Theater der befreiten Körper und des befreiten Geistes

Der Film „Pina“ von Wim Wenders mit dem Ensemble des Tanztheaters Pina Bausch für Oscar nominiert

Freitag, 24. Februar 2012

Der deutsche Filmregisseur Wim Wenders, dessen Dokumentarfilm „Buena Vista Social Club“ im Jahre 2000 für den Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ nominiert worden war, hat am 26. Februar bei der 84. Oscar-Verleihung eine doppelte Chance, die begehrte Trophäe der Academy of Motion Picture Arts and Sciences zu gewinnen. Wenders’ im vergangenen Jahr bereits mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneter, in 3D gedrehter, abendfüllender Tanzfilm „Pina“ wurde in diesem Jahr gleich zweimal für einen Oscar nominiert: in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ sowie in der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“.

Vor Wim Wenders konnten in den genannten Kategorien bisher nur vier Deutsche den Academy Award of Merit gewinnen. Der Tierforscher Bernhard Grzimek erhielt 1960 den Dokumentar-Oscar für seinen Film „Serengeti darf nicht sterben“; den Auslands-Oscar für den besten fremdsprachigen Film bekamen bisher lediglich Volker Schlöndorff für „Die Blechtrommel“ (1980), Caroline Link für „Nirgendwo in Afrika“ (2003) und Florian Henckel von Donnersmarck für „Das Leben der Anderen“.

Der Film „Pina“ war ursprünglich als Gemeinschaftsprojekt geplant: Der Regisseur, Fotograf und Professor Wim Wenders wollte zusammen mit der deutschen Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin und Ballettdirektorin Pina Bausch die Kunst des nach ihr benannten Tanztheaters auf die Leinwand bringen. Als Pina Bausch jedoch im Jahre 2009, in der Phase der konkreten Vorbereitungsphase der Filmproduktion, überraschend starb, schien auch für Wim Wenders die Arbeit an dieser Dokumentation definitiv beendet: Ein Film über Pina ohne Pina an seiner Seite war für ihn undenkbar. Aufgrund des überwältigenden Zuspruchs, nicht zuletzt seitens der Familie der bedeutendsten Choreografin der Gegenwart, entschied sich Wim Wenders dann dennoch dafür, das mit Pina Bausch begonnene Projekt alleine zu vollenden: Daraus wurde schließlich der im Februar 2011 bei der Berlinale uraufgeführte, 100 Minuten lange „Film für Pina Bausch von Wim Wenders“.

Der Begriff „Dokumentarfilm“ scheint kaum eine angemessene Bezeichnung für dieses mitreißende, vor Ideen sprühende, sich an die Tanzkunst verschenkende cineastische Werk, das weniger die Person Pina Bausch in den Vordergrund stellt, sondern vielmehr das von ihr geformte, von ihren Choreografien durchdrungene, durch ihr Theater lebendige Ensemble, das ihren Namen trägt. So bilden die Mitglieder dieses Ensembles gleich zu Beginn des Films, unter Anleitung seiner mit einem Akkordeon behängten Gründerin, eine tanzende Menschenschlange, die sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Film zieht. Diese pantomimische Prozession bewegt sich tanzend aus dem Wuppertaler Theater hinaus in die Stadt, in öffentliche Räume, in Industrieanlagen und in die freie Natur und symbolisiert damit die Lebensnähe des Tanzstils von Pina Bausch, der zwar Elemente des klassischen Balletts aufnimmt, diese aber mit Elementen des Ausdruckstanzes, der Pantomime und des Modern Dance verbindet.

