Thai-Massage

Samstag, 19. September 2015

„Es wäre gut, wenn du endlich etwas gegen deine Schlaflosigkeit unternehmen würdest. Du bräuchtest unbedingt eine Thai-Massage. Ich kann dir da eine prima Masseurin im Wellness-Center in der Düsseldorfer Fußgängerzone empfehlen“, sagte meine Frau kürzlich zu mir. Sie war offensichtlich ganz froh, dass ihre Rückenverspannung und ihre lang anhaltenden Kopfschmerzen nach bereits drei Thai-Massage-Sitzungen gänzlich verflogen waren, und bemühte sich, mich von deren Effizienz zu überzeugen. Ich hielt aber leider nicht allzu viel von asiatischen Heilmethoden, zog es auch weiterhin vor, mich von der westlich-weichen Lehne des Ledersessels massieren zu lassen, und man musste noch einige Male auf mich einreden, bis ich einwilligte und mich einer Thai-Massage unterzog.

Die thailändische Masseurin nannte sich On. Sie war klein und zierlich wie eine Puppe, hatte aber die Kraft eines Gorillas und unternahm alles, was in ihrer Macht stand, um mir weh zu tun. Ich lag mit nacktem Oberkörper auf der Bodenmatte, in Rückenlage, und sie drückte brutal mit dem Daumen auf mein Armgelenk. „Aua“, schrie ich auf. „Gut!“, gluckste On zufrieden und verstärkte den Druck. „Das ist Kopf! Sie zu viel denken. Dann nicht slafen.“ Wonach sie fortfuhr, mit dem Ellenbogen an derselben Stelle zu drücken, und als ich den Schmerz nicht mehr ertragen konnte, stieg sie mit dem Knie auf den wunden Punkt. Es war die Hölle! „Sehr gut!“, sagte On freudestrahlend. „Kopf slimm. Sie vieeel denken! Müsssen locker lassen! Wegen Verspannung hier Sie reizbar, slechte Laune, sehr slimm.“

Hoffnungslos sei es jedoch bei Weitem nicht, erklärte mir On am Ende mit Händen und Füßen, aber ich bräuchte bei der nächsten Sitzung unbedingt mindestens zwei Massage-Stunden. Und obwohl mir jede masochistische Neigung fern liegt, ließ ich mich auf diesen Vorschlag ein, und wir vereinbarten einen Termin für den nächsten Dienstag. Was tut man nicht alles, um locker zu werden. Ganz zum Schluss, bei einer Tasse Ingwertee, empfahl mir On dringend, bei meiner Heilung permanent mitzuwirken. Wann immer es nur möglich sei, solle ich den rechten oder linken Arm seitlich in Schulterhöhe möglichst weit strecken und den dabei entstehenden Schmerz mit buddhistischer Gelassenheit ertragen. Nur so könne man eine langfristige Entspannung und einen gesunden Schlaf herbeiführen.

Dann verabschiedeten wir uns, und ich lief zu meinem um die Ecke geparkten Auto. Bemüht um buddhistische Gelassenheit steckte ich das Knöllchen unter dem Scheibenwischer unbeachtet in die Tasche, stieg ein und fuhr nach Eller, zum roten Hauptschulgebäude auf der Bernburger Straße. Dort sollte ich um Punkt 12 Uhr meinen Freund Thomas treffen, denn wir wollten wie jede Woche in der Pizzeria Roma in der Parallelstraße Pizza essen. Ich war aber eine Viertelstunde zu früh da. Das traf sich gut, denn Thomas kam meist eine Viertelstunde zu spät. Da ich nun also noch eine halbe Stunde zur Verfügung hatte, beschloss ich, in der Schrebergartenanlage nebenan eine kleine Runde zu drehen, um der vorbeirollenden stinkig-nervigen Autolawine zu entkommen.

Ich lief die breite Allee zwischen den aneinadergereihten Schrebergärten entlang. es war ein wunderbarer Februar-Tag, die Sonne schien, und die Vögel zwitscherten wie im Frühling. Weit und breit war kein Mensch in Sicht, und ich fühlte mich federleicht und entspannt, wie schon lange nicht mehr. Könnte ja sein, dass diese Thai-Massage tatsächlich wahre Wunder wirkt, schoss es mir durch den Kopf. Und den Anweisungen Ons optimistisch folgend, machte ich Halt, streckte den rechten Arm seitwärts bis zum Anschlag aus und verharrte eine Weile in dieser Haltung. Dann schritt ich bedächtig ausgestreckten Armes langsam voran, immer der Nase nach.

Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Eine Frau stand hinter einer Hecke und starrte mich an. Aber wie sie es tat! Argwöhnisch, auf der Hut, düsteren Blickes. Dazu muss ich sagen, dass ich zwar als deutscher Buchautor und Journalist arbeite, aber ich bin 1,83 m groß, habe breite Schultern, dunkles Haar und sehe eher wie ein bulgarischer Boxer aus. Okay, vielleicht war ich auch einfach nur etwas paranoid, aber als diese Frau entschlossenen Schrittes auf mich zukam, wusste ich schon, was auf mich zukam, und so war es dann auch. „Was tun Sie denn da?“, fragte sie mich aufgeregt. „Immer mit der Ruhe“, gab ich zurück. „Ich weiß ganz genau, was Sie jetzt denken. Sie meinen, ich würde die Gegend ausspionieren, um in ihr Gartenhaus einzubrechen, nicht wahr? Und dadurch beleidigen Sie mich.“ „Aha“, sagte sie. „Und was haben Sie da vermessen?“ „Vermessen?!“ „Ja, mit dem Arm.“ „Sie beleidigen mich! Das war eine Entspannungsübung!“, rief ich empört. „Wissen Sie, was Ihr Problem ist? Sie lesen einfach zu viele Krimis. Und Sie gucken zu oft Aktenzeichen XY“, beendete ich das Gespräch, wonach ich ihr den Rücken zuwandte und ging. „Ich passe hier auf, das ist alles!“, rief mir die Frau hinter der Hecke noch nach, aber ich beachtete sie längst nicht mehr.

Als ich On am nächsten Dienstag von meinen Entspannungsübungen in der Schrebergartenanlage berichtete, kippte sie vor lauter Lachen fast aus den Latschen. „Hihihi“, quietschte sie vergnügt. „In Thailand anders. In Thailand Türen immer offen. In Deutschland Türen immer zu. Deswegen hier einbrechen.“ „Jaja“, sagte ich irritiert, „aber diese Frau hielt mich für einen Einbrecher. Finden Sie das etwa lustig?!“ „Hihihi“, kicherte On wieder, dann stieg sie mit dem Knie auf mein Armgelenk. „Aua!“, schrie ich auf. „Guut! Das ist Kopf“, erklärte On und verstärkte den Druck. „Bei Ihnen slimm. Immer denken. Gar nicht locker. Sie brauchen noch viel, viel Massage.“


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