„Theater hat sehr viel mit Wahrheit und mit Empfindlichkeit zu tun“

ADZ-Gespräch mit Isa Berger, Schauspielerin am Deutschen Staatstheater Temeswar

Mittwoch, 29. März 2017

Die DSTT-Schauspielerin Isa Berger wird mit dem Stefan-Jäger-Preis 2016 ausgezeichnet.
Foto: privat

Isa Berger als Mutter-Wolf in der jüngsten DSTT-Premiere, „Das Dschungelbuch“ nach Rudyard Kipling
Foto: Ovidiu Zimcea

Die Schauspielerin am Deutschen Staatstheater Temeswar (DSTT), Isa Berger (28), wird in diesem Jahr mit dem Stefan-Jäger-Preis 2016 geehrt. Isa Berger, mit richtigem Namen Isabella-Beatrix Voneafca, stammt ursprünglich aus der Donau-Stadt Orschowa im Kreis Mehedinţi. Sie besuchte das deutsche Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar und studierte Politikwissenschaften an der West-Universität Temeswar. Doch ihren Traum, Schauspielerin zu werden, gab sie nie auf. Folglich beschloss sie, eine zweite Fakultät zu besuchen, nämlich die für Schauspielkunst in deutscher Sprache. Die talentierte junge Frau gehört seit 2013 dem DSTT-Ensemble an. Ein Gespräch mit der Preisträgerin der Temeswarer deutschen Kulturstiftung, Isa Berger, führte die ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu.

Du bekommst in diesem Jahr den Stefan-Jäger-Preis. Was bedeutet diese Auszeichnung für Dich?

Ich fühle mich sehr geehrt, diesen Preis zu bekommen, und ich muss sagen, dass es mein erster Preis ist, seitdem ich Schauspielerin bin. Er stellt gleichzeitig eine Art Motivation für mich dar, weiterzumachen.

Der Preis ist eine Anerkennung Deines schauspielerischen Talents. Seit wann hast Du gewusst, dass Du Schauspielerin werden willst?

Ich muss zugeben: Die ganze „Schuld“ an meiner schauspielerischen Karriere trägt die Schauspielerin, meine Kollegin und manchmal sogar meine Ersatz-Mama Isolde Cobeţ. Ich war in der zehnten Klasse an der Nikolaus-Lenau-Schule, als ich zur NiL-Theatergruppe ging. Dann bekam ich ein paar Improvisationen von Isolde und nach der ersten Rolle, die ich damals interpretierte – Maša, in einer Collage nach Tschechow – wusste ich, dass ich Schauspielerin werden möchte.

Du hast aber nicht Schauspielkunst studiert, sondern zuerst eine andere Fakultät abgeschlossen. Wieso?

Ich habe Politikwissenschaften studiert, weil meine Eltern mit meinem schauspielerischen Wunsch nicht einverstanden waren. Ich habe mich also entschlossen, wie mein Vater das damals gesagt hatte, zuerst eine „normale Hochschule“ abzuschließen und danach meinen Traum weiter zu verfolgen. So habe ich zuerst Politikwissenschaften in deutscher Sprache und erst danach Schauspielkunst studiert.

Du hast Deinen großen Traum verwirklicht und bist Schauspielerin geworden. In welche Rollen schlüpfst Du gern?

Eine meiner Lieblingsrollen am Deutschen Staatstheater Temeswar ist die Rolle von Elektra in der gleichnamigen Inszenierung von László Bocsárdi. Nicht nur weil das meine erste Hauptrolle war, sondern weil die Arbeit an diesem Stück sehr schön und anspruchsvoll für mich als Schauspielerin war. Ich mag die Rolle von Brooke Ashton (Vicky) im „Nackten Wahnsinn“ sehr, weil das mein erster Auftritt in einer Komödie war. Ich liebe auch meine jetzige Rolle als Mutter-Wolf im „Dschungelbuch“, weil das meine erste schauspielerische Erfahrung im Rahmen eines Musicals war. Ich glaube, wir müssen alle unsere Rollen lieben, damit wir sie mit Leidenschaft darstellen können.

Du spielst Theater in deutscher Sprache. Wie kommt es überhaupt, dass Du Deutsch sprichst?

Dafür muss ich meinen Großeltern danken, weil sie mich mit der deutschen Sprache großgezogen haben. Ich erinnere mich gern an meine „Omama“ väterlicherseits, deren Namen ich auch trage, Berger. Als ich klein war und etwas auf Rumänisch sagte, so machte sie immer so, als ob sie mich nicht hören würde, sie reagierte überhaupt nicht, sondern nur, wenn ich deutsch sprach. Ich bin auch meinen Eltern dankbar, weil sie mich bei meinen deutschsprachigen Projekten unterstützt haben. Ich bin überzeugt, dass es nicht leicht für sie gewesen ist, als ich mit 13 Jahren von zu Hause weggegangen bin, um das Nikolaus-Lenau-Lyzeum in Temeswar zu besuchen.

