THEATERKRITIK: Flucht aus der Normalität

Zu Iris Spiridons „Und mit Baby sind wir sieben“

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Familie der anderen Art: Ruth (Olga Török), Peter (Horia Săvescu) und Anna (Silvia Török) erwarten zusammen ein Kind.
Foto: Ovidiu Zimcea

Ruth, Anna und Peter leben zusammen und erwarten ein Kind. Und sie sind schwul. Zündstoff für die amerikanische Gesellschaft des Jahres 1984. Doch obwohl die Akzeptanz der LGBT-Gemeinschaft noch immer wackelt, ist Paula Vogels „Und mit Baby sind wir sieben” nicht mehr der Skandal, der Menschen in helle Empörung versetzt. Aber das ist Amerika. Zwischen der Ersaufführung und dem „Revival” von Vogels Tragikomödie vor zwei Jahren liegen Jahre der Aufklärungsarbeit. Und trotzdem ist vieles heute nicht so „utopisch”, wie es sich Vogel damals mit ihrem Stück ausmalte.

Vogels unkonventionelle Familie hätte es auch heute nicht leicht. Und das „coming out of the closet”, also das „Sich Outen“, ist noch immer für viele Homosexuelle ein Problem. Auch in Amerika und besonders in Rumänien. Gerade darum gefällt Vogels verrückte Rollenspielerei: Ruth (Olga Török), Anna (Silvia Török) und Peter (Horia Săvescu) leben zusammen mit drei imaginären Kindern: Cecil, Henri und Orphan. Die zwei Frauen schlüpfen immer wieder in die Rolle der drei Jungs und sprechen dann durch sie ganz offen Tabuthemen an. Sie verkörpern das, was man an Kindern beneidet: Sie sind frei, das auszusprechen, was die Gesellschaft zum Beispiel einem verbietet. Gerade darum fällt es den zwei Frauen schwer, auf Drängen Peters hin, die imaginären Kinder aufzugeben, eben weil ein echtes Kind auf dem Weg ist.

Die Frauen entscheiden sich für Mord und die daraus resultierten Szenarien sind sowohl witzig, als auch traurig. Denn eigentlich möchten sie das Kind in sich nicht aufgeben und sich konformieren. Viel von diesem Konflikt tragen besonders die beiden Török-Schwestern, die immer wieder in die verschiedenen Rollen schlüpfen müssen. Es gibt kaum Verschnaufpausen: Die zwei Schauspielerinnen verhalten sich, wie getriebene. Darum wird es auch für den Zuschauer selten langweilig. Sie schlüpfen ständig in die Rollen der drei imaginären Kinder, versuchen dazwischen, sich in die bevorstehende Elternrolle einzufinden. Die Fragen werden niemals offen geworfen, man möchte es hinauszögern, das Erwachsenwerden, mehr noch, auch die Rolleneinfindung.

Die klassische Familienstruktur passt hier einfach nicht. Dafür weichen die drei zu sehr von den Definitionen ab. Peter, der Samenspender und somit leibliche Vater, hat nichts von einer Vaterfigur. Ruth und Anna sind eigentlich zusammen und teilen sich somit die Mutterrolle, aber auch nicht in einer konventionellen Art. Somit ist es nur verständlich, dass durch die Fantasiespielchen und die fiktiven Jungs, die ihren Alltag in Schwung bringen, sie einen Ausweg aus der Einrasterung in das gesellschaftlich Normale suchen.

Olga Török, Silivia Török und Horia Săvescu schaffen es, eben dieses Dilemma einzufangen. Zwischen dem konstanten Gekichere, den plötzlichen Wutausbrüchen, den stillen Verschnaufpausen, den dramatischen Film-Noir-Mordszenarien. Das „coming out of the closet” wird hier auch durch das gelungene Bühnenbild von Ioana Popescu zur Tatsächlichkeit. Hinter einem Lakenzelt können Ruth, Anna und auch Peter die sein, die sie in Wahrheit sind. Darum ist auch dort für Henri, Cecil und Orphan Platz.

Die existenzielle Krise, die Vogels Figuren durchleben, wird am Ende mehr oder weniger gelöst. Statt das Kind zu töten, entscheiden sie sich im Einvernehmen für eine Neugeburt. Und die Botschaft dringt durch: Es ist OK, anders zu sein. Denn was ist schon normal, und letztendlich, wer entscheidet, was normal ist? Und normal kann auch so furchtbar langweilig sein.

Eine Message, die vielleicht für Amerika altbacken klingt, für Rumänien aber willkommen  und notwendig ist. Und gerade dafür müsste man Iris Spiridons Inszenierung von Paula Vogels „Und mit Baby sind wir sieben” am meisten schätzen: Den Mut und die Offenheit, die Geschichte von Ruth, Anna und Peter im Rumänien des Jahres 2016 zu erzählen. Denn es wäre an der Zeit, dass auch wir das Thema „LGBT“ offen ansprechen.


 

 

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