Durch die Wahl der Schauplätze gewinnen die verschiedenen Tanzeinlagen einzelner Ensemblemitglieder, abgesehen von ihrer künstlerischen Grandiosität, zusätzliche hyperwirkliche, ja surrealistische Qualitäten. Wenn beispielsweise ein Tänzer auf einer langen Rolltreppe seine langen Arme wie die Schwingen eines Albatros ausspannt, wenn eine Tänzerin zu den Klängen von Tschaikowskys „Pathétique“ in einer Zeche tanzt, wenn eine andere Tänzerin in einem Bachbett um die Liebe eines Nilpferds wirbt, wenn eine weitere Tänzerin an einer belebten Straßenkreuzung unter einer Hochstraße ihre ausdrucksstarken Bewegungen vollführt, wenn ein Ensemblepaar in einem Stadtpark seinen Pas de deux darbietet, dann gewinnt die Kunst durch das sie umgebende Leben eine noch größere Tiefe und Menschlichkeit.

Gerade diese Menschlichkeit, diese Hingabe ans Humane, diese Suche nach authentischen Gefühlen, dieses Ringen um Ausdruck in scheinbar nebensächlichen Gesten und Bewegungen zeichnet das Tanztheater Pina Bauschs aus, das in seiner Anfangszeit oft angefeindet wurde, bevor es sich schließlich zum Exportschlager der deutschen auswärtigen Kulturpolitik entwickelte.

Die Internationalität dieses Tanztheaters und seiner künstlerischen Sprache kommt nicht zuletzt in der Internationalität seiner Akteure zum Ausdruck. Jedes Mitglied der Tanzkompanie blickt in Wenders’ Film einmal für kurze Zeit in die Kamera, während ein von jedem Ensemblemitglied in seiner Muttersprache gesprochener Text (mit Untertiteln) erklingt. Alle Äußerungen, auf Russisch, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Englisch, Deutsch und in welcher Sprache auch immer, beziehen sich auf den Menschen und die Künstlerin Pina Bausch, auf ihre beeindruckende Persönlichkeit, ihre künstlerische Größe und auf das ganz Besondere, das sie jedem Einzelnen unter den Ensemblemitgliedern mit auf den Lebensweg geben konnte.

Im Zentrum des Films stehen vier Ausschnitte aus berühmten Choreografien von Pina Bausch: das auf nassem Torf mitreißend dargebotene Strawinsky-Ballett „Le sacre du printemps“ mit dem genialen Leitmotiv des roten Kleides; das nach einem Ort ihrer Kindheit benannte Stück „Café Müller“ mit der wunderbaren Szene von der blinden Frau und ihrem Partner; das generationenübergreifende Stück „Kontakthof“, das Erfahrungen in einer Tanzschule, sei es bei Jugendlichen, sei es bei älteren Herrschaften, tänzerisch reflektiert; und das Stück „Vollmond“, bei dem Tänzer im knöcheltiefen Wasser das sprühende Nass in ihre ausladenden Bewegungen integrieren.

Nicht nur bei den choreografischen Ideen, bei den dargestellten Gefühlen, bei den tänzerischen Bewegungen, sondern auch und vor allem bei der Musik zeigt sich ein großer Reichtum und eine weite Spannbreite in Pina Bauschs Repertoire: Klassische Ballettmusik und Barockarien stehen neben Tango, Rock ’n’ Roll und alten Schlagern wie zum Beispiel „Frühling und Sonnenschein“ oder „Einmal ach das einmal ist keinmal“. Auch das Lied „Lume, lume“ der rumänischen Sängerin Maria Tănase erklingt in einer kurzen Tanzeinlage.

In den wenigen Szenen des Films, in denen Pina Bausch selbst gezeigt wird, als engagierte Regisseurin, als aufmerksame Beobachterin, als kluge Gesprächspartnerin und als überragende Tanzkünstlerin, wird der schmerzhafte Verlust doppelt fühlbar, den der Tod dieser großen Frau für ihr Publikum mit sich gebracht hat. Wim Wenders’ Dokumentarfilm kann dabei auch als Nachruf gesehen werden, der diesen Schmerz in visuelle Lust und Anteil nehmende Freude verwandelt. Dem Film und seinem Regisseur wäre ein Erfolg bei der Verleihung der Academy Awards am 26. Februar zu wünschen, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Auswirkungen für die Cineasten in Rumänien, denn dann käme „Pina“ gewiss wieder in die hiesigen Kinos.

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