insofern sieht Langer den emanzipatorischen Protestantismus als kritische Kraft in der gesellschaftlichen Entwicklung. Damit ist sein Hauptthema angedeutet „Evangelium und Kultur“ oder direkt „Die jüdisch-christliche Tradition – Inkulturation und Gegenkultur“ (S. 139).

Für Langer ist Kultur „die Erinnerung der Gesellschaft, die nicht einfach automatisch vererbt werden kann“ (S. 155), so dass es gilt, das Christliche in Zeiten der Säkularisation aktiv zu erinnern. Das aber kann gerade regionale Kultur (wie in der DDR und in Siebenbürgen) bewirken, denn „Kultur ist nichts anderes als der Stoffwechsel der regionalen Gesellschaften, der globalen Menschheit“ (S. 161)
Dies veranschaulicht Langer am Beispiel „Europa in Siebenbürgen“ (S. 217), personifiziert in Eginald Schlattner, Pfarrer, Dichter und auch Verräter in stalinistischer Gefangenschaft unter Foltermethoden, der jeden Sonntag um zehn Uhr einen Gottesdienst samt Predigt hält vor komplett leeren Bänken, weil er ein Pfarrer ohne Gemeinde ist. Um Gott und sich selbst zu trösten, wie er sagt. Schlattner ist Pfarrer in Rothberg/Rosia/Veresmart, einem Ort, das in jeder Sprache einen anderen Namen hat und an die Pluralität der Ethnien als Kontinuum der Siebenbürger Geschichte erinnert, die man manchmal zu vergessen scheint, besonders durch die massenhaften Deportationen nach Russland ab 1945 und den Modus nach 1989, als die Freiheit nicht genug hergab für das Bleiben der Siebenbürger Sachsen nach 800 Jahren.

Hier verweist Langer auch auf die unbewältigte Vergangenheit der sächsischen Siebenbürger, die die Zukunft blockiert. So sieht sich die Minderheit allein in der Opferrolle, obwohl 60.000 Siebenbürger Sachsen während der NS-Zeit der Waffen-SS angehörten und die „zigine Gemeinschaft“ (Zigeuner) bis heute nur als willige Arbeitskräfte ansieht. Deshalb geht es heute dort dringend „um Grenzüberschreitung in Richtung Menschenwürde aller Beteiligten und Kommunikation unter ihnen im Interesse des Lebens, das mehr ist als Überleben, weil diese Strategie Kultur bewirkt“ (S. 426).
Genau diese Haltung spiegelt sich auch in den Bereichen „Kommentare“, „Bild und Wort“ (Dialog mit Künstlern, Schriftstellern und Marxisten) und „Gedächtnis auf Zukunft“ ab.
Im letzten Bereich würdigt der Autor markante Gestalten, die Zivilcourage zeigten (Claus Howitz, Manfred Müller) und die jüdisch-christliche Tradition beispielhaft in der säkularen Umwelt erinnert haben (Johannes Bobrowski, Heinrich Rathke, Lothar Mannewitz, Hans-Jochen Vogel, Günter Wirth).

Deshalb ermutigt der Autor Kirchen und kritische Zeitgenossen heute in der westlichen Gesellschaft der „Vergeldung“ (Wortschöpfung Langers) die „EKG-Kultur“ (Eigensinn-Konzentration-Gedächtnis) gegen die praktizierte „EEE-Kultur“ (Event-Emotion-Erlebnis) zu setzen.
In diesem Sinn sind die „Niederschriften“ eine Fundgrube für Sinngebung in unserer Zeit, der man eine große Leserschaft wünscht.
Kleine Druckfehler könnten bei einer Neuauflage korrigiert werden: S. 89 muss es „1967“ statt 1957 heißen; S. 106 „DDR“ statt DDK; S. 113 „Mündigkeit“ statt Müdigkeit; S. 293 „an“ statt au.

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