Tierskulpturen aus Holz als „Fußabdrücke“ einer Rumänienreise

Wolfgang Mahlows Bär für „Villa Hermani“ am Fuße des Königsteins

Dienstag, 17. Juli 2012

Um am Oberteil des Bären zu arbeiten, muss Bildhauer Mahlow auf ein improvisiertes Gerüst steigen.

Der Ford-Transit – Mahlows Zuhause während der Reisen
Fotos: Ralf Sudrigian

Es ist heiß an diesem Juli-Samstag, selbst bei rund 1000 Meter Höhe, am Fuße des Königsteins, im Bergdorf Măgura. Im Wald oder hoch oben am Kamm könnte es wohl etwas kühler sein. Dorthin will Wolfgang Mahlow auch gelangen, aber nur nach getaner Arbeit – wenn nämlich der aus einem Eichenstamm gefertigte Bär in aufrechter Stellung seinen Platz neben dem Gästehaus „Villa Hermani“ einnimmt.

Vorläufig sind nur die Ansätze der Bärenohren zu erahnen, die der gut über die 60 Jahre alte deutsche Künstler aus dem harten Eichenholz mit seiner schweren Motorsäge herausgeschnitten hat. Bei einer kurzen Pause im Schatten der Gästehaus-Terrasse erzählt der rüstige Rentner – vor ihm steht eine Holundersekt-Kanne –, wie es zu dieser auch für ihn nicht alltäglichen Herausforderung gekommen ist.

Über das Ehepaar Hermann und Katharina Kurmes und ihre „Villa Hermani“ hatte er eher zufällig auf einem Campingplatz bei Hermannstadt zum ersten Mal etwas gehört. Das sei etwas Interessantes, zumal sich ja in der Nähe auch Bären herumtreiben sollen – Bären, die immer wieder für Schlagzeilen, auch im deutschen Fernsehen sorgen. Die müsse er auch vor Augen bekommen, sagte sich Mahlow und fuhr mit seinem blauen Ford-Transit in Richtung Zărneşti los.

Es ist seine zweite Rumänien-Reise, die er Anfang Juni antrat. Das erste Mal war er vor fünf Jahren hier. Damals konnte der Globetrotter Mahlow bemerken, wie sich Hermannstadt zur europäischen Kulturhauptstadt mauserte. Land und Leute, Landschaften und hiesige Gastfreundschaft faszinierten ihn von Anfang an, trotz der schlechten Presse und der Warnungen vor den Zuständen im neuen EU-Mitgliedsstaat.

Inzwischen haben ihn seine Erlebnisse nur in seiner Entscheidung bestätigt, nochmals Rumänien zu bereisen. Das tut Mahlow, der seinen Wohnwagen in seiner Heimat nahe Cottbus, im Spreewald, abgestellt hat, mit dem von ihm ausgebauten Ford-Transit-Kleinbus. „Da schlaf, da wohn ich.“ Mehr brauche er nicht, er koche sich selber und ernähre sich zurzeit vor allem von Obst und Gemüse, erzählt uns Mahlow lachend, wobei er sich noch ein  Glas kühlen Holundersaft einschenkt. Selbst beim Gasthaus schaut er nur ab und zu herein, wobei ihm dort ja Küche und Bademöglichkeit gern angeboten werden. „Geld ist kein Thema, ich bin anspruchslos und brauche nur den Sprit zu bezahlen“, versichert der Bildhauer, der sich nun gut seit 40 Jahren professionell mit Holzskulptur beschäftigt und in seiner Heimat zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der Keramikkünstlerin Marlies Rademacher, eine Kunstgalerie betreibt.

Die zweite Rumänienfahrt führte Wolfgang Mahlow zunächst in den Norden des Landes, in die Maramuresch, genauer gesagt nach Oberwischau/Vişeu de Sus und ins malerische Wasser-Tal mit seiner bekannten Schmalspurbahn. Er bot sich an, vor dem kleinen Bahnhof eine Holzbank anzufertigen, links mit einem Bären und rechts mit einer Eule verziert. Holz gab es da jede Menge, die Werkzeuge hatte er wie stets bei sich und die Arbeit ging gut voran. Allerdings war der Künstler Mahlow etwas enttäuscht von der Art und Weise, wie seine Arbeit vor Ort bei manchen Leuten ankam. „Die Reaktion war zu schwach“, meint er. Vielleicht, könnte man als Außenstehender hinzufügen, weil ja in diesem Landesteil Holzschnitzerei etwas Alltägliches ist.

