Themenschwerpunkt „Rumäniendeutsche Literatur“

Neuester Band der „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“ erschienen

Donnerstag, 08. Januar 2015

Kurz vor Jahresende erschien im Temeswarer Mirton Verlag und gedruckt mit Förderung des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar/Timişoara der mittlerweile bereits elfte Band der von Prof. Dr. Roxana Nubert seit 1997 herausgegebenen „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“. In diesem neuesten Band sind insgesamt sechzehn wissenschaftliche Beiträge von Germanistinnen und Germanisten aus Rumänien, Deutschland, Tschechien, Bulgarien und Russland versammelt.

Der Band enthält außerdem vier Rezensionen von Germanisten und Germanistinnen aus Passau, Temeswar und Klausenburg/Cluj-Napoca zu Neuerscheinungen auf den wissenschaftlichen Forschungsgebieten der rumäniendeutschen Literatur (Literatur und Kultur des Banats; Herta Müllers literarisches Werk), der neueren deutschen Literaturgeschichte (Ideen und Ideale von Künstlern und Dichtern vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs) und der Übersetzungswissenschaft (Einführung in die Übersetzungskultur).

Ein Verzeichnis der Adressen der beitragenden Autorinnen und Autoren, ein Dank an die externen Gutachterinnen und Gutachter sowie Hinweise für Germanistinnen und Germanisten, die Manuskripte für künftige Bände der „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“ einreichen wollen, schließen diesen voluminösen Zeitschriftenband ab, der beim Germanistik-Lehrstuhl der West-Universität Temeswar erworben werden kann.

Der Themenschwerpunkt des Bandes 11 des besagten Periodikums liegt auf der rumäniendeutschen Literatur, mit der sich die Hälfte der darin versammelten Aufsätze literarhistorisch und literaturwissenschaftlich befasst. Mit der „Aktionsgruppe Banat“, einem zwischen 1972 bis 1975 aktiven literarischen Zirkel von Schülern und Studenten, beschäftigt sich in einem persönlichen Rückblick Anton Sterbling (Rothenburg), der neben Rolf Bossert, Johann Lippet, William Totok, Richard Wagner und anderen Mitglied dieses avantgardistischen Literaturkreises war. Ein zweiter Aufsatz zu diesem Thema von Cosmin Dragoste (Craiova) beleuchtet die sprachkritischen und sprachskeptischen Ideen der „Aktionsgruppe Banat“ im Vergleich mit den Sprachexperimenten der „Wiener Gruppe“, die sich in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts um den österreichischen Lyriker Hans Carl Artmann formierte.

Das Werk des 1952 im Banat geborenen Schriftstellers Richard Wagner wird in zwei Aufsätzen näher untersucht. Graziella Predoiu (Temeswar) analysiert Wagners 2011 erschienenen Roman „Belüge mich“, der die rumänische Gegenwart mit der Geschichte Bukarests in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts verquickt. Und Regina Muszilek (Temeswar) vergleicht Richard Wagners 2004 erschienenen Roman „Habseligkeiten“ mit Johann Lippets Heimatromanen unter dem Aspekt der Erinnerungskultur.

Herta Müllers Roman „Herztier“ aus dem Jahre 1994 ist Gegenstand zweier weiterer Aufsätze des neuesten Bandes der „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“. Angela Ellinger (München) befasst sich mit der interessanten Frage, „inwiefern die rumänische Sprache den individuellen Stil der rumäniendeutschen Schriftstellerin Herta Müller beeinflusst“ (S. 201), und die beiden Temeswarer Germanistinnen Roxana Nubert und Ana-Maria Dascălu-Romişan untersuchen das Verhältnis von Sprache und Diktatur im politischen Roman „Herztier“, „in dem die Macht- und Gewaltstrukturen in der Regierungszeit Nicolae Ceauşescus im Mittelpunkt stehen“ (S. 221).

Gabriela Şandor (Temeswar) analysiert Tatarenfiguren in der rumäniendeutschen Literatur, insbesondere in Oskar Walter Ciseks „Der Strom ohne Ende“, Adolf Meschendörfers „Der Büffelbrunnen“, Andreas Birkners „Die Tatarenpredigt“ und Erwin Wittstocks „Die große Verheißung“. Der letztgenannte Autor ist auch Gegenstand des letzten Aufsatzes zum Themenschwerpunkt dieses Bandes: Analysiert wird darin Erwin Wittstocks Roman „Januar ’45 oder Die höhere Pflicht“, der ein Thema – die Deportation der Siebenbürger Sachsen in die Sowjetunion – behandelt, das in Rumänien lange tabuisiert wurde, weswegen der Roman auch erst nach der Wende publiziert werden konnte.

Zwei Aufsätze zu Paul Celan eröffnen den Reigen derjenigen Beiträge, die nicht einem bestimmten Themenschwerpunkt zuzuordnen sind. Radek Malý aus Olmütz/Olomouc untersucht den tschechischen Kontext Paul Celans, dem biografische Bezüge aus dem Leben von dessen Eltern, literarische Bezüge zu Franz Kafka oder Franz Wurm, historische Bezüge zur Stadt Prag und translatorische Bezüge, vor allem im Hinblick auf das Werk des tschechischen Übersetzers Ludvík Kundera, zuzurechnen sind. Und Andrea Bánffi-Benedek (Großwardein/Oradea) spürt anhand einer Analyse der Celan-Gedichte „Espenbaum“ und „Selbdritt, Selbviert“ deren Verwurzelung in der rumänischen volkstümlichen Gattung der „Doina“ nach.

Die Aufsätze von Beate Petra Kory (Temeswar) über Ingeborg Bachmanns Romanfragment „Der Fall Franza“ und von Gennady Vassiliev (Nischni Nowgorod) über Joseph Roths Roman „Hiob“ aus dem Jahr 1930, dessen erster Teil in Russland spielt, beschließen den Reigen der literaturwissenschaftlichen Beiträge, an den sich verschiedene Aufsätze aus anderen germanistischen Teildisziplinen anschließen. Sabine Anselm (München) nimmt die Aufgaben des Deutschunterrichts im Rahmen der schulischen Werteerziehung in den Blick, Detelina Metz und Georg Schuppener (Sofia/Trnava) beschäftigen sich mit aktuellen Trends bei Werbeslogans und Kinga Gáll (Temeswar) untersucht Entlehnungen aus dem Französischen im Wortschatz der „Temesvarer Zeitung“ aus den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts sowie aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Ein filmwissenschaftlicher Beitrag von Ioana Crăciun (Bukarest) beleuchtet abschließend die Differenzen zwischen Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm „Tagebuch einer Verlorenen“ (1929) und seiner literarischen Vorlage, dem gleichnamigen Roman von Margarete Böhme aus dem Jahr 1905.

„Temeswarer Beiträge zur Germanistik“, Bd. 11/2014, hg. von Roxana Nubert, Temeswar: Mirton 2014, 329 S., ISSN: 1453-7621. Der elfte Band sowie die übrigen Bände der Zeitschrift können beim Germanistik-Lehrstuhl der West-Universität Temeswar bestellt werden (E-Mail: roxana.nubert@e-uvt.ro).

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