„Theater ist eine Art Vorstellung für eine Minderheit geworden“

Interview mit dem Regisseur Eugenio Barba, dem Gründer des „Odin Teatret“

Mittwoch, 01. November 2017

Eugenio Barba ist einer der Großen der Theaterwelt.
Foto: Zoltán Pázmány

Noch klingen in den Ohren der Theaterbesucher die Töne des diesjährigen Eurothalia-Festivals. Überrascht hat es auch diesmal mit Aufführungen von Kaliber, mit den Schauspielern, die aufgetreten sind und mit den Themen, die das Publikum weder unberührt noch kalt lassen konnten. Heuer war das Sahnehäubchen auf dem Festival-Kuchen der Regisseur Eugenio Barba. Der aus Italien stammende, in Dänemark schaffende Regisseur ist der Gründer des „OdinTeatret“ in Holstebro und der Autor zahlreicher Schriften zur Theateranthropologie. Eugenio Barba und sein Theaterensemble sind weit über die Grenzen Dänemarks hinaus bekannt. Für seine Leistungen wurde der Regisseur von mehreren Universitäten weltweit mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet, darunter auch von der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg. In diesem Jahr wurde Eugenio Barba zum Eurothalia-Festival im Rahmen des X-Tensions-Projektes eingeladen. Damit hat der Verein „Temeswar – Kulturhauptstadt 2021“ mehreren Kulturinstitutionen der Stadt, so auch dem Deutschen Staatstheater Temeswar, dem Initiator und Organisator von „Eurothalia“ angeboten, bereits bestehende erfolgreiche Projekte wie Festivals oder andere Events eine weitere Dimension hinzuzufügen oder den schon bestehenden Erfolg noch glänzender werden zu lassen. Das Interview mit dem Regisseur führte die Redakteurin Ștefana Ciortea-Neamțiu.

 Sie haben Workshops für Künstler hier in Temeswar gehalten, welchen Eindruck haben diese gemacht?

Es waren nicht nur Studenten sondern auch Berufsschauspieler dabei, aus Temeswar, Jassz und Klausenburg, vor allem junge Menschen, die Workshops oder Masterclasses dauerten fast einen ganzen Tag und verlangten viel Aufmerksamkeit und Zuneigung ab. Für mich war das sehr, sehr erfreulich.

Wie fanden Sie das hiesige Publikum?

Ich bin schon ein paar Mal in Rumänien gewesen und muss sagen, dass ich jedes Mal von der Wärme der Zuschauer gerührt gewesen bin. Wohin ich auch fahre, sehe ich, dass es eine sehr starke Beziehung gibt zu den Künstlern, wie das Publikum applaudiert, aufsteht, das bedeutet sehr viel im Theater. Es ist ein ganz anderes Gefühl, ein ganz anderer Eindruck als in Dänemark oder Frankreich.

Was denken Sie über die Rolle des Theaters heute, in der Gesellschaft?

Theater ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr die einzige Art von Vorstellung, die Vorstellung unserer Tage ist das Kino, der Film. Wir haben auch andere Arten von Vorstellungen, der Sport, der Fußball, die Olympiaden. Theater ist eine Art Vorstellung für eine Minderheit geworden. Das Charakteristiukm dieser Vorstellung für eine Minderheit ist der, dass sie lebendig ist. Wie es in Zukunft sein wird, weiß ich nicht. Es kostet viel Geld, eine Vorstellung vorzubereiten, die nur von einer kleinen Anzahl von Leuten gesehen wird. Dahingegen wird ein Film oder eine Telenovela von Millionen von Menschen gesehen werden. Aber das war auch die Situation in den 1920er Jahren, damals hat man geglaubt dass das Theater untergehen wird, im Wettkampf mit dem Kino, dem Film, aber das Gegenteil ist eingetreten, es ist seine faszinierendste Periode angetreten, die experimentelle, das Theater ist sehr kreativ geworden, auch politisch, auch geistig, es war faszinierend auch für das Publikum.

Was bedeutet Kreativität im Theater heute?

Heute gibt es nicht nur eine Vielfalt an Theaterformen, sondern auch an Publika sowie an Zielen, an Objektiven. Es gibt Gemeinschaftstheater, experimentelles Theater, Theater, das nur unterhalten will usw. So gibt es keine homogene Theaterkultur mehr, wie das vor 100 Jahren oder mehr war.

Wir haben schon über das Schwinden des Publikums gesprochen, was tun Sie, um das Publikum zu erhalten, um die Bindung, die Beziehung zum Publikum zu erhalten?

Schon von Anfang an war „Odin Teatret“ ein Amateurtheater gewesen und hatte sehr wenige Besucher gehabt. Wir haben den Rahmen erhalten. Wir haben einen kleinen Saal, und haben zwischen 50 und 100 Besuchern, nicht mehr, wir haben auch Aufführungen für mehr Publikum, aber die meisten unserer Auftritte sind sehr intim. Nach 53 Jahren sind wir imstande, überall wo wir hinfahren einen kleinen Kern an Zuschauern zu haben; überall wo wir auftreten, kennt man uns. Das ist unsere Art und Weise Theater zu machen.

Eines der Stücke, mit dem „Odin Teatret“ hier aufgetreten ist, „Salt“, war bereits vor fünfzehn Jahren in Szene gesetzt worden und wurde schon sehr oft gespielt. Wie kommt es, dass es so langlebig ist?

Einige der Schauspieler, die zum Ensemble gehören, sind schon seit den Anfängen mit mir, einige haben vor 50 oder 40 Jahren angefangen und sind auch die ganze Zeit schon dabei gewesen. Einige der Vorstellungen sind aus der Vergangenheit, die Schauspieler sind da, so spielen wir dieselben Stücke.

Ändern Sie etwas daran?

Sicherlich ändert sich etwas, denn die Schauspieler sind älter geworden, aber die Struktur der Vorstellungen bleibt dieselbe. Die älteste Vorstellung ist „Itsi Bitsi“ und wurde bereits vor 25 Jahren in Szene gesetzt. Das ist ein Kennzeichen unseres Theaters. Ein anderes Kennzeichen: Wir haben auch keine gemeinsame Sprache, die Schauspeier kommen aus ganz verschiedenen Ländern, aus Kanada, Dänemark, Großbritannien, Norwegen oder Südamerika, so dass wir Vorstellungen kreieren, wo die Schauspieler nicht eine gemeinsame Sprache sprechen, deshalb ist der visuelle Aspekt sehr wichtig und die Musik und der Einsatz der Stimme, um den musikalischen Effekt zu erreichen

Was würden Sie einem jungen Regisseur als Ratschlag mitgeben?

Der einzige Ratschlag oder die einzige Reflexion, die ich ihm mitgeben würde, ist, dass ich nicht glaube, dass Politiker davon überzeugt sind, dass Theater notwendig ist, auch wenn sie es behaupten. Sie unterstützen das Theater nicht so, wie sie es machen müssten. Deshalb, wenn man als junger Mensch aussucht, Theater zu machen, muss man sich bewusst sein, dass man nicht notwendig ist, dass man sich einen Beruf ausgesucht hat, der als nicht notwendig angesehen wird. Ja, manchmal sagt man, er macht etwas Wichtiges, aber deshalb braucht man viel persönliche Motivation, und man darf sich nicht geschlagen geben und sich darüber beklagen.

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