In Măgura war ihm schnell klar, was vor der „Villa Hermani“ passen würde. „Ein schöner Bär“ sollte es sein. Und vielleicht kommt noch ein Eule hinzu, als Beginn eines Skulpturenparks, da bereits ein kleinerer Wolf aus Holz vor dem Eingang Wache hält. Da das Holz noch nicht da war und sich eine Einladung an die Schwarzmeerküste und ins Donaudelta ergab, machte Mahlow zwischendurch einen Abstecher dorthin. Bei einem gebürtigen Siebenbürger Sachsen, der dort ein Grundstück besitzt, arbeitete er bei der Anfertigung eines kleinen Schiffes mit, mit dem anschließend, zusammen mit fünf Iren, die gerade eine Weltumseglung durchführen, eine Jungfernfahrt durchs Delta vorgenommen wurde. „Super“ sei das gewesen – ein weiterer Beweis, dass auf seinen Reisen immer viel los ist. Der Schwarzmeer-Aufenthalt war erholsam, aber nur anfangs, denn letzt-endlich, bei „zu viel Krach und zu vielen Menschen“, zog es ihn doch zurück in die Stille der Berge und zu Familie Kurmes, die er auf keinen Fall enttäuschen wollte.

Er war selbst etwas überrascht, als er den rund 2,70 Meter großen, bestimmt hundertjährigen Eichenstamm vorfand, aus  dem er nun einen Bären heraussägen sollte. Acht Leute hatten den Stamm transportiert und aufgestellt. Nun heißt es, sich von außen an diese Plastik langsam ranzuarbeiten. Das sei wortwörtlich eine „schwere Arbeit“, sagt der Holzkünstler. Die Kettensägezähne seien für einen Querschnitt zur Maserung des Holzes konzipiert, aber in seiner Arbeit schneide er hauptsächlich längs und schräg, sodass er mächtig nachdrücken müsse. „Wenn man die Motorsäge absetzt, summt sie drmmm, drmmm, also ‘Mach weiter! Mach weiter!’”

Die Elektrosäge für Feinarbeiten schalte man hingegen einfach aus und dann ist es wirklich aus … und Zeit zum Nachdenken. Für Krallen, Maul und weitere schwierigere Teile benötige er außerdem einen Beitel. Schleifarbeiten am Endprodukt entfallen, denn „der Bär ist rau und soll auch so bleiben“ sagt Mahlow. Was noch hinzukommt, ist das Einpinseln der Skulptur mit Öl, um die Maserung besser zu erkennen. Mit dem Gasbrenner kann das hellere Splintholz eventuell dunkler gemacht werden. Dieser Effekt wird dann vom Öl vervielfacht. Hinzu kommt noch Bildhauerwachs, der dem Werk einen leichten Glanz verleiht, das Wasser abperlen lässt und auch die Rissbildung verzögert.

Eine Skulptur im harten Eichenholz hält eigentlich „ewig“, aber einen gewissen Trick gibt es doch, verrät Mahlow. Auf der hinteren Seite der Holzskulptur wird ein tiefer Schnitt in der Mitte angebracht. „So kann das Holz arbeiten, wie ich das will; ansonsten sucht sich das Holz allein den Weg. Dann gibt es Risse, die vielleicht durch Nase und Auge führen.“ Dass kleine Risse dennoch entstehen, müsse man hinnehmen, denn man arbeite letztendlich mit Holz und nicht mit Plastik.

Diesen Bären, die Eule und andere Werke sieht der deutsche Holzgestalter als von ihm  hinterlassene „Fußabdrücke“ in einem Land, wo er sich gut fühlt, wo er schöpferisch wirken kann. „Ich würde am liebsten hierbleiben“, sagte Mahlow einmal während unseres Gesprächs. In der DDR habe er alles „von A bis Z“ miterlebt, nun bekomme er seine Pension. Nicht fürs Bildhauern –  das Studium in Dresden hatte er abgebrochen und musste einem anderen Beruf nachgehen. Aber ein banales Rentnerdasein in Deutschland – das ist nicht seine Sache. Auch wenn seine Partnerin davon nicht gerade begeistert ist, der blaue Ford-Transit, die Reisen und die dabei entstandenen Tierskulpturen sind sein Leben.

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