Was sagen Deine Eltern heute, wenn sie Dich auf der Bühne sehen?

Heute sind sie sehr stolz. Im vergangenen Jahr hat mir mein Vater eine riesige Überraschung gemacht. Er kam zum ersten Mal, um mich in „Elektra“ zu sehen, und ich wusste gar nicht, dass er kommen würde. Am Ende, beim Applaus, kam er mit einem Blumenstrauß zu mir auf die Bühne. Mir kommen auch jetzt noch die Tränen, wenn ich mich an diesen Moment erinnere. Ich glaube, dass meine Eltern stolz auf mich sind – ich wünsche mir, dass sie es sind.

Wie viel Prozent ist Arbeit und wie viel Talent im Schauspielberuf?

Das ist sehr schwer zu sagen. Ich würde sagen, 90 Prozent ist Arbeit und 10 Prozent ist Talent. Es gibt natürlich auch Schauspieler, die sehr talentiert sind und wenig arbeiten, aber meistens erreichen große Erfolge jene Schauspieler, die sehr viel arbeiten. Man muss auch sehr viel Herzblut und Leidenschaft mitbringen, sonst könnte man diesen Beruf überhaupt nicht ausüben. Freizeit hat man so gut wie keine. Das Theater ist halt unser Leben, unsere große Familie. Deshalb habe ich mich vor vier Jahren für das DSTT entschieden. Ich wollte unbedingt hier bleiben, weil ich mich hier wie in einer großen Familie fühle. Dafür danke ich dem Ensemble und unserem Intendanten, Lucian Vărşăndan, weil er uns in all dem, was wir tun, unterstützt.

Du warst während deiner Schulzeit Mitglied in der NiL-Theatergruppe. Heute leitest Du zusammen mit Isolde Cobe] diese Gruppe. Warum empfindest Du es als wichtig, etwas von dem, was Du gelernt hast, an die Schülerinnen und Schüler weiterzugeben?

Ich empfinde es als sehr wichtig, die Jugendlichen im Sinne des Theaters zu fördern. So war es damals auch bei mir: Wenn ich der NiL-Gruppe nicht beigetreten wäre, wäre ich gar nicht Schauspielerin geworden. Mich hat die NiL-Theatergruppe als Mensch geformt, sie hat mir Freunde gebracht und die Motivation, dem Beruf einer Schauspielerin nachzugehen. Diese Chance möchte ich den Jugendlichen weitergeben. Es ist sehr schön, die eigenen Kenntnisse weiterzugeben. In diesem Sinne mache ich diese Arbeit. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen bringt mir viel gute Energie. Die Freude der Kinder bringt uns selber Freude und ich finde, es ist wichtig, die Jugendlichen zu motivieren und ihnen neue Wege zu öffnen.

In welchen Inszenierungen kann Dich das Publikum zurzeit erleben?

Mich kann man am Deutschen Staatstheater sehen: im „Dschungelbuch“, im „Nackten Wahnsinn“, in „Elektra“ und in der „Fuchsiade“. Man kann mich auch am Nationaltheater, in „Frühlings Erwachen“ sehen. Neulich ist auch ein Film herausgebracht worden, in dem ich eine kleine Rolle spiele: „Die Reise mit Vater“ in der Regie von Anca Miruna L²z²rescu. Ich warte gespannt auf neue Projekte.

Inwiefern wäre der Filmbereich eine Herausforderung für dich?

Ich bin ganz offen auch diesem Bereich gegenüber. Aber meine große Leidenschaft bleibt die Arbeit auf der Bühne.

Was empfindest du, wenn Du auf der Bühne stehst? Wie aufgeregt bist Du überhaupt?

Ich glaube, die Erfahrung spielt dabei keine Rolle. Lampenfieber, aber auch die schöne Angst, dem Publikum gegenüberzustehen, empfinde ich immer. Das hängt nicht von der Größe der Rolle ab, ob es eine Hauptrolle ist oder nicht, es hängt auch nicht davon ab, ob Freunde oder die Familie im Publikum sitzen. Es sind Gefühle, die man nur hier, auf der Bühne, erleben kann. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, Theater zu machen und Schauspielerin zu werden, weil ich diese Gefühle nirgendwo anders erleben könnte.

Was für Eigenschaften muss man denn besitzen, um eine gute Schauspielerin zu sein?

Man muss sehr stark sein, aber gleichzeitig auch sehr empfindlich. Es ist nicht so einfach, sich gegenüber den Leuten zu öffnen und die Wahrheit rüberzubringen. Deshalb muss man diese Stärke aufbringen, um sich den Leuten zu zeigen, wie man innerlich ist. Aus meiner Sicht hat Theater sehr viel mit Wahrheit und mit Empfindlichkeit zu tun